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ZÜRICH: I PURITANI. Politik und Liebe im Widerstreit . Premiere

20.06.2016 | Oper

Zürich: I PURITANI – Premiere, 19.6. 2016 

Politik und Liebe im Widerstreit  

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Pretty Yende, Michele Pertusi. Copyright: Judith Schlosser

Der Schwanengesang, den Vincenzo Bellini in seinem Todesjahr 1835 für Paris komponiert hat, birgt eine Fülle von herrlichster Musik, leidet aber unter einem dramaturgisch unzulänglichen Libretto. Dessen ungeachtet ist die Begegnung mit dieser Belcanto-Oper ein reines Vergnügen. Sopran, Tenor, Bariton und Bass haben wunderbare Arien, Duette und Ensembles zu singen. Das Orchester Bellinis weist eine reiche Farbenpalette auf, da seinerzeit in Paris die Orchester besser bestückt waren als damals in Italien. Und die Handlung? Verortet zur Zeit im England Cromwells, ist viel von Krieg die Rede, was Regisseur Andreas Homoki auch bewusst in das Zentrum dieser Inszenierung stellt. Auf der Drehbühne (Bühnenbild: Henrik Ahr) steht ein raumgreifender Holz-Zylinder, der nach einer Seite eine Öffnung hat und jeweils nach einer Drehung neue Bilder zeigt. Sind es einmal die Frauen und Brautjungfern, die Elvira als Braut schmücken, dann wieder Tableaus mit Gehenkten und mit Leichenbergen: eindeutige Zeichen für die Kriegswirren. Dem Globe-Theater abstrahierend nachempfunden, rückt das Leading-Team  Bellinis Belcanto-Oper in die Nähe von Shakespeares Dramen. Gekleidet in historische Kostüme (Kostüme: Barbara Drosihn) ist Schwarz für die Round-Heads, wie die Anhänger Cromwells genannt wurden, ebenso wesentlich wie für die Bühne. Hell sind nur die Kostüme für Elvira, Enrichetta und die Brautjungfern. Gleich zu Beginn wird man Zeuge der Flucht von Königin Enrichetta di Francia, die den Stuarts angehörig, um ihr Leben bangen muss. Die politischen  Positionen werden also klar aufgezeigt. Die Personenführung gewinnt vor allem nach der Pause einiges an Stringenz und Beruhigung, nachdem für einige Momente die Drehbühne, die mit in den Pianostellen störendem Geräusch bewegt wird, still steht und Raum  für die Interaktionen der Darsteller lässt. Der vital singende Chor der Oper Zürich (Einstudierung: Pablo Assante) wird mitunter etwa gar pauschal geführt und muss – wie überhaupt alles Personal auf der Bühne – einige Laufmeter zurücklegen. Insgesamt kann aber der Inszenierung zu Gute gehalten werden, dass sie die Handlung klar erzählt und auf jegliche Mätzchen verzichtet: wie wohltuend!

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Pretty Yende und Chor. Copyright: Judith Schlosser.

Das Hauptinteresse galt der jungen Pretty Yende als Elvira, die mit ihrer gut fokussierten und auf einer warmen Mittellage ruhenden Stimme alle Extremhöhen der Partie technisch abgesichert und mit musikalischer Selbstverständlichkeit singt. Absolut glaubhaft verkörpert sie die junge Braut, die durch die Geschehnisse hart geprüft wird und deren Geist sich innerhalb dieser Oper einige Male verwirrt. Bellini hat ja dazu auch die wunderschönste Musik geschrieben. So begeistert Pretty Yende mit „Qui la voce“ und „Rendetemi la speme“ – sehr gut die chromatischen Abwärtskoloraturen – ebenso wie mit der Mazurka „Son Vergin vezzosa“. Lawrence Brownlee, nach seinem Ramiro in der „Cenerentola“ mit Cecilia Bartoli, begegnen wir nun in der wesentlich dramatischeren Partie des Arturo. Brownlee meistert souverän diese Partie mit den extremen Spitzentönen, welche mit der Voix mixte gesungen werden, was auch durchaus berechtigt ist, aber leider mitunter auch mit Druck, wodurch ein schnelles Vibrato entsteht. Zudem ist Brownlee ein engagierter Darsteller. Als „Bösewicht“ Riccardo war George Petean am Werk und machte seine Sache sehr gut. Eine gesunde Baritonstimme mit einer guten Höhe – was will man mehr. Als Sir Giorgio war der erfahrene Bass Michele Pertusi mit von der Partie und sang wohlausgewogen und mit schöner Phrasierung. Als Enrichetta war höchst verlässlich und mit vollem Mezzo Liliana Nikiteanu und als Sir Robertson Dmitri Ivanchey mit schönem Tenor besetzt. Wenwei Zhang war Lord Valton und man bedauerte, dass seine Rolle nur so kurz ist, sodass er mit seinem schwarzen Bass nicht recht zum Zug kam.

Fabio Luisi, der eine innige Beziehung zur Musik Bellinis pflegt, legt nicht nur Wert auf die sog. Sänger-Begleitung, sondern auch vermehrt auf die – leider immer noch viel verkannte – raffinierte Instrumentierung im Orchester Bellinis. Luisi hielt die Zügel durchweg straff und gab aber trotzdem den Sängern Freiheit und Luft. Er führte durch das Werk und liess auch gegen Schluss keinen Spannungsabfall zu. Die Philharmonia spielte engagiert, wenn auch hie und da etwas gar laut, sonst aber höchst zufriedenstellend.

In dieser Inszenierung gibt’s das von Bellini intendierte Happy End nicht: Arturo ist und bleibt ein Verräter und wird daher auch geköpft. Elvira bleibt mit dem Haupt des Geliebten zurück und verfällt erneut dem Wahnsinn. Was kann sie denn anderes tun in dieser erbarmungslosen Kriegszeit?

John H. Mueller

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