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WÜRZBURG / „Blaue Halle“: GARTEN DER LÜSTE (mit Musik aus RINALDO von GEORG FRIEDRICH HÄNDEL)

16.10.2020 | Oper international

WÜRZBURG / „BLAUE HALLE“: GARTEN DER LÜSTE (mit Musik aus RINALDO von GEORG FRIEDRICH HÄNDEL)
15.10. 2020(Werner Häußner)

Vierundfünfzig Jahre nach der Eröffnung des neuen Stadttheaters ist die Situation an Würzburgs Bühne in einem grundlegenden Umbruch: Die seit Jahren geplante Generalsanierung des zurückhaltend eleganten Baus von Hans Joachim Budeit kam 2020 in die Gänge. Die Sechziger-Jahre-Fassade mit ihren hohen Panoramafenstern verschwindet hinter einem Neubau, der mit einer lange vermissten mittelgroßen Spielstätte für rund 330 Zuschauern das große Haus mit seinen 740 Plätzen ergänzt und die intime, aber beengte „Kammer“ mit ihren 92 Plätzen ersetzt. Die Sanierung der Hauptbühne soll 2022/23 abgeschlossen sein, die Arbeiten liegen im Plan.

Zudem strahlt die Münchner Sonne über der einstigen stolzen fürstbischöflichen Residenzstadt mit huldvoller Gnade: 2019 verkündete Ministerpräsident Markus Söder, nach Nürnberg nun auch Würzburg zum Staatstheater erheben zu wollen. Das bedeutet eine steigende staatliche Finanzierung, einige wichtige Stellen mehr für das Orchester und hoffentlich mindestens die Rücknahme der Kürzungen aus dem Jahr 2000, als Schauspiel- und Musiktheater-Ensembles schmerzlich beschnitten und auch hinter der Bühne für den Spielbetrieb unverzichtbare Stellen abgebaut wurden.

Das zusätzliche Gebäude verspricht einen Probesaal für das Ballett und, besieht man sich die Entwürfe für das Foyer, ein zeitgemäß nobles, weltstädtisches Flair und endlich eine Chance auf eine ansprechende Theatergastronomie. Bei der technischen Ausstattung der neuen Bühne freilich bleibt man offenbar sparsam; anders wäre das Vorhaben wohl nicht mit einem inzwischen auf 85 Millionen angewachsenen Etat durchführbar.

Für die Bauzeit brauchen die Würzburger eine Ersatzspielstätte. Die Suche zog sich über Jahre hin, eine nahe gerückte Alternative in der alten Viehmarkthalle platzte, weil immer wieder unbrauchbare Lösungen diskutiert und in den Stadtrat eingebracht wurden. Die Rettung in der Not kam von einer mittelständischen Firma, das sich in knapp zwanzig Jahren von einem Start-up zu einem international operierenden Unternehmen entwickelt hat. va-Q-tec entwickelt u. a. Dämmstofflösungen auf der Basis von Vakuum-Isolationspaneelen und thermische Verpackungssysteme. Das Mainfrankentheater nutzt seit Beginn der Spielzeit nun eine Halle der Firma, die – in Corona-Zeiten unverzichtbar – nicht nur ausgezeichnet klimatisiert ist, sondern für einen Übergangs-Spielbetrieb attraktive Voraussetzungen erfüllt: Eine ansteigende Zuschauertribüne sollte – vor Corona – rund 500 Plätze bieten, ein breites Bühnenpodium genügend Raum für das Orchester im Hintergrund. Auch günstig: Werkstatt- und Funktionsräume liegen im gleichen Haus.

Die „Blaue Halle“, am Abend wirkungsvoll blau angestrahlt, liegt zwar im Industriegebiet zwischen Würzburg und Veitshöchheim, ist aber durch eine knapp fünfzehnminütige Fahrt mit dem Shuttle-Bus ab Hauptbahnhof Würzburg bequem erreichbar. Wer mit dem Auto anreist, findet problemlos einen Parkplatz. Die „Blaue Halle“ sollte eigentlich durch eine große Opernproduktion eröffnet werden. Doch die Pandemie zwingt nun wie an fast allen anderen Theatern zu kleinformatigen Lösungen. Das muss kein Nachteil sein: Die Chance, vernachlässigte Miniaturen aus der Schatzkammer der Oper aufzupolieren, ist nicht nur für Dramaturgen herausfordernd und reizvoll.

In Würzburg entschied man sich, einen Blick auf das bisher eher am Rand gepflegte Repertoire des 18. Jahrhunderts zu werfen. So startete das Musiktheater mit Georg Friedrich Händel. Coronagerecht auf knapp 90 Minuten eingedampft, gibt es unter dem Titel „Garten der Lüste“ Musik aus Georg Friedrich Händels „Rinaldo“. Regisseur Andreas Wiedermann, Operndirektor und Dramaturg Berthold Warnecke und Generalmusikdirektor Enrico Calesso vermeiden jedoch, das Libretto von Giacomo Rossi einfach durch Kürzungen auf die gewünschte Länge zu reduzieren. Sie eliminieren beinahe alles, was eine „Handlung“ tragen würde, konzentrieren sich auf die Leidenschaften der Protagonisten und vergegenwärtigen so die Ursprungsidee der Kunstgattung Oper – die Vorstellung, in der Natur des Menschen und der Welt ließen sich die Leidenschaften mit einer bestimmten Musik ausdrücken, die der Hörer verstehen und empfindend nachvollziehen kann.

Wiedermann erzählt also nicht die vielfach veroperte Geschichte aus Torquato Tassos „La Gerusalemme liberata“, sondern bewegt seine Charaktere in einen Raum, den Aylin Kaip aus den Grundformen eines barocken Gartens konstruiert hat. Die abstrahierten grünen Schranken und Bögen formen Hecken und Mauern, Pforten und Tore, Öffnungen und Hindernisse. Die Protagonisten selbst verschieben sie, die Szene ist in ständigem Wandel und spiegelt das Auf und Ab der Emotionen wieder. Der „Garten“ ist kein Schauplatz schamloser Gelüste eines „Decamerone“, sondern eher ein Irrgarten, in dem sich die Menschen wie in ihrem Begehren, ihren Sehnsüchten, ihren inneren Verhärtungen und ihren Verblendungen verlieren. Ein „barockes“ Grundthema also, das in Zeiten der Konzentration aufs eigene Ego und im Spiegel eines entgrenzten Individualismus wieder aktuell geworden ist.

Am Ende steht die Einsicht, nur die Tugend könne die misslichen Folgen der menschlichen Affekte zähmen, und glücklich werde nur, wer einem unerfüllten Herzen ein Ziel gebe. Andreas Wiedermann sieht den Garten der Lüste als einen Garten Eden, der von seinen Bewohnern nicht mehr erkannt wird. Wenn ihnen am Ende die Augen aufgehen, sind sie daraus vertrieben: Die Regie lässt sie wie Adam und Eva Landwirtschaft betreiben. In ihren stilisierten, halb zerfallenen und verblichenen barocken Roben (ebenfalls von Aylin Kaip) graben, hacken, rechen und schneiden sie wohl auf Ewigkeiten hin …

Dieses schlüssige Konzept verhindert, dass der Abend lediglich ein Arienkonzert im Kostüm wird, sondern nach und nach in seinen Bann zieht. Die Szene führt zudem unweigerlich auf die Musik hin, weil deren „seelenverzaubernde Gewalt“ (Jan Assmann) ins Zentrum rückt. Für die Ensemblemitglieder des Würzburger Mainfrankentheaters eine großartige Chance, ihre Fertigkeiten in belcantistischer Technik und Stilistik des 18. Jahrhunderts zu demonstrieren und zu zeigen, wie sie die musikalisch angezielten „affetti“ stimmlich umsetzen.

Das gelingt in Licht und Schatten. Weit weg von stimmlicher Finesse machen die beiden „Sirenen“ Mathew Habib und Igor Tsarkov aus der Aria a due „De‘ bei verdi anni“ einen ziemlich polternden Lockgesang. Akiho Tsujii, in der vergangenen Spielzeit eine gefeierte Gilda in Verdis „Rigoletto“, ersetzt mit ihren fulminanten Koloraturen mühelos den spektakulären Theatereffekt bei der Uraufführung anno 1711, als der Wagen Armidas von zwei Feuer und Rauch speienden Drachen aus dem Himmel herniederfuhr. Den ambivalenten Charakter der Zauberin mit ihrer unerreichbaren Sehnsucht, ihrem existenziellen Schmerz, aber auch der Wut und der skrupellosen Arglist gestaltet Tsujii etwa in „Ah! Crudel, il pianto mio“ mit technisch ansprechend gebildeten Ausdrucksschattierungen.

Erstaunlich, dass zwei andere Sängerinnen aus dem Würzburger Ensemble mit Händels expressivem Vokal-Universum mehr Probleme hatten: Silke Evers ist eine bezaubernd innige Almirena, zwitschert die berühmte „Vogelarie“ („Augelletti, che cantate“) licht und locker. Aber in einer der unsterblichen Arien Händels, „Lascia ch’io pianga“, bildet sie die Töne erhabenen Schmerzes allzu flach, als atme sie stets zu hoch, oder als habe ihr jemand ans Herz gelegt, den weißlich vibratolosen Ton vermeintlich historisch informierter Gesangspraxis anzustreben. Marzia Marzo hat den füllig-dunklen Mezzo, der für einen Helden wie Rinaldo ideal ist. Sie kleidet den sehnsuchtsvollen Ton von „Cara sposa“ in schimmernden Samt, fällt nie durch Übertreibung aus der kontrollierten Emission. Seltsam aber ihre unscharfe Artikulation und die eingedunkelten Vokale: Das „a“ von „cara“ leuchtet nicht, sondern klingt hohl nach „o“ verschoben.

Vollkommen verständlich und klar artikuliert dagegen Roberto Ortiz in seinen Auftritten als Goffredo in der für Tenor angepassten Fassung des „Rinaldo“ von 1731. Mit der Arie „Basta che sol tu chieda“ des in Almirena vernarrten Argante hat Kosma Ranuer keine Probleme; auch Barbara Schöller gestaltet die Szene des Magiers (aus dem dritten Akt des „Rinaldo“) mit ansprechender Befeuerung.

Aufstellung im Hintergrund der Bühne nimmt das Orchester, dessen Besetzung weitgehend dem der Uraufführung entspricht. Pauken und Trompeten fielen dem Corona-Schutz zum Opfer, auch eine Laute ist nicht vorgesehen. Dafür spielt Astrid Kohnen ihre Harfe hinreißend, und die drei Flöten – mit Young-Zoo Ko-Albers als wendiger Piccolo-Spielerin – wetteifern um den lockersten Ton. GMD Enrico Calesso nimmt die französische Ouvertüre geschmeidig, ohne ihre rhythmische Prägnanz zu opfern, hetzt die Tempi nicht und versucht trotz des fehlenden Blickkontakts, die Sänger zu tragen. Die Streicher des Philharmonischen Orchesters kämpfen anfangs mit der Artikulation; das Cello verschluckt einige Töne, die Phrasenenden wirken ungestaltet. Aber im Lauf des Abends geben sich die Unsicherheiten und aus dem Ensemble erblüht schönstes Händel-Glück. – Am 10. Dezember soll die Befassung mit Händel in der „Blauen Halle“ weitergeführt werden mit dem ersten Teil des „Messiah“.

Werner Häußner

 

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