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WUPPERTAL: BLUTHOCHZEIT von Wolfgang Fortner. Premiere

14.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Opernrarität in Wuppertal: „Bluthochzeit“ von Wolfgang Fortner (Premiere: 13. 1. 2013)


Die Mezzosopranistin Dalia Schaechter bot als Mutter eine Glanzleistung (Foto: Uwe Stratmann)

 Einen großen Publikumserfolg feierten die Wuppertaler Bühnen mit der Neuinszenierung von Wolfgang Fortners erfolgreichster Oper „Bluthochzeit“. Sie wurde 1957 unter der musikalischen Leitung von Günter Wand in Köln uraufgeführt. Die literarische Vorlage schuf Federico Garcia Lorca im Jahr 1933 in seiner Tragödie Bodas se sangre, nur wenige Jahre vor seiner Ermordung im spanischen Bürgerkrieg. Mit diesem Werk, das 1986 in Düsseldorf zum letzten Mal zu sehen war, setzte Fortner den von Alban Berg begonnenen Weg der Literaturoper mit neuen Mitteln fort. Knappe, wortkarge Dialoge kontrastieren mit poetischen Symbolismen, wobei sich in der vielfarbigen Orchestrierung der Oper auch spanische Folklore findet.

 Wolfgang Fortner (geb. 1907 in Leipzig, gest. 1987 in Heidelberg) studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt und unterrichtete ab 1931 in Heidelberg, ab 1954 in Detmold und ab 1957 in Freiburg. 1935 gründete er das Heidelberger Kammerorchester, gehörte zu den Initiatoren der Darmstädter Ferienkurse und war ab 1964 einer der Leiter der Münchner Musica-Viva-Konzerte. Als Lehrer (u. a. des kürzlich verstorbenen Henze) nahm Fortner eine zentrale Rolle im deutschen Musikleben nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Seine Oper „Bluthochzeit“ gilt als eine der wichtigsten Opern der Zeit.

 Die Handlung des Werks, dessen deutsche Übertragung von Enrique Beck stammt, in einer kurzen Zusammenfassung: Seit Jahren lebt die Mutter mit dem Trauma der Ermordung ihres Ehemanns und des älteren Sohnes. Der verbliebene Sohn überrascht sie mit Hochzeitsplänen, doch die Wahl seiner Braut versetzt ihr einen Stich ins Herz: das Mädchen war einst mit Leonardo Félix verlobt, der aus der „Mörderfamilie“ Félix stammt, jener Familie, die die Mutter für ihr Unglück verantwortlich macht. Trotzdem wird die Hochzeit geplant, doch während der Vorbereitungen dazu taucht Leonardo mit seiner Frau auf und provoziert die Braut mit Anspielungen auf die gemeinsame Zeit. Kurz nach der Vermählungszeremonie sind Leonardo und die Braut verschwunden. Der Bräutigam nimmt die Verfolgung auf. Als er sie im Wald stellen kann, kommt es zur Tragödie. – Schließlich kommen alle nach Hause: Leonardos Frau, die Bettlerin, die Mutter, die Braut. Sie versucht der Mutter klarzumachen, dass sie keusch geblieben ist. Doch die Mutter interessiert das alles nicht. Sie ist allein, wie sie es von Anfang an befürchtet hatte. Der Tod hat ihr auch noch den zweiten Sohn genommen – durch ein winziges Messer. Sie verflucht es.

 Christian von Götz schuf eine dichte, beklemmende Inszenierung, die durch ihre vielen symbolhaften Andeutungen eine spannungsgeladene, fast explosive Stimmung auf der Bühne verbreitete. Auch in seiner Bühnengestaltung sparte er nicht mit Symbolen. Die Rückwand der Bühne zeigte die Fassade eines typischen südspanischen Wohnhauses, Hauptrequisiten waren herumliegende Stühle mit unterschiedlich abgesägten Beinen, die offensichtlich ein Symbol für die verletzten Seelen der handelnden Personen darstellten sollten. Auf dem einzigen brauchbaren Stuhl saß die Mutter, die ihn auch manchmal wie einen Schutzschild vor sich hertrug. Für manche Besucher der Vorstellung zu gewagt die blasphemische Szene mit der Muttergottesstatue und dem Kreuz, das zur Selbstbefriedigung diente.

 Die Kostüme, entworfen von Ulrich Schulz, zeigten neben dem weißen Hochzeitskleid mit Schleier Alltagsgewänder, die meist in düsterem Grau gehalten waren. Für die sparsam, aber trefflich eingesetzten Lichteffekte war Fredy Deisenroth verantwortlich. Interessant dazu die im Programmheft abgedruckte Warnung an Epileptiker: „Wir weisen darauf hin, dass in der Aufführung in einer Szene blitzartiges Licht eingesetzt wird.“

Die Hauptperson des Werks – mit dem Untertitel Lyrische Tragödie in zwei Akten von Federico Garcia Lorca – ist eindeutig die Mutter. Dazu ein Zitat aus Reclams Opernführer: „Fortners erfolgreichste Oper bietet mit der Partie der Mutter eine der interessantesten Rollen des modernen Musiktheaters.“ Und diese Rolle füllte die Mezzosopranistin Dalia Schaechter eindrucksvoll aus! Mit jeder Geste und Mimik und dazu mit einem kräftigen, farbreichen, oft sehr dunkel getönten Mezzosopran, der das Publikum während der gesamten Aufführung in seinen Bann zog. Ihr Schrei am Schluss der Oper ging einem durch und durch!

Berechtigter Jubel des Publikums mit vielen Bravorufen war ihr verdienter Lohn für diese außergewöhnliche Leistung.

 Die Wuppertaler Bühnen konnten aber auch die anderen Rollen erstklassig besetzen: Überzeugend die Sopranistin Banu Böke als Braut, die nach der Hochzeit mit ihrem ehemaligen Geliebten Leonardo durchbrennt, der vom Bariton Thomas Laske als fieser Macho dargestellt wurde. Ebenso rollengerecht die Altistinnen Miriam Ritter als Frau Leonardos und Cornelia Berger als deren Mutter sowie die Mezzosopranistin Joslyn Rechter als freche Magd und die Sopranistin Annika Boos als Kind.

 Ausdrucksstark und beeindruckend agierte die Schauspielerin Ingeborg Wolff in der Rolle der Bettlerin, die auch den Tod symbolisiert und am Schluss der Oper über das unheilvolle Geschehen im Wald berichtet. Als Mond musste der Tenor Martin Koch auf „Knien gehen“. Er bewältigte die Szene sowohl stimmlich wie darstellerisch exzellent. Die Schauspieler Gregor Henze und Stephan Ullrich spielten den Bräutigam beziehungsweise den Vater der Braut. Beide glänzten durch große Wortdeutlichkeit. Als Dämon agierte die Tänzerin Verena Hierholzer mit schlangenartigen Bewegungen.

 Der Chor der Wuppertaler Bühnen – einstudiert von Jens Bingert – war als Hochzeitsgesellschaft gefordert, die mehr als ausgelassen auf der Bühne ihre Späße und ihren trunkenen Übermut mit südländischem Temperament zelebrierte. Das Sinfonieorchester Wuppertal, vom britischen Dirigenten Hilary Griffiths geleitet, spielte im ersten Stock der Bühne hinter den Darstellern, da der Orchestergraben durch den vorgezogenen Bühnenboden abgedeckt war. Es gab die expressive, oft rauschhafte Partitur des Komponisten, die auch mit Zwölftonmusik und spanischen Rhythmen durchsetzt ist, hervorragend wieder.

 Das begeisterte Premierenpublikum belohnte alle Mitwirkenden und das Regieteam mit minutenlangem, nicht enden wollendem Applaus, unter den sich immer wieder Bravorufe für Dalia Schaechter, die als Interpretin der Mutter der Star der Aufführung war, mischte.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

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