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ZÜRICH: LIEDERABEND ANJA HARTEROS

10.06.2015 | Konzert/Liederabende

Zürich: Liederabend Anja Harteros – 10.6. 2015  

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Anja Harteros, Foto: Marco Borggreve

Wenn Anja Harteros auftritt, verbreitet sie sogleich eine Aura, die bezaubert und einen in eine erwartungsvolle Stimmung versetzt. Und gleich mit den „Sieben frühen Gesängen“ von Alban Berg zu beginnen, ist wahrlich kein Leichtes. Die Lieder sind noch freitonal geschrieben, noch nicht seriell zwölftönig, und erschliessen sich daher dem Zuhörer schnell. Die Sängerin vermochte in diesen Liedern gleich ihre fabelhafte Technik mit wunderschönen Kopftönen und weitausschwingenden Kantilenen anzuwenden, ohne dass sie das Publikum darauf hinweisen würde, hört doch, wie ich toll singe. Anja Harteros hat sich diese Technik so anverwandelt, dass sie wie selbstverständlich in ihre Kunstdarbietung eingebettet wird. Die Technik ermöglicht ihr eine in feinsten Nuancen abgestufte Interpretation. Dabei bleibt ihre Wort-Artikulation verständlich, aber auch nicht überdeutlich. Jederzeit gibt sie der musikalischen Linie den Vorrang, ohne selbstgefällig zu wirken. Das ist eben die hohe Kunst des Liedgesanges. Diese ihre Kunst wurde dann zum Ereignis in der Gruppe der Lieder von Hugo Wolf. Im Lied „Wie haben beide lange Zeit geschwiegen, auf einmal kam uns nun die Sprache wieder“ vermochte die Sängerin allein mit kleinen, fast unmerklichen agogischen Verzögerungen und der Farbgebung eine ganze Geschichte dahinter zu erzählen. Es war zuerst einmal die Tatsache gesagt, dass zwei Liebende wieder miteinander reden. Aber was war da vorher geschehen, egal, man verzeiht sich mit einem bitteren Lächeln. So kommt auch der feine Humor von Hugo Wolfs Komposition zum Ausdruck. Da muss man weit zurückgehen, bis sich eine solche Interpretation findet, etwa zu Elisabeth Schwarzkopf oder gar Elisabeth Grümmer, mit der die Harteros auch das edle Timbre mit einem vornehmen Vibrato in der Stimme verbindet. Nach der Pause sang die Künstlerin eine Auswahl von Brahms-Liedern. Wie zu erwarten mit hell timbrierter Stimme, die jedoch nicht zu hell für diese Kompositionen war. Wenn man beckmessern wollte, könnte man ihr einen ab und an  etwas lauten Ton in der Höhe ankreiden, das wäre aber wirklich kleinlich. Am Flügel musizierte kongenial Wolfram Rieger – es war ein Vergnügen der Sonderklasse, diesem wundervollen Duo zuzuhören.

John H. Mueller

 

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