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WÜRZBURG: Hippolyte und Aricie

14.07.2014 | Oper

WÜRZBURG – Hochschule für Musik /
HIPPOLYTE ET ARICIE von Jean-Philippe Rameau
12. Juli 2014 

Jean-Philippe Rameaus „Tragédie lyrique“ über das antike Liebespaar Hippolyte und Aricie thematisiert nicht nur den bekannten, von vielen Komponisten bis in die Gegenwart (Hans Werner Henze) benutzten Stoff um Theseus und Phädra. Rameau exponiert im Vorspiel des ersten Akts in einer Debatte zwischen L’Amour und Diana die Frage von Sinnlichkeit und Keuschheit: Diana entscheidet zugunsten der Selbstbestimmung des menschlichen Herzens.

Viel direkter als eine Generation später in den Opern Glucks nehmen bei Rameau die Götter Einfluss auf das Geschick der Menschen: Diane, Pluton und Mercure sind in die Handlung verwoben und nicht auf die Rolle des „deus ex machina“ reduziert. Bei der Inszenierung von „Hippolyte et Aricie“ an der Würzburger Musikhochschule versucht Regisseur Holger Klembt, die Götter im Sinne überindividueller Kräfte als Repräsentanten gesellschaftlicher Gruppen darzustellen, die mit ihren Verhaltensregeln und -erwartungen das Dasein der Menschen beeinflussen.

So mutiert Pluton (durchtrieben: Elias Wolf) zum Padrone einer Männerbande, die mit breitkrempigen Hüten, Anzügen und Mänteln an Mafiosi erinnern. Die erste Szene lässt Klembt in einer Kunstausstellung spielen (Bühne und Kostüme: Andreas Herold), Phedre (eine hochfahrende Dame: Angelina Jungblut) und die Priesterinnen der Diana gehören zur Kultur-Schickeria. Die Freizeitkleidung im letzten Akt interpretiert den zauberhaften, lieblichen Schauplatz als einen Ort, an dem die gesellschaftlichen Zwänge ihre Bedeutung verlieren.

Der Abend dauert zwei Stunden mit Pause, es fehlt also rund die Hälfte der Oper. Gestrichen sind unter anderem das Vorspiel, die ausgedehnten Divertissements und ein Teil des fünften Akts. Dennoch gelingt es, den wesentlichen Handlungsstrang zu vergegenwärtigen. Klembt arbeitet auf der Bühne mit verschiedenfarbig ausgeleuchteten Paneelen und mit Projektionen, die vor allem atmosphärisch gedacht sind. Dirigent Andreas Meier nimmt mit dem Barockorchester der Würzburger Hochschule diese Linie musikalisch auf. Rameau zeigt sich in den ausgedehnten, zum Teil anspruchsvoll arios ausgestalteten Rezitativen als subtiler Harmoniker. Schon in dieser ersten Oper bewegt er sich auf dem Niveau seiner späteren Kompositionen.

Die jungen Musiker im Orchester zeigen in der Begleitung der Sänger, aber auch in der transparent gehaltenen Fülle der rein instrumentalen Passagen, wie versiert sie barocke Intonation und Artikulation beherrschen. Dass die Phrasierung noch etwas steif und mutlos, mancher Rhythmus noch hölzern daherkommt, ist verständlich: Mit den erfahrenen Praktikern spezialisierter Ensembles darf ein Hochschul-Ensemble nicht verglichen werden. Ähnlich geht es bei den Sängern: Da stehen gut entwickelte Stimmen wie die des präsent-brillanten Tenors Jeonyeop Seok (Hippolyte) neben anderen, denen für die finessenreiche Musik Rameaus die technische Schulung fehlt. Das wundert angesichts der Lebensläufe im Programmheft schon: Dort ist von jahrelanger Ausbildung und so manchem abgeschlossenem Studium zu lesen – zu hören sind dann eine unbeherrschte Stütze und die fehlende Kontrolle der Tonemission. Für die Studenten dürfte der Abend eine wertvolle Erfahrung gewesen sein; für die Zuhörer auch: Rameaus Oper lohnt das Kennenlernen.

Werner Häußner

 

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