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ZÜRICH: NORMA mit Cecilia Bartoli als hinreissende Norma. Premiere

11.10.2015 | Oper

Zürich: Norma Premiere 10.10.2015

Cecilia Bartoli als hinreissende Norma nun auch in Zürich

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Cecilia Bartoli, John Osborn. Foto: Hans Jörg Michel

Nun ist also die Salzburger „Norma“ in Zürich angekommen und wird von hier, dem eigentlichen Stammhaus von Cecilia Bartoli, ihren Ausgang zu einer Tour nehmen. Als nächste Station wurde bereits Monte Carlo bekanntgegeben. Weitere Aufführungstheater werden noch genannt werden. Die vom Regisseuren-Team Moshe Leiser und Patrice Caurier ins faschistisch besetzte Frankreich versetzte „Norma“ erfährt durch diese Verdeutlichung ungemein an Stringenz. Norma ist nicht mehr eine unnahbare Druiden-Priesterin, sondern eine Frau mit allen ihren Stärken und Schwächen wird hier gezeigt, die als mentales Kraftzentrum der Résistance an sich und ihren Idealen scheitert. Der Konflikt zwischen der Pflichterfüllung als „Priesterin“ und ihrem Verrat, mit einem der Okkupanten nicht nur ein Verhältnis, sondern auch Kinder zu haben, zerreisst diese Frau. Und Cecilia Bartoli ist es, die dieser Interpretation ihre charismatische Persönlichkeit verleiht und mit ihrem „ganzheitlichen“ Künstlertum ungemein zu faszinieren und auch zu berühren vermag. Durch die Herausgabe der kritischen Edition der „Norma“ durch Maurizio Biondi und Riccardo Minasi konnten Korrekturen hinsichtlich Stimmfach-Besetzung, Tonarten, Striche etc. angebracht werden. Wesentlich scheint für diese neue Erkenntnis aufgrund der ursprünglichen Besetzung die Besetzung der Norma mit einem dunklen Sopran (Giuditta Pasta) und der Adalgisa mit einem hellen Sopran (Giulia Grisi). Damit wäre auch das Altersverhältnis wieder ins rechte Licht gerückt und die ganze Geschichte, in deren Mittelpunkt das Schicksal der Norma steht, wird selten so erfahr- und spürbar wie in dieser Aufführung. Und dazu ist sicher Cecilia Bartoli die absolut richtige Protagonistin. Mit ihrem warmen, betörenden Timbre vermag sie in tausendfacher Färbung den Emotionen dieser Partie nicht nur gerecht zu werden, sondern ihnen auch eine höchst berührende Beseelung einzuhauchen. Die stimmliche Darbietung der Bartoli ist daher nicht so sehr auf grosse Stimmentfaltung angelegt – wie könnte sie auch, wenn sie wollte -, sondern auf eine Erkundung in die letzten Ecken der höchst sensiblen Belcanto-Linienführung eines Bellini. So wurden gerade die mustergültig gestalteten Rezitative zum Ereignis. Welche Wortverständlichkeit bei vollem Stimmklang! Das Drama um das Schicksal dieser Frau wurde in Musik umgesetzt. Etwas nervös noch zu Beginn in der Cavatina „Casta diva“, was aber durchaus zur Doppelbödigkeit dieser Arie passte, befreite sich die Bartoli in der grossen Duo-Szene (1. Akt) mit Adalgisa und dem daran anschliessenden Trio-Finale zur grossen Tragödin. Die Szene mit den Kindern war hervorragend gelöst und die Berg- und Talfahrt der Gefühle konnte Cecilia Bartoli auf eine ungemein unmittelbare Weise, ohne plakativ zu werden, rüberbringen. Und als wahres Wunder muss die Schluss-Szene (2. Akt) ab dem Duett „In mia man tu sei alfin“ genannt werden, wo Cecilia Bartoli als Norma zugleich Pollione mit dem Messer in der rechten Hand bedroht, als sie auch zugleich mit der linken Hand seine Schulter umfasst und liebkost: unglaublich! Das Finale, von allen Norma-Sängerinnen gefürchtet, wird zum Höhepunkt. Die Sängerin beginnt in einem unglaublichen Pianissimo und steigert sich bis zum Selbstopfer und Feuertod (Ein Flammen-Inferno gemahnt an eine Götterdämmerung!).

Dass dies alles zu einer Einheit gefügt und auch harmonisch zusammenklang, ist dieser Zusammenarbeit mit dem Regisseuren-Team Moshe Leiser/Patrice Caurier natürlich auch dem Dirigenten Giovanni Antonini mit der Scintilla-Formation des Opernhaus-Orchesters Philharmonia zu verdanken. Das Bühnenbild von Christian Fenouillat und die Kostüme von Agostino Cavalca im Stil der dreissiger/vierziger Jahre brachten die Erinnerung an eine Vergangenheit zurück, deren Ende dieser Tage erst entsprechend gewürdigt wurde.

„Norma“ wurde zu einem Drama in unserer Zeit. Die traumhafte Musik Bellinis bildet dazu nicht einen Widerspruch, sondern verstärkt geradezu die Brutalität des dramatischen Geschehens. Die Scintilla musizierte auf höchstem Niveau und manche unvertraute Instrumentierung trug zum dramatischen Geschehen bei. Der Chor der Radiotelevisione Svizzera italiana di Lugano (Einstudierung: Diego Fasolis und Gianluca Capuano) war sowohl in den verhaltenen Einwürfen als auch im „Guerra“-Ruf gleichermassen perfekt bei der Sache.

Doch Cecilia Bartoli war ja nicht allein auf der Bühne. Ihre Partner trugen ebenso zum Erfolg dieser Aufführung wesentlich bei. Das ist die ausnehmend lyrisch besetzte Adalgisa von Rebeca Olvera zu nennen, die hier nicht die dröhnende Rivalin Normas ist, sondern in diesem Trauerspiel zum unschuldigen Spielball der Gefühle wird. Grossartig von der Regie das Gespräch der beiden Frauen am Küchentisch: ja, so finden in er Tat solche Gespräche statt! Rebeca Olvera sang mit einem Sopran, der an Reri Grist erinnert, schlank, lyrisch, mit wohlgeführtem Sopran, der bei aller Lyrik in die letzten Ecken des Opernhaus dringen konnte. John Osborn ist als Pollione heutzutage sicher eine Option, doch enttäuschte er, indem er seine Arie gar zu sehr „tenoral“ sang, auf gestemmte Spitzentöne setzte, was eigentlich für diese Interpretation nicht unbedingt passend war. Osborn ist aber ein sicherer Sänger und war darstellerisch als Pollione hier wirklich der nicht gerade sympathische Mann. Péter Kálmán als Oroveso sang mit grossem Bass kultiviert und vermochte gleichzeitig die Sturheit des Vaters von Norma darzustellen. Sehr gut was Liliana Nikiteanu als Clotilde, woran man sehen kann, was eine bewährte Künstlerin aus einer Nebenrolle alles heraus holen kann. Auch luxuriös besetzt war Flavio mit Reinaldo Macias, dem wir immer wieder gerne begegnen.

Diese Norma ist nicht ein Medien-Ereignis – das wäre zu kurz gegriffen: Es ist grosser Opern-Theater-Abend mit dem Kraftzentrum namens Cecilia Bartoli.

John H. Mueller

 

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