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ZÜRICH: LA BOHÈME – die Bohème im Look der 68-er . Premiere

02.11.2015 | Oper

Zürich: La Bohème Premiere 1.11.2015

Die Bohème im Look der 68-er

Fotograf: Judith Schlosser

Der norwegische Regisseur Ole Anders Tandberg versetzte mit seinem Landsmann Erlend Birkeland (Bühnenbild) und Maria Geber (Kostüme) zwar nicht die Handlung nach Norwegen, sondern in einen heruntergekommenen Theatersaal offenbar in Paris, wo die vier Bohemiens wie weiland die 68-er in einer WG hausen. In einer solch realistischen Location muss natürlich Mimi nur eine Illusion bleiben. Daher tritt sie auch durch das Bühnenbild auf der kleinen „Bühne auf dem Theater“ auf. Das macht aber wenig Sinn, zumal nun das „Theater auf dem Theater“ für viele Gags und eine Verhornpipelung des Geschehens beizutragen haben. Es ist eigentlich erstaunlich, wieviel Tandberg dazu eingefallen ist. Da gibt durchaus witzige Szenen, aber auch viel Übertriebenes wie das Schneeflocken-Ballett am Zoll im 3. Bild. Aber irgendwie geholfen, die Handlung zu verdeutlichen, hat diese Inszenierung nicht. Es war mitunter hübsch anzuschauen, aber bald war man der vielen Gags überdrüssig und suchte vergeblich die „Message“ von Puccini. Jedoch davon lenkte allzu viel Klamauk und ein übertriebener Aktionismus ab. Dabei wollen wir gar nicht aufzählen, was in dieser Aufführung so alles vorkam und welche Schicki-Micki-Leute da auftraten: Karl Lagerfeld durfte  da natürlich auch nicht fehlen…Nett, aber unbedeutend und zu viel Getue auf der Bühne. –

Interessant aber war die Besetzung mit einem jungen Ensemble, denn als gute Ensemble-Leistung könnte man am besten diese Bohème-Aufführung bezeichnen. Stimmlich ausgewogen waren die vier Bohemiens mit Andrei Bondarenko als Marcello, den er schön auf Linie sang und den Maler mit sympathischem Spiel verkörperte. Auch sehr gut Adrian Timpau als Schaunard, der auf seinen wohlgeführten Bariton aufmerksam machte. Erik Anstine war als Colline der Hippie in dieser Gruppe und sang seine Mantel-Arie in einem für diese Aufführung erstaunlichen Piano. Es war übrigens ein Haupt-Manko dieses Abends, dass durchweg zu laut gesungen und die Lautstärke durch die von Giampaolo Bisanti mitunter grob geführte Philharmonia noch klanglich hochgeschaukelt wurde. Der junge Tenor Michael Fabiano, der schon an der Met singt, zeigte eine sicher geführte Tenorstimme von stählernem Strahl, dem aber – ausser in fast tonlosem Piano – manche Farbgebung, manche Flexibilität abging. Seine hohen Töne setzt Fabiano absolut sicher, manchmal etwas nachgedrückt,  aber durchaus beachtlich. Aber Fabiano sollte nicht nur veristisch in die Figur schlüpfen, sondern auch den klanglichen Finessen dieses Poeten, der so leider auf der Strecke blieb, nachhorchen. Da könnte noch Einiges zu erwarten sein. Als seine Partnerin machte ihm dies Guanqun Yu vor, die sowohl gesanglich als auch vom Spiel eine tadellose Mimi war. Die junge Chinesin verfügt über einen klaren Sopran mit einer sich öffnenden Höhe und einer klingenden Mittellage. In den Forte-Ausbrüchen war sie ebenso überzeugend – das blühte die Stimme auf – wie auch in den leisesten Piani, die bis in den hintersten Winkel des Opernhauses drangen. Eine sehr schöne Leistung! – Shelley Jackson, die uns schon in der Uraufführung von Josts „Roter Laterne“ voll überzeugt hatte, warf sich mit Engagement in die Partie der attraktiven Musetta, konnte aber stimmlich diesem verflixten Gesangspart nicht ganz gerecht werden.

In weiteren Partien waren Pavel Daniluk als Benoît. Valeriy Murgu als Alcindoro, Charles Dekeyser als Sergente und Bastian Thomas Kohl als Doganiere (beide letztere vom Opernstudio) adäquat besetzt. Der Chor der Oper Zürich und die SoprAlti (Kinderchor der Oper Zürich) waren von Ernst Raffelsberger einstudiert und sangen sicher ihre schwierigen Einsätze. – Kurz und gut, eine amüsante Aufführung, die leider etwas an der Ernsthaftigkeit dieser Oper vorbeischrammte, aber dem Publikum hat’s gefallen…

John H. Mueller      

 

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