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WÜRZBURG: MACBETH. Premiere

15.10.2012 | KRITIKEN, Oper

WÜRZBURG: MACBETH – Premiere am 14.10.2012 (Werner Häußner)

Dafür soll es sich lohnen, auf Mitgefühl, Achtung, Liebe zu verzichten? Für ein Leben, das zwar die Fülle der Macht kennt, aber am Ende fast nebenher verlischt, von niemandem betrauert, von keiner Seele vermisst? In einer ergreifenden Szene macht sich Macbeth kurz vor seinem Ende bewusst, auf was er zugunsten des güldenen Reifs verzichtet hat. Giuseppe Verdi hat diesen Moment des Erkennens in eine seiner hinreißenden Bariton-Arien gefasst. Und mit „Pietá, rispetto, amore“ hat ADAM KIM in der Neuinszenierung von Verdis „Macbeth“ einen von tosendem Beifall gewürzten Erfolg errungen. In der Tat erfüllt seine expressive, am weiten melodischen Bogen ausgerichtete Gestaltung die Anforderungen gültigen Verdi-Singens ohne Makel. Kim schloss damit an seine Leistung als Nélusko in Meyerbeers „L’Africaine“ am Mainfrankentheater Würzburg vor genau einem Jahr an.

Verdis „Macbeth“ steht als vorgezogener Beitrag zum Verdi-Jahr 2013 nach fast dreißig Jahren wieder einmal auf der Agenda des Würzburger Hauses. 1983 sang in der Inszenierung von WOLFRAM DEHMEL kein Geringerer als JACEK STRAUCH, der in Wien zuletzt als Rigoletto und Gianni Schicchi an der Volksoper zu erleben war. Die Lady gab damals die Wienerin HELGA WAGNER, heute Präsidentin der European Voice Teachers Association (evta). Ihre „Nachfolgerin“ in Würzburg ist KAREN LEIBER, ein Sopran mit solider Mezzo-Grundierung und sicherer, wenn auch manchmal enger Höhe.

Leiber folgt keinesfalls dem oft falsch verstandenen Brief Verdis, der für die Lady eine „recht hohle und verschleierte Stimme“ fordert – was gerne als Ausrede für miserables Singen und unzureichende Technik zitiert wird. Dabei wollte Verdi nur vermeiden, dass die damals für die Aufführung des „Macbeth“ in Neapel vorgesehene Eugenia Tadolini die Rolle nach Art einer Donizetti-Koloraturpartie singt. Von dumpf und hässlich ist auch bei der Sängerin der Uraufführung in Florenz, Marianna Barbieri Nini, nicht auszugehen: Die Dame brillierte unter anderem als Luisa in Verdis „Luisa Miller“ und in Rossinis „Semiramide“ – beides keine Opern für einen stumpfen oder gar abgesungenen Sopran.

Leiber mögen die Contralto-Anklänge fehlen, die etwa eine Fiorenza Cossotto für diese Partie mitgebracht hat, aber sie hat das „sotto voce“, das zum Beispiel in der Nachtwandlerszene fast durchgehend gefordert ist. Selten hörte ich einen Sopran, der diese psychologisch diffizile Szene so konsequent wie technisch sicher aus den Schattierungen des piano und pianissimo entwickelt hat. Das Publikum war so gebannt, dass es fast vergaß, zu klatschen: Für die Sängerin ein schöneres Kompliment als lautstarke Ovationen!

Doch Leiber bewältigte auch die brisante Auftritts-Szene höchst achtbar, sicher und vor allem partiturgenau in den Koloraturen. Und in „La luce langue“ kam ihr wieder ihre Fähigkeit zupass, die Piano-Schattierungen mit sicher geführter Stimme zu realisieren. Mag sein, dass ihr der eine oder andere Spitzenton zu eng geriet, aber dafür war die Verblendung des tiefen und des mittleren Registers einwandfrei. Leiber singt eine psychologisch durchdrungene Lady mit großem stimmlichem Potenzial. Für große Häuser mag ihr die Durchschlagskraft fehlen; für ein Theater der Größe Würzburgs ist sie eine nahezu ideale Lady Macbeth.

Für Adam Kim war Macbeth in Würzburg ein beifallumrauschter Erfolg – ganz glücklich wurde man mit der Gestaltung der Rolle dennoch nicht. Das betrifft weniger die stimmliche als die darstellerische Seite. Kim tappte genau in die Falle, die Verdi fürchtete: Er sang dramatische Schlüsselstellen wie die Erscheinung des Dolches vor dem Mord an König Duncan oder die Konfrontation mit dem Geist Bancos schön, technisch versiert, aber weder in Farbe noch in Deklamation dem Inhalt angepasst.

Auch der Banco von VAZGEN GHAZARYAN überzeugte nur teilweise: eine große, ausladende Stimme, die aber ihren Focus noch zu suchen hat und weder in der Intonation präzis noch in der Färbung psychologisch genau eingesetzt wird. Eine Überraschung bot YONG BAE SHIN als Macduff: Ein italienisch timbrierter Tenor von ausgesuchter Schönheit, exquisitem Sitz und herrlichem „squillo“. Der Sänger ist im Würzburger Chor engagiert, obwohl er früher, zum Beispiel in Meiningen, Partien wie den Alfredo in „La Traviata“ gesungen hat. Man würde ihm mit Freuden in ähnlichen Rollen in Würzburg zuhören!

Unter den Nebenrollen war die Kammerfrau der Lady mit BARBARA SCHÖLLER luxurios besetzt; in anderen Partien rächt sich, dass Würzburgs Ensemble so geschrumpft ist, dass etwa der Arzt, ein Diener oder der Mörder aus dem Chor besetzt werden müssen. JOSHUA WHITENER allerdings gab als Malcolm die Kostprobe einer angenehmen, lockeren lyrischen Tenorstimme ab.

Die Inszenierung des neuen Würzburger Schauspieldirektors STEPHAN SUSCHKE verzichtet darauf, mit szenischen Abseitigkeiten originell wirken zu wollen. In Bewegungen, Gängen und Gesten zeigt sie, dass der Regisseur, der in Würzburg u.a. Pfitzners „Das Herz“ und Marschners „Der Vampyr“ inszeniert hat, die Noten genau gelesen hat. Die Hexen sieht er als Abschaum der Frauenwelt: Billig aufgeputzt wie in dem Disney-Fantasyfilm „Hocus Pocus“ (Kostüme: ANGELIKA RIECK) drängen sie sich an der Rampe, singen mit kreischendem, weißlichem Timbre. Wohin die Anspielung führt, wird allerdings nicht mehr klar: In der großen Erscheinungsszene des Dritten Aktes bleiben die „phantastischen Kreaturen“ unscharf.

Mit den Solisten entwickelt Suschke sein Konzept folgerichtig und klar: Es gibt ja kaum eine Tragödie, in der eine Idee, die der Macht, so konsequent durchgeführt wird. Unter ihrem Schatten stehen alle – und das von Anfang an. Schon im Duett von Macbeth und Banco zeigt sich, dass keiner von beiden ein Gutmensch ist: Banco hebt fast reflexartig das Gewehr gegen Macbeth, als sich die erste Prophezeiung der Hexen erfüllt. Der Keil ist zwischen die beiden getrieben: Sie gehen nach unterschiedlichen Richtungen ab.

Am Ende erwürgt Macduff den Sohn Bancos mit dem Königsmantel, damit Malcolm zum König gekrönt werden kann: Der „Turn“ der Machtschraube geht immer weiter; eine Lösung, die aus anderen „Macbeth“-Inszenierungen wohlbekannt ist, für die Suschke aber ein neues, wirksames Bild erfindet. Dass Macbeth beiläufig im Hintergrund sein Leben verliert, entspricht den Intentionen Verdis in dem für Paris neu komponierten Finale, aber auch der Mechanik der Macht: Der Einzelne zählt im Grunde nichts.

MOMME RÖHRBEIN, Suschkes langjähriger Bühnenbild-Partner, stellt ein unwirtliches Gebäude auf die Drehbühne, mit labyrinthartigen Treppen, Brüstungen, Fenstern und Räumen. Der abgeblätterte Anstrich erinnert an verlassene Industriebauten oder Kasernen. Das Licht (ROGER VANONI), manchmal fahl, manchmal farbintensiv direkt aus der Seitengasse, unterstützt die hoffnungslose Atmosphäre dieses seelenlosen Schauplatzes.

Die Bühne dreht sich wie eine Schraube, öffnet so immer neue Aspekte, aber rotiert im Grunde um sich selbst – so wie die Existenz des mörderischen Paares, das in diesen Klüften haust. Der Ort des Mordes sieht aus wie das Pförtnerhaus einer Industrieanlage, und an den Vorhängen der Fenster trieft das Blut. Als Macbeth seine Frau begrüßt, lugt er aus einem Fenster, das auch ein Gefängnisgitter sein könnte.

Einen großartigen Erfolg bedeutet diese „Macbeth“-Neuinszenierung für das Philharmonische Orchester Würzburg und für GMD ENRICO CALESSO. Dass ein Dirigent, nur weil er Italiener ist, die Musik seiner Landsleute besonders gut zum Klingen bringen könne, ist ein trivialer Irrtum. Calesso aber hat die Partitur genau gelesen, differenziert bei jedem punktierten Akzent, bei jeder von Verdi vorgeschriebenen Betonung. Aber er kennt auch den großen Zug des weit entwickelten melodischen Zusammenhangs. Der Prüfstein für jeden Dirigenten, das Finale des Ersten Akts, hat bei Calesso den agogisch gestalteten, inneren rhythmischen Drang, der sich in der sicher angesteuerten Entladung befreit und die Musik zum Blühen und zum spannenden Pulsieren bringt.

Das Orchester bewährt sich in den zahllosen Nuancen des Piano und Pianissimo, aber auch im wehmutsvollen „Dolce“, das Verdi über so manchen Belcanto-Bogen legt. Nur die Blechbläser, namentlich die Posaunen, könnten sich in ihren Akzenten weniger knarzig um einen erfüllten Ton bemühen. Der Chor des Mainfrankentheaters ließ diesmal die Präzision vermissen; Klangbalance und Schmelz fehlten sowohl dem Mörderchor als auch der funkelnden Szene des „Brindisi“ und der Geistererscheinung. Aber es gibt ja noch dreizehn Vorstellungen bis 1. Februar, für die Chordirektor MARKUS POPP nachbessern kann. – Würzburg hat mit diesem „Macbeth“ eine Produktion im Spielplan, die mit überzeugenden musikalischen Qualitäten und einer reflektierten Regie dem kommenden Jubilar Verdi eine würdige Hommage darbringt.

Werner Häußner

 

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