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ZÜRICH/ Opernhaus: DIE GEZEICHNETEN. Premiere

"Seelen-Striptease à la Hollywood“

24.09.2018 | Oper


John Daszak, Catherine Naglestad, Thomas Johannes Mayer. Copyright: Monika Rittershaus

Opernhaus Zürich: DIE GEZEICHNETEN (Franz Schreker) – Premiere am 23.9.2018

„Seelen-Striptease à la Hollywood“

Wenn am Schluss der Oper der geschmähte Alviano im Wahnsinn endet und das üppig aufblühende Orchester plötzlich klanglich wie in einem Badewannen-Ablauf versickert, ist man erschüttert und quasi erschlagen von dieser in letzter Zeit wieder öfter ans Licht geholten seltsamen Oper von Franz Schreker. Der Komponist, der selbst das umständliche Libretto zu seiner 1919 uraufgeführten Oper geschrieben hat, hat sich wohl auch selbst in der Hauptfigur, dem physisch und seelisch verkrüppelten Alviano gespiegelt. Auch ihm wurde übel mitgespielt, von Neidern und vor allem von den Nazis, bis er 1934 an einem Schlaganfall  starb.

Barrie Kosky ist sicher einer der prädestiniertesten Regisseure, ein solch umstrittenes und eben nicht einfaches Werk zeitgemäss auf die Bühne zu bringen. Die Insel der Orgien namens „Elysium“, die erst im 3. Akt Schauplatz der fatalen Handlung ist, wird nur mehr angedeutet und gespenstisch stilisiert. Eine gute Lösung, wo doch heutzutage eine Orgie auf der Opernbühne kaum noch dargestellt werden kann, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.

Doch von Beginn: Die Bühne (Bühnenbild: Rufus Didwiszus) ist stets ein geschlossener Raum, quasi die berühmte „Schuhschachtel“, in der die Agierenden wie in sich selbst gefangen sind. Alviano, der verunstaltete Schöngeist hat hier eine Art Museum von Marmorfiguren eingerichtet. Alles schöne Menschen, Ideal-Menschen, und der Gedanke an Arno Breker liegt nicht fern. So muss natürlich die weibliche Hauptfigur des Stückes – das Objekt der Begierde – Carlotta nicht eine Malerin, sondern eine Bildhauerin sein.

In der grossen Szene im 2. Akt, wenn Carlotta Alviano zu seiner eigenen Verwunderung als Modell gewählt hat, schafft sie ihm aus Lehm Hände, die ihm fehlen – aber auch nicht echt sind. Mit diesen aufgepfropften Lehmhänden zeichnet sie ihn dann. Das heisst, sie hat ihn sich zurecht gemacht. Das hat durchaus etwas Zynisches. So ist es auch durchaus logisch, dass sie Alviano, nachdem sie ihn zu einer Kunstfigur geformt hatte, wieder fallen lässt und sich dem „Herrenmenschen“ Tamare hingibt. Bei Kosky ist die Handlungsweise von Carlotta wohl verständlicher als im originalen Libretto, wo man meinen könnte, Carlotta liebe Alviano wirklich. Hier benutzt sie ihn eindeutig nur als „Kunst-Objekt“ und korrumpiert sich selbst. Kosky sieht Carlotta als Benutzende und nicht als Liebende.

Es ist nichts als folgerichtig, dass sie die à la Pasolinis „Salò“ verkommene Orgien-Insel „Elysium“ aufsucht und sich dort als „Beute dem Stärksten“ hingibt.


Catherine Naglestad, John Daszak. Copyright: Monika Rittershaus

Die Inszenierung von Barrie Kosky gibt sich in den beiden ersten Akten brav, aufs spartanisch-grau Kühle reduziert und – das muss auch gesagt werden – mit wenig stringenter Personenführung. Die Herzattacken Carlottas wirken gespielt – war das so beabsichtigt? Im dritten Akt dann gibt Kosky inszenatorisch Gas und bekennt Farbe. Allerdings ergibt sich infolge gewaltiger Striche die Schlüssigkeit nicht, weshalb Alviano nun der Sündenbock ist und der Herzog zum Ankläger wird. Eine Entführung hat ja das ganze Lügengebäude (was auch zur Rede kommt!) zum Einsturz gebracht. Gut wieder, wie Kosky den Mob zum Ankläger für dessen eigene Verbrechen macht. Aber irgendwie scheint mir, dass Kosky nicht so ganz an sein Vorhaben glaubt, diese Geschichte glaubhaft auf die Bühne bringen zu können oder gar zu wollen. Die Handlungen der Hauptfiguren werden letzten Endes nicht klar gemacht. Es bleiben – ehrlich gesagt – zu viele Fragen offen.

Auf der sängerisch-musikalischen Seite gab es respektheischende Leistungen zu konstatieren. John Daszak als Alviano war – in diesem Konzept – ein glaubhafter Alviano und begab sich mit einer Selbstentäusserung sondergleichen in diese Charakterrolle. Dass er stimmlich zuweilen an die Grenzen kam, sei nicht verschwiegen, kann aber als Ausdruck in seine Rolleninterpretation integriert werden. Als Carlotta war Catherine Naglestad äusserst selbst- und stimmsicher bei der Sache. Ihre mittlerweilen in der Höhe scharf gewordene Stimme passt hervorragend zu dieser Interpretation der ausnützenden Künstlerin. Sie vermag sich hervorragend gegen die aus dem Orchestergraben ungedämmt dröhnenden Klangmassen durchzusetzen. Sicher, das ist ein gross-instrumentiertes Werk. Aber in einem kleinen Haus wie Zürich sollte auch der in diesem Repertoire höchst erfahrene Dirigent Vladimir Jurowski zur Einsicht kommen, dass weniger mitunter auch mehr ist.

Thomas Johannes Mayer ist ein verlässlicher Sänger-Darsteller, hier als Tamare stimmlich tadellos und darstellerisch rollendeckend. Eine sehr gute Besetzung! Bei den „Nebenfiguren“ -wie die sechs „Kumpane“ von Tamare – seien unter anderen Ruben Drole, Cheyne Davidsen und bei den drei Senatoren Alexander Kiechle stellvertretend für das zahlreiche Personal lobend erwähnt. Dann der tänzelnde Herzog von Christopher Purves und der Podestà von Albert Pesendorfer mit seiner Entourage, beide adäquat besetzt.

Wie gesagt, aus dem Orchestergraben klang‘s toll – die Philharmonia war gut unterwegs – aber eben viel zu laut: das Dirigat von Vladimir Jurowski ist sicher sehr kompetent, aber eben nicht den akustischen Bedingungen des Züricher Opernhauses angepasst. Die wenigen Chor-Einsätze waren wie immer professionell vorbereitet und dargeboten (Einstudierung: Janko Kastelic).    

Alles in allem: Ein nicht ganz unumstrittenes Werk in einer nicht rundum gelungenen Umsetzung ist allemal besser als die hundertste Tosca oder Bohème…

John H. Mueller 

 

 

 

 

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