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ZÜRICH: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL – Mozart wird’s überleben. Neuinszenierung – Premiere

07.11.2016 | Oper

Zürich: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL – Neuinszenierung Premiere 6.11.2016

Mozart wird’s überleben…

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„Martern aller Arten als Fight unter Liebenden“. Olga Peretyatko, Pavol Kreslik. Copyright: Toni Suter/Tanja Dorendorf

David Herrmann, der in Karlsruhe eine interessante Deutung des „Rheingold“ vorgelegt hatte, gab zu Hoffnungen Anlass, dass er sich auch für Mozarts „Entführung“ etwas Besonderes einfallen liesse. Er liess sich sogar sehr viel einfallen, nämlich dass er nicht nur die Dialoge strich (bis auf wenige Ausnahmen), sondern die vorgegebene Handlung ignorierte und eine eigene Story zur Musik Mozarts erfand. Immerhin ist es ehrlich genug, im Programmheft dann wenigstens das als „Handlung“ zu kennzeichnen, was man dann auf der Bühne sehen konnte. Herrmann geht nämlich davon aus, dass sich das „hohe“ Paar Belmonte/Konstanze im „niederen“ Paar spiegelt. Das hat auch einen gewissen Sinn, führt aber den Regisseur dazu, das Stück vollkommen umzudrehen. Das Ganze wirkt wie eine  Versuchs-Anordnung à la „Cosi fan tutte“, was aber das Original nicht herzugeben vermag. Die Musik spricht doch da wohl eine andere Sprache. Und wenn der Regisseur in die Partitur eingreift, eine Arie als Duett (Vivat Bachus) und beim Quartett den Schluss-Hymnus „Es lebe die Liebe“ durch den Chor intonieren lässt, so wird doch wohl eine Verfälschung des Werkes betrieben. Sicher, die Spiegelung Belmontes in Pedrillo und umgekehrt, ebenso von Konstanze in Blonde, hat seinen Reiz, kann auch psychologisch interessant sein, nur bedingt dies eben ein Verbiegen des Originals.

Merkwürdig auch, dass gerade hier dazu im hochgefahrenen Graben die historisch informierte La Scitilla-Formation der Philharmonia spielt, während oben auf der Bühne eine neu erfundene und in moderner Kleidung (Kostüme: Esther Geremus) gespielte Fassung gegeben wird. Befremdlich ist zudem, dass die Ausführenden jede und jeder für sich ihren eigenen Stil singen und sich auf diese Weise nicht zu einem wahren Ensemble mit einem einheitlich geformten Stilgefühl zusammenfinden.

Da ist mal die leider enttäuschende Konstanze der vielerorts hochgejubelten Olga Peretjatko, die ihre erste Arie „verhaut“, dann bei der lyrischen Arie „Welcher Wechsel (Kummer) herrscht in meiner Seele“ diese zwar relativ tonschön, aber eher puccinesk im Ausdruck singt. Erstaunlich war dann die Martern-Arie, die sie immerhin fulminant rüberbringt. Dabei wird ihr schauspielerisch Einiges abverlangt. Diese Szene wird als „Fight“ zwischen den Liebenden dargestellt und nicht – wie ursprünglich gemeint – als Erwiderung Konstanzes auf die Martern-Drohung Bassa Selims. Nicht zu verhehlen sei die scharfe, unreine und mitunter etwas geschrieene Höhe, erstaunlich die klangvolle Mittellage und gut erreichte Tiefe. Hoffen wir, dass sich die Sängerin bei den Folge-Aufführungen „erfängt“ und eine ihrem wahren Wert angemessene Leistung erbringt. Als ihr Partner war der höchst zuverlässige Pavol Breslik als Belmonte zu hören, der sich von einem zaghaften Beginn („Hier soll ich dich den sehen“) über eine passable „O wie ängstlich“ (schmerzhaft die patzende Oboe im Rezitativ), eine lyrisch angelegte „Wenn der Freude“-Arie bis zur wirklich toll gesungenen Baumeister-Arie „Ich baue ganz“ steigern konnte und so insgesamt eine wirklich gute Leistung erbrachte. Als sein „alter Ego“ wirkte Michael Laurenz als Pedrillo, wie gewohnt sehr prägnant und persönlichkeitsstark. Schade, dass er sich seine Arie „Auf zum Kampfe“ mit Belmonte im Duett (!) teilen musste. Vollkommen unnötig war beim Trink-Duett „Vivat Bachus“, dass Osmin ihn vergewaltigte. Ebenso befremdlich war, dass Blonde – übrigens hübsch gesungen von der jungen Kanadierin Claire de Sévigné  (Sie wäre sicher eine gute Alternative für das Ännchen im „Freischütz“ gewesen.)  bei der Arie „Welche Wonne, welche Lust“ bei Belmonte rittlings aufsitzt und an ihm eindeutige Onanier-Bewegungen vollführte. Naja, wir wollen ja nicht prüde sein, aber das ist nun mal lächerlich und erinnert eher an pubertäre Primaner-Scherze. Osmin war hier nicht der Haremswächter, sondern der Kellner eines Etablissements, das man als elegant-unwirtliches Restaurant im Nirgendwo (Bühnenbild: Bettina Meyer) situieren mochte. Waren da die eingespielten Sound-Collagen (Malte Preuss) als Bedrohung durch die herannahenden Bomber auf Aleppo gemeint? Dagegen witzig war allerdings das Zitat aus den Film „Purple Rose of Cairo“ von Woody Allen. Dort stieg einst Bogey aus der Leinwand (Man merkt die Absicht: Aha, Leinwand = Projektionsfläche!). Hier ist es Osmin, der in türkischer Aufmachung aus der Leinwand in die Wirklichkeit herunterstieg und dabei seine Arie „Oh wie will ich triumphieren“ eher stimmschwach intonierte. Was war mit Nahuel Di Pierro im Laufe des Abends geschehen, der ja seine 1. Arie „Solche hergelauf‘ne Laffen“ doch sehr achtbar, wenn auch nicht mit des „Basses Urgewalt“ gesungen hatte. Und Bassa Selim? Da dies eine reine Sprechrolle ist und zudem in dieser Inszenierung alle seine Sprechpassagen gestrichen waren, war diese Rolle also stumm, sodass der Tänzer und Schauspieler Sam Louwyck lediglich pantomimisch zu agieren hatte. Bassa Selim dient demnach offenbar nur als Projektionsfläche für Belmontes Eifersucht, welche David Herrmann zum wesentlichen Faktor seiner Inszenierung erklärt, was ihn offenbar auch zu berechtigen scheint, das Werk total zu verfremden.

Da wäre noch der Chor (Einstudierung: Jürg Hämmerli) zu nennen, der seine Einsätze und szenischen Aktionen gut absolvierte (sogar im Burnus für Weiblein und Männlein?). Und als Qualitäts-Garant ist einmal mehr La Scintilla zu nennen, die diesmal unter dem Dirigat des für Teodor Currentzis kurzfristig einspringenden und von diesem auch empfohlenen Maxim Emelyanychev engagiert und aufgeweckt musizierte. Da waren schon schöne historisierende Effekte, wie harte Einsätze, vibratoloses Spiel, mitunter neben den Notenwerten intonierende Holz- und Blech-Bläser zu hören. Aber im grossen Ganzen kamen doch von seinem Dirigat und La Scintilla die wesentlichen Impulse zu dieser Mozart-Interpretation. Wir würden diesen jungen feurigen Mann gerne in einer Produktion hören, bei der er von Anfang gestaltend mit dabei sein könnte. – Beim Erscheinen des Leading-Teams gab’s schon massive Buhs, die aber im allgemeinen Jubel untergingen. Offenbar weiss das Publikum nicht mehr, wie eine Oper wie die „Entführung“ nicht mal werkgetreu, aber zumindest sinngemäss aufgeführt wird. Naja, Mozart wird’s überleben… 

John H. Mueller       

 

 

 

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