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WIESBADEN/ Kurhaus/Rheingau Musik-Festival: CHRISTIAN TETZLAFF-SÄCHS. STAATSKAPELLE DRESDEN-SIR ANTONIO PAPPANO“

Rheingau Musik Festival 2018

13.07.2018 | Konzert/Liederabende


Christian Tetzlaff, Sir Antonio Pappano. Copyright: Ansgar Klostermann

Wiesbaden: „CHRISTIAN TETZLAFF-SÄCHS. STAATSKAPELLE

DRESDEN-SIR ANTONIO PAPPANO“ – 12.07.2018

Rheingau Musik Festival 2018

Zum diesjährigen Rheingau Musik Festival verleihen wiederum internationale Künstler und Orchester dem Ambiente des herrlichen Jugendstil-Konzertsaals im Kurhaus Wiesbaden besonderen Glanz. Leider ergeben sich oft während langfristiger Verträge Absagen und heute musste auch die angekündigte Solistin Janine Jansen durch Christian Tetzlaff ersetzt bzw. vertreten werden und erwies sich als erstklassige Wahl. Dankenswerterweise übernahm der deutsche Geiger auch die ursprünglich vorgesehene Konzertauswahl das „Violinkonzert“ von Johannes Brahms.

Feruccio Busoni stellte sich einst seinen Kollegen Johannes Brahms im Himmel vor und zwar in der deutschen Abteilung! Behaglich eingerichtet mit weichen Kissen, mit einigen Hörnern an den Wänden, gebrochenen Dreiklängen und einer reizenden Sammlung von Synkopen, den Haushalt führte Clara Schumann. Natürlich kam Busonis ironisches Apercu mit Bewunderung daher, schrieb er doch für das Violinkonzert des Hamburger Meisters gar selbst eine eigenwillige Kadenz. Nach der UA des Werkes im Jahre 1879 schrieb die Kritik: Ein Konzert gegen die Geige! Dieser Fauxpas-Rezension können wir heute nur widersprechen, erfuhr das Werk doch heuer eine exzellent-exemplarische Wiedergabe.

Den technisch hohen Anforderungen des Werkes stellte sich nun Christian Tetzlaff und meisterte sie genial auf überlegen-respektable Weise. Kantabel, thematisch bestens feinsinnig gestaltete der Solist das weitausgesponnene Figurationsfeld des ersten Satzes. Tonschön interpretierte Tetzlaff im beherzten Zugriff die vertrackten Passagen und setzte sogleich unverkennbar individuelle persönliche Akzente ganz besonders zur prächtig variierten Kadenz (von Joseph Joachim transponiert).

Kunstvoll, fein ziselierte der einfühlsame Geiger das Liniengewebe des melodischen Adagios, wie aus höheren Sphären niedersteigend erklang das Instrument transparent geradezu filigran während den verklingenden und wiederkehrenden traumhaft anmutenden Akkorden.

Vortrefflich in wunderbarer Detailabstimmung begleitete Sir Antonio Pappano mit der genial körperreich musizierenden Sächsischen Staatskapelle Dresden die untermalenden orchestralen Funktionen. Spannend erlebte man den Dialog zwischen Ensemble und Solist, vor allem in den Randzonen, welche ich noch nie in so zerbrechlich instrumentaler Form, orchestral dünn gewebt erlebte. Behutsam manipulierte der erfahrene Dirigent den Solisten in die weiten Bögen der immensen Orchester-Horizonte.

Pastelle herbstliche Farben in warmen Holztönen entströmten der Violine zum prachtvollen Rondo des dritten Satzes. Markante energiegeladene Nonensprünge setzte der Solist weicheren schwungvollen Tönen der ungarisch gefärbten Themen entgegen. Tetzlaff gelang es in schier jugendlichem Ungestüm mit der Fülle des Wohllauts, die Verwandlungen der Extreme und Tempi auf ganz besonders virtuose Weise zu vereinen.

Eine Welle der Begeisterung und Sympathie schlug allen Beteiligten entgegen. Tetzlaff bedankte sich mit der hinreißend interpretierten „Partita Nr. 3“ (Bach).

Ein elitärer Klangkörper geleitet von einem der größten Dirigenten unserer Zeit, dazu eine symphonische Rarität vollendet zu Gehör gebracht – Musikherz was begehrst Du mehr?

Sir Antonio Pappano, Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle gab sein in Wiesbaden umjubeltes Debüt und brachte mit den Dresdnern die „Zweite Symphonie“ von Sergej Rachmaninow zur exzellenten Darbietung. Beim Ablauf des monumentalen Werkes könnte so manchem Zuhörer der Gedanke gekommen sein, ob er da nicht womöglich Music minus one hörte, nämlich ein verhindertes Klavierkonzert? Zudem sich die melodische Verwandtschaft zum „Zweiten“ nicht leugnen lässt.

Den ersten Satz Largo – Allegro moderato dem längsten und intensivsten nahm den Komponisten mehr in Anspruch als alle drei anderen zusammen. Die lentamente Intonation der Symphonie ist zugleich die Quelle aller Themen und Motive. Das von Violinen seufzende Thema ist zudem eine Art Modus, welcher in mehr oder weniger variierter Form das ganze Werk durchzieht. Ohne die Gesamtqualität des famosen Klangkörpers zu schmälern, selten darf man ein Orchester mit derart präzisen, klangvollen Blechformationen erleben. Breit ausschwingend im Balladenton ließ Sir Antonio Pappano mit dem hervorragenden Klangkörper die Themen „malen“.

Im kurzen scherzoartigen Allegro molto offenbarten sich schroffe Wechsel von grimmiger Leichte und verhaltener Resignation den geistvoll-kapriziösen Charakter einer ausdrucksvollen Kontrastierung, um in einem prächtig-brillanten Fugato zu enden.

Im gefühlvollen Adagio schwelgten traumhaft die Violinen, die Klarinetten führten den Substanzkern fort um sich sodann zur Largo-Einleitung in rauschhafte Klanglyrik zu steigern.

Standen den gewaltigen Intentionen der Bläser auch die Streicher der ehrwürdigen und traditionsreichen Sächsischen Staatskapelle in nichts nach, entfalteten sie doch im Gesamten des grandios aufspielenden Instrumentariums jenen unverkennbaren, unwiderstehlich-typisch, elegischen Rachmaninow-Gefühlsrausch in prächtig tonaler Schönheit.

Gleich wilden Freudenausbrüchen von zündender überschwänglicher Kraft führte Sir Pappano die orchestralen Wege gleich einer Art Befreiung dem Ende einer Reise aus dem Dunkel zu. Satt funkelten die Instrumental-Couleurs zur blühenden Melodie des Allegro vivace, zwangsläufig stand der weiche Streicherklang im Vordergrund, melancholisch meldete sich die Klarinette zu Wort in unvergesslicher Weise der Resignation. Ausladend, rhythmisch überwältigend steigernd, melodisch reizvoll trieb der Maestro die Orchestergruppen in die Apotheose der finalen Hymnik.

Die Begeisterung des Publikums entlud sich euphorisch und wurde mit dem vortrefflich musizierten „Lohengrin-3.Akt-Vorspiel“ (Wagner) belohnt. Ein Konzertabend der Sonderklasse – Bravo!

Gerhard Hoffmann

 

 

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