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WÜRZBURG/ Mainfrankentheater: DER ARME MATROSE von Darius Milhaud. Digital

15.05.2021 | Oper international

„Der arme Matrose“ von Darius Milhaud am 14.5.2021 im Mainfrankentheater/WÜRZBURG. Digital

Unerkannt und verwechselt

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Es ist eine ungewöhnliche Online-Premiere. Seit 15 Jahren wartet eine Frau auf die Heimkehr ihres Mannes, des Matrosen. Als er endlich nach Hause kommt, ist er im Besitz einer kostbaren Perlenkette. Inkognito bittet er um ein Nachtlager und berichtet der Frau von der baldigen Rückkehr ihres angeblich völlig verarmten Mannes. In der Nacht erschlägt die Seemannsfrau den „Fremden“ in einer fatalen Verwechslung, um mit diesem Vermögen ihren Mann zu retten. Dazwischen tauchen immer wieder Hochzeitsbilder auf, die das gesamte Geschehen ad absurdum führen. Die Frau und ihr Vater schleppen den Toten schließlich aus dem Haus, um ihn in eine Zisterne zu werfen: „Leis, ganz leise! Ihr bei den Füßen, Vater, und ich beim Kopf, zu retten meinen Mann!“

In dieser grotesken Kurzoper von Darius Milhaud gibt es neben Einschüben aus Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ auch drei Schubert-Lieder sowie Ausschnitte aus der 14. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch („De profundis“ und „Malaguena“) zu hören und zu sehen. Denn das Orchester hat auf der Bühne Platz genommen. Utopische Momente des Glücks und Unglücks werden hier virtuos variiert. Die Regie von Tomo Sugao unterstreicht die Traum-Sequenzen und Momente des Unterbewusstseins – nicht nur bei jener Szene, wo die Frau den „Fremden“ mit einem Hammer erschlägt. Dabei wandelt sie in einem blutüberströmten Ambiente durch den Orchestergraben und fällt in einen trancehaften Tanz. Musik und Rhythmus verschmelzen hier in eindrucksvoller Weise. Schon zuvor kommen Szenen zwischen Realität und Traum zur Wirkung – die Bar der Frau und die Weinstube des Freundes verschmelzen zur Einheit. Überzeugend gestaltet sind im Bühnen- und Kostümbild von Paul Zoller auch jene Szenen, wo im Mondlicht der Matrose auftaucht und sich allmählich tranceartig in seinem Haus wieder zurechtfindet. Als er bei seinem Freund anpocht, hält ihn dieser zunächst für betrunken. Bänkelsängerhafte Elemente werden auch von den Sängern eindringlich herausgearbeitet. Man hört deutlich, wie sich hier die Harmonik zur Bitonalität ausweitet. Farbige Tonsprache und ausgesprochen lebendige Bewegungsimpulse verleihen dieser filmischen Umsetzung eine bemerkenswerte visuelle Ausdruckskraft.

Das Philharmonische Orchester Würzburg musiziert unter der inspirierenden Leitung von Enrico Calesso ausgesprochen facettenreich. Nicht nur Roberto Ortiz (Tenor) als Matrose zeigt starke gesangliche Beweglichkeit. Auch Silke Evers (Sopran) als seine Frau, Igor Tsarkov (Bass) als sein Schwiegervater  und Kosma Ranuer (Bassbariton) als sein Freund sorgen für packende stimmliche Momente, die sich immer mehr verdichten. Zu diesem Geschehen in seltsamem Kontrast steht die hymnische Wiedervereinigung des Ehepaares in Ludwig van Beethovens „Fidelio“, wo die übereinander gewuchteten dynamischen Steigerungen die harmonische Erregtheit unterstreichen. Hinzu kommt die bewegende Schlichtheit der Schubert-Lieder beim Abtransport des Toten sowie die kühne Thematik bei Dimitri Schostakowitschs 14. Sinfonie für Sopran, Bass und Kammerorchester, wo die klanglichen Ballungen von intensiv-dramatischem Leben erfüllt sind. Man spürt dabei den Einfluss von Modest Mussorgskis „Liedern und Tänzen des Todes“. Gelegentlich fühlt man sich sogar an Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ erinnert. Milhauds frei einsetzende Nebenstimmen, harmonische Härten und das Nebeneinander von Melodien in verschiedenen Tonarten wachsen hier zu einem merkwürdigen Klangkosmos zusammen. Und auch die differenzierten Rhythmen kommen punktgenau zum Ausdruck. Psychologie und musikalische Entwicklung verschmelzen eindringlich und werden immer wieder konsequent und bewegend umgesetzt. Es ist interessant, dieses selten aufgeführte Werk auf diese Weise neu zu entdecken. 

Alexander Walther

 

 

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