Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ZÜRICH: LOHENGRIN. Der Ritter vom Silberwald

10.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Zürich – Opernhaus – „Lohengrin“  – Besuchte Vorstellung vom 09.10.2014. Der Ritter vom Silberwald

Unbenannt
Klaus Florian Vogt auf den Schulter seiner neuen „Mannen“. Foto: Monika Rittershaus
 
 Während das Vorspiel erklingt, hebt sich der Vorhang und gibt den Blick auf die Bühne frei. Wir befinden uns in einem fensterlosen, holzgetäferten Raum, den man ohne weiteres als „Festsaal“ eines bayerischen Gasthofes deuten kann. Im Vordergrund ein blumengeschmückter Sarg, vor ihm Elsa und ihr Bruder Gottfried in tiefer Trauer. Wir erkennen: Zu Sterben kam der Herzog von Brabant – und es wird mit der gesamten Jäger- und Bauerngesellschaft in den entsprechenden Trachten Abschied genommen. In einem weiteren Bild erfahren wir denn auch, dass Telramund gar nicht freiwillig auf Elsas Hand – vom Vater ihm verliehen – verzichtet. Auch nahm er nicht darauf hin ein Weib, das seinem Sinn gefiel, es war wohl eher umgekehrt … – Vorgeschichte im Vorspiel, warum nicht.

Regisseur Andreas Homoki inszeniert die Geschichte um den Schwanenritter als Heimatdrama von Ganghofers Gnaden. Interessant gerät dabei besonders das Finale, in welchem Elsa erkennt, dass sie die weiteren Geschicke selbst in die Hand nehmen muss, in dem sie Lohengrins Horn, Schwert und Ring selber an sich nimmt, während der wiedergekehrte Gottfried angstvoll die Knie seiner Schwester umklammert. Dies alles unter dem Hohngelächter von Ortrud, welche in dieser Inszenierung folgerichtig nicht entseelt zu Boden sinkt, sondern überlebt – und ihren nächsten möglichen Angriff auf Elsa ins Auge fasst. Es ist also mit beiden Damen zu rechnen – Gut und Böse bleiben unzertrennlich. Abgesehen von diesem Ansatz und dem inszenierten Vorspiel ist Herrn Homoki – für mich völlig überraschend – nicht wesentlich mehr eingefallen. Und so gerät die Inszenierung zu einem absehbaren Heimatfilm, welcher in dem hölzernen, eintönigen (reichlich braunen – was wohl nicht nur farblich zu verstehen ist) Bühnenbild (Kostüme (grossartig) und Bühne: Wolfgang Gussmann) je länger desto mehr an Spannung verliert. In den Pausen wird die Inszenierung kontrovers diskutiert. Ein Zuschauer ärgert sich über die Kostüme, ein anderer beschliesst nach dem zweiten Akt entnervt seinem Begleiter den dritten Akt im Auto vorzuspielen und jetzt essen zu gehen.

unh
Petra Lang (Ortrud) und Klaus Florian Vogt (Lohengrin). Foto: Monika Rittershaus

 Der 9. Oktober steht musikalisch unter einem nicht sehr glücklichen Stern: So scheint die Philharmonie Zürich unter der Leitung von Simone Young in den lauten Passagen die Instrumente zu zersägen. Dramatik drückt Frau Young durch schier unkontrollierte Lautstärke aus. Im Vorspiel zum dritten Akt hält sich der eine oder andere Zuschauer die Ohren zu, so heftig kracht es im Orchestergraben. Bei den feinen, lyrisch-sensiblen Stellen setzt die Dirigentin auf kaum differenzierte Piani sowie schleppend langsame Tempi und zieht damit die Akte unnötig in die Länge. Das hölzerne Dirigat nimmt der Musik jeden Zauber und passt bestenfalls zum Bühnenbild. Der Chor der Oper Zürich mitsamt Chorzuzügern, Zusatzchor und SoprAlti (Choreinstudierung: Jürg Hämmerli) präsentiert sich bestens disponiert, mal von den solistischen Brautjungfern abgesehen, welche im dritten Akt kräftig vibrierend um die Wette gurgeln. Spencer Lang, Iain Milne, Bastian Thomas Kohl und Andri Björn Robertsson – alle vier vom Internationalen Opernstudio – bewähren sich als die vier brabantischen Edlen. Der Heerrufer Michael Kraus kämpft sich tapfer aber mit doch deutlich vernehmbarer Mühe durch seinen Part, ebenso zeigt Christoph Fischesser als König Heinrich heute vereinzelt Ermüdungserscheinungen im Kampf gegen die Klangorkane aus dem Orchestergraben. Martin Gantner gefällt als stimmlich und darstellerisch ausgeglichener Telramund. Petra Lang als Ortrud ist sowohl in der Darstellung als auch musikalisch das Highlight des Abends. Im roten Dirndl hat sie als böse, stämmige Wirtin oder Bäuerin ihren Gemahl und den Rest der Welt fest im Griff. Elza van den Heever versucht als Elsa gesanglich zu differenzieren, kommt aber dabei kaum auf einen grünen Zweig – sie und das Orchester finden sich nicht. Gerade in ihren lyrischen Momenten wird sie vielfach vom Orchester übertönt. Weitgehend routiniert meistert Klaus Florian Vogt die Titelpartie. In seinem bayerischen Outfit lässt sich eine äusserliche Ähnlichkeit mit Hansi Hinterseer nicht leugnen. Und so legt die Regie die Rolle auch an: Als blonden, strahlenden Saubermann –  wohl eher aus dem Silberwald als von der Gralsburg stammend – der mit mehr Glück als sonst etwas, den Zweikampf – wohlgemerkt unbewaffnet – gegen Telramund für sich entscheiden kann und als unbezweifelter Sympathieträger sämtliche Herzen erobert. Gesanglich gerät dem Tenor, welcher ja zu den Top-Lohengrins der heutigen Zeit zählt, eine zuverlässige jedoch reichlich unmotivierte Leistung, mit der er bei weitem nicht an seine glanzvollen Bayreuther Auftritte anknüpfen kann. 

– Am Schluss der Aufführung grosser Applaus für grosse Namen.

Michael Hug

 

                                              

 

Diese Seite drucken