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ZÜRICH: IL MATRIMONIO SEGRETO – mehr als nur entzückend!

30.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Zürich: IL MATRIMONIO SEGRETO – Opernhaus, besuchte Aufführung 29.10.2014

Mehr als nur entzückend!  

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Sunnyboy Dladla, Deanna Breiwick. Copyright: Tanja Dorendorf

Das hübsche Meisterwerk von Domenico Cimarosa, der nach Mozarts genialen Komödien wie „Figaro“ und „Cosi“ 1792 einen interessanten Weg mit seinem „Matrimonio“ beschritt, wird leider oft unter seinem Wert gehandelt. Die von Winterthur übernommene und nun in Zürich zur Premiere gelangte Aufführung wurde aufgrund der kritischen Edition mit Ergänzungen aus anderen Fassungen vom Dirigenten Riccardo Minasi erarbeitet. Und in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Cordula Däuper wurde eine Aufführung geschaffen, die gerade in dieser Umsetzung ihren zuweilen arg doppeldeutigen Charme entwickeln konnte. Eine hübsche Idee des Bühnenbildners Ralph Zeger, eine Art Puppenhaus auf die Bühne zu stellen, in der sich diese „heile“ Familie alles andere als lieb und nett verhält.

Die ältere Tochter Elisetta soll mit dem Grafen Robinson verheiratet werden. Im Gegenzug soll der Vater Geronimo den Adelstitel erhalten. Der Graf aber findet die jüngere Tochter Carolina viel hübscher und möchte diese heiraten. Die aber ist bereits in heimlicher Ehe mit dem nicht standesgemässen Kontorgehilfen Paolino verheiratet. Eine recht harmlose Geschichte, wäre da nicht der autoritäre, aber mitunter auch recht bösartige Vater, der seine Ziele mit Druck durchzusetzen weiss. So schreckt er auch nicht davor zurück, die widerborstige Carolina kurzerhand ins Kloster zu verfrachten. Gelingt dies nicht, wird Fidalma, Schwester des Geronimo, ihren Anteil aus dem ererbten Geschäft abziehen. Also eine ganze reale Geschichte. Das Leading Team hatte sich entschlossen, die Story zu überziehen und so die so ganz und gar nicht lustige Situation zu „verfremden“. Das geht recht gut auf. Durch die Überzeichnung der Figuren (köstliche Kostüme von Sophie Du Vinage) wird das Ganze umso grotesker: Carolina und Paolino haben heimlich geheiratet, weil es höchste Zeit war. Am Schluss kann der strenge Herr Papa nur durch den eben aufgrund der allgemeinen Aufregung geborenen kleinen Erdenbürger milde gestimmt werden. Ironie des Schicksals, dass der Graf nun in die Heirat mit der ungeliebten Elisetta einwilligt. Ob nun alle glücklich werden, ist hier wohl die Frage, und das nimmt wahrlich Nestroy‘sche Züge an. Nicht umsonst fand die Uraufführung 1792 in Wien (!) statt.

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Sunnyboy Dladla. Copyright: Tanja Dorendorf

Die Begegnung mit dieser Oper, die ganz eigene Musik enthält, die die Handlung mitunter unterstützt, dann aber wieder ironisiert, sogar konterkariert, lohnt sich alleweil. Renato Girolami verkörperte in guter Opera-Buffa-Tradition den Herrn Papa, nämlich eitel, auf Wahrung der Etikette bedacht, aber zu jedem Geschäft bereit (fast eine Rossini-Figur!), und überzeugte mit seinem flexiblen Bass. Seine Töchter waren mit der jungen Deanna Breiwick, die eine frische Sopran-Stimme ihr eigen nennt, und der erfahrenen und selbstironisch agierenden Sen Guo als ihre ältere Schwester mit reinem Sopran stimmig besetzt. Als „komische Alte“ wirkte die junge Julia Riley mit ihrem leicht geführten Mezzo als hinterhältige Intrigantin. Als Graf Robinson konnte Ruben Drole einmal mehr seine unglaubliche körperliche Artistik einsetzen und vermochte mit seinem wohltönenden Bariton für sich einzunehmen. Als Gewinner des Abends ist Sunnyboy Dladla zu nennen, der mit seinem wunderschön timbrierten lyrischen Tenor und mit angenehmen Spiel viele Bravos für sich einheimsen konnte. Das Musikkollegium Winterthur, bekannt durch seinen seinerzeitigen Chef Hermann Scherchen, musizierte mit Engagement, „Witz und Laune“ – Am Hammerklavier (absolut richtig!) waltete Andrea del Bianco mit Virtuosität seines Amtes. Und Pietro Mianiti war der Spiritus Rector dieses Abends: er hielt die Fäden in der Hand, trieb an, wo es nötig war, unterstützte die Sängerinnen und Sänger in ihren Arien, indem er mit ihnen atmete. So geriet die Aufführung zwar nicht zu einem weltbewegenden Event (die oft nicht das sind, was sie auf dem Papier versprechen!), aber wohl zu einem höchst qualitätsvollen Abend. Ein Vergnügen auf der ganzen Linie!

John H. Mueller

     

 

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