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ZÜRICH: MEDÉE von Marc-Antoine Charpentier. Barock-Revue auf zwei Ebenen – Premiere

22.01.2017 | Oper

Zürich: MÉDÉE (Marc-Antoine Charpentier) – Premiere 22.01.2017  

Barock-Revue auf zwei Ebenen

nhz
Stéphanie d’Oustrac. Copyright/ Opernhaus Zürich/ Toni Suter/ Tanja Dorendorf

 

Die im Hoch-Barock – unter Ludwig dem Sonnenkönig – von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704) auf den Text von Thomas Corneille, dem Bruder des berühmten Dramatikers, komponierte Oper ist ein interessantes Zeugnis ihrer Zeit. Aufschlussreich ist, dass einige Zeitgenossen Charpentiers auch den Medea-Stoff „veropert“ haben. Die als „Tragédie lyrique“ bezeichnete Oper trifft den Charakter des Werkes: viele ausdrucksvolle Rezitative, die in kurze Arien und Ensembles münden. Jeder der fünf Akte wird durch ein Divertissement beschlossen, also im traditionellen Sinn gemeintes Ballett. Dieses wurde hier weggelassen und die Musik zur stummen „Handlungs-Verdeutlichung“ verwendet. Naja.

Hausherr Andreas Homoki hat mit Hartmut Meyer (Bühnenbild) und Franck Evin (Lichtgestaltung) eine Interpretation geschaffen, die der durch William Christie historisch informierten Aufführungspraxis im Orchestergraben (natürlich hochgefahren, gross besetzt) entgegengesetzt ist und eigentlich widerspricht.

Zu Beginn feiert der als Baseball-Sportsleute gekleidete (Kostüme: Mechthild Seipel) Chor nicht den Sieg in einem Krieg, sondern den ihrer eigenen Mannschaft. Die ganze Handlung wird in der Folge auf dieses Niveau „heruntergebrochen“, wohl um das Auftreten Medeas als Fremde besonders zu akzentuieren. Die Stile werden munter gemischt und in der Verführungsszene von Oronte wird „Cabaret“ gespielt, natürlich mit Showtreppe, und sogar Marlene und Chaplin treten – allerdings als nicht besonders überzeugende Imitate – auf. Die von Medea beschworenen finstern Mächte erscheinen als Woodoo-Zauber, wobei die Darstellung von Schwarzen nicht unbedingt von der Feinfühligkeit im Umgang mit der Political Correctness zeugt. Verblüffend der Effekt des in der Presse angekündigten Rön-Rades mit Rokoko-Damen, die den König Kreon in den Wahnsinn treiben. Die Bühne, unterteilt in zwei Ebenen, ermöglicht Simultan-Spielflächen, die aber durch dauerndes Auf- und Abfahren mehr die Technik des Opernhauses Zürich demonstrieren als die dramaturgische Schlüssigkeit. Doch, es gibt durchaus auch grossartige Momente, wenn beispielsweise Medea in ihrem Triumph nach oben gefahren wird, was aber offenbar nur aus der Perspektive des Parketts diesen Effekt hat. Zudem wird den Sängerinnen und Sängern Einiges an Kletter-Übungen abverlangt, was aber heutzutage nun mal halt so Sitte ist…

 Auf der Bühne beherrschte Stéphanie d’Oustrac als Medea die Bühne. Als in einen roten Sari (oder Toga) gehüllte „Fremde“ kann sie mit ihrem flexiblen Mezzo in Stimm-Farbgebungen, in der tadellosen französischen Diktion (überhaupt ist dies ein grosses Plus dieser Produktion für alle Mitwirkenden!), unterstützt durch eine sprechende Körpersprache, den Charakter Medeas verständlich, ja, man möchte fast sagen, nachvollziehbar machen. Denn so wie in dieser Version mit Medea umgegangen wird, macht letztlich auch die Tötung ihrer beiden Kinder aus ihrer Perspektive einsehbar. Dazu trägt bei, dass ihr Marc-Antoine Charpentier in der grossen Szene, wo sie in der Rache auf den Kindestod sinnt, eine von echtem Pathos getragene Leidens- und Trauermusik komponiert hat. Als Jason hörten wir den Haute-Contre Reinoud Van Mechelen, der doch eine relativ baritonal timbrierte Stimme sein eigen nennt und den Treulosen als unbedachten Schwächling darstellt. Als Dritter im Bunde war Nahuel Di Pierro ein bis an die Grenze der Karikatur gehender König Kreon, der gut sang und hier seine gesanglichen Vorzüge besser einsetzen konnte als letzthin beim Osmin.

Gut getroffen war Ivan Thirion in der Darstellung des tapsigen und dümmlichen Kriegers Oronte. Melissa Petit als darstellerisch ziemlich farblose Kreusa konnte stimmlich gefallen, etwas weniger Carmen Seibel als Medeas Dienerin Nérine. Spencer Lang war wie die vielen andern Sängerinnen und Sänger, die hier nicht alle namentlich aufgeführt werden sollen, gut eingesetzt: Alle konnten das Niveau der Aufführung halten.

Dies haben wir in erster Linie dem „Altmeister“ William Christie zu verdanken, der uns eine klanglich sinnliche, vollmundige Interpretation einer Barock-Oper präsentierte: welche Wohltat gegenüber der anämisch akademischen Darmsaiten-Kultur….Die fabelhafte Orchester-Formation der Philharmonia La Scintilla und das mit sieben (!) Musikern (2 Cembali, 2 Lauten, 1 Cello, 1 Gambe, 1 Violone) besetzte Continuo sorgten für üppigen, doch immer transparenten Klang. Der Chor (Einstudierung: Jürg Hämmerli) sang, besonders bei den Damen, mit klanglicher Delikatesse (Verführungsszene!).

Fazit: Die Inszenierung Homokis bot Vieles, doch nichts wirklich Schlüssiges, aber eine Revue aus verschiedensten Stil-Richtungen. Zum Erfolg führten aber das „sängerische Personal“, allen voran die fabelhafte Stéphanie d’Oustrac“, die Scintilla und Willam Christie!

John H. Mueller  

 

 

 

 

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