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ZÜRICH/ Opernhaus: DIE GESCHICHTE VOM SOLDATEN. 4. und vorerst letzte Vorstellung

17.05.2021 | Oper international

Igor Strawinsky: Die Geschichte vom Soldaten, Opernhaus Zürich, Vorstellung: 16.05.2021

 (4. Vorstellung • Premiere am 13.05.2021)

«Zwischen Chur und Walenstadt heimwärts wandert ein Soldat»

Strawinskys «Geschichte vom Soldaten» zeigt, wie aus dem Zwang zur Beschränkung künstlerischer Reichtum entstehen kann. Hausherr Andreas Homoki führt die Beschränkung weiter und steigert den künstlerischen Reichtum noch.

Die Geschichte vom Soldaten - Oper - Opernhaus Zürich
Teufel/Erzähler: Martin Zysset; Soldat/Erzähler: Ruben Drole; Musikerinnen und Musiker der Philharmonia Zürich. Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf

«Da ich mich nach der Kriegserklärung auf das Gebiet der Schweiz beschränkt sah, bildete ich mir dort einen kleinen Kreis von Freunden. Es waren dies hauptsächlich C.-F. Ramuz, René Auberjonois, die Brüder Alexandre und Charles-Albert Cingria, Ernest Ansermet, die Brüder Jean und René Morax, Fernand Chavannes und Henri Bischoff.» So erinnert sich Strawinsky in «Mein Leben» und wie so oft sind die Erinnerungen zu relativieren. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs waren Strawinskys Verbindungen zu Russland abgeschnitten. Er erhielt keine Tantiemen mehr und 1917 konfiszierte die Revolution seinen Besitz. Er musste sich in der Schweiz nicht nur einen Freundeskreis, sondern eine neue Existenz aufbauen. Entscheidend für Strawinskys Zeit in der Schweiz war die tiefgreifende Künstlerfreundschaft mit dem Dirigenten Ernest Ansermet (1883-1969).

Vom Herbst 1917 an wälzten Strawinsky und Ramuz Pläne für ein neues Musiktheaterwerk. Das neue Werk war für eine Wanderbühne konzipiert: ein Grund war der gewollte Kontrast zum Klang- und Farbenreichtum der Spätromantiker und Impressionisten, der andere die Notwendigkeit der materiellen Einschränkung gegen Ende des Krieges und in der Nachkriegszeit, als das Stück auf Tournee gehen sollte. Als Vorlage hatten die beiden Künstler das Märchen «Der fahnenflüchtige Soldat und der Teufel» aus der Strawinsky seit Kindertagen bekannten Sammlung «Narodnye russkie skazki» («Russische Volksmärchen») von Alexander Nikolajewitsch Afanassjew (1826-1871). Arbeitsgrundlage war dann eine bis Februar 1918 von Ramuz erarbeitete Handlungsskizze. Während der Entstehung wurde der Maler René Victor Auberjonois als Ausstatter in Planung miteinbezogen. Die kriegsbedingte Kostensteigerung für Material und Transport und die vergebliche Suche nach Geldgebern unter den russischen Emigranten verunmöglichte die Finanzierung aus eigenen Mitteln. Schliesslich rettete der Winterthurer Mäzen Werner Reinhart (1884-1951) die Produktion. Die geplante Tournee wurde durch die Spanische Grippe verunmöglicht.

Die Geschichte vom Soldaten - Oper - Opernhaus Zürich
Teufel/Erzähler: Martin Zysset; Soldat/Erzähler: Ruben Drole. Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf

 

Für die Produktion der «Geschichte vom Soldaten», Premiere des Zürcher «Öffnungs-Spielplans» nach gut sechs Monaten Corona-Pause, hat Regisseur Andreas Homoki das Personal auf neun Künstler reduziert. Die Figur des Erzählers ist auf den Soldaten und den Teufel aufgeteilt: Soldat und Teufel sprechen die erzählenden Passagen und verwandeln sich bei direkter Rede und Dialogen in die Figuren. Da sich das Bühnenpersonal noch in Kurzarbeit befindet, wird das Stück auf dem hochgefahrenen Orchestergraben auf quasi leerer Bühne (Ausstattung: Jeanette Seiler) gespielt. Die beeindruckende Lichtgestaltung stammt von Franck Evin.

Martin Zysset als Teufel / Erzähler und Ruben Drole als Soldat / Erzähler überzeugen mit natürlichem Spiel, grosser Bühnenpräsenz und perfekter Diktion.

Keine weiteren Aufführungen.

Programmheft zur Produktion:

https://issuu.com/opernhauszuerich/docs/ph_gesch_vom_soldaten_20-21_issuu

 

16.05.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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