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WIESBADEN: DER VOGELHÄNDLER

13.02.2012 | KRITIKEN, Oper

Wiesbaden: Zeller: DER VOGELHÄNDLER  am 12.2.12

 Zellers gediegene Operette Der Vogelhändler ist gar nicht mehr regelmäßig auf deutschen Spielplänen zu finden. Der große Publikumszuspruch in Wiesbaden zeigt, dass zumindest bei der älteren Generation großes Bedürfnis nach dieser Unterhaltungsform bestehen bleibt.

So wurden die Schlager auch kräftig mitgesummt.

Operettenexperte ANSGAR WEIGNER setzt das stellenweise dürftige Libretto opulent in Szene, mit dem schönen Einfall, Hofdame Adelaide melancholisch im Kaffeehaus, ihre Geschichte Revue passieren zu lassen. Das Ende bekommt so fast eine tragische Komponente, da sich viele Zuschauerinnen in Witwentrauer wiedererkennen müssen. Gelegentlich überbordend und nicht immer ganz fokussiert, aber mit Einfällen, Schwung und Verve gelingt eine gut gearbeitete Regie, da auch in straffen, leicht frivolen Dialogen eine markante Handschrift zeigt. Bühnenbild (ROBERT SCHRAG) und Kostüme ( RENATE SCHMITZER) übertreiben etwas im Kitsch.

 In Wiesbaden ist eine stabile Operettensängerriege am Werk: ANETTE LUIG, dem Haus seit vielen Jahren verbunden, gestaltet eine anmutige Kurfürstin, die das innig gesungene Kirschbaumlied im dritten Akt zum Höhepunkt ihrer Rollengestaltung werden lässt. KERSTIN WITT ist ein Theaterblut erster Güte, die die liebestolle Adelaide mit großer Pointensicherheit, aber auch nötiger Ernsthaftigkeit modelliert. Ihr zur Seite steht JOACHIM GOLTZ mit tragender Baritonstimme , hervorragender Diktion und schalkhaftem Witz als Baron Weps.

Die beiden Tenöre haben ihre Meriten vor allem in den zarten Passagen. CARSTEN SÜSS gelingt ein an schubertsche Liedgröße gemahnendes „Wie mein Ahnel zwanzig Jahr“, und JUD PERRY wartet mit leuchtenden Spitzentönen auf; sonst singt er eher mit fragiler Stimmgebung. Beide sind gute Komödianten, die sich mit der Post-Christel ( bei sehr guter Stimme: SHARON KEMPTON) kräftig zanken und herzen.

Die Prodekane WOLFGANG VATER und KLAUS KRÜCKEMEYER  liefern ein herrliches Kabinettstück ab. Der Dorfschulze Schneck ist stimmlich eher aus derben Holz (REINHOLD SCHREYER-MORLOCK).

 Problematischer sind leider die Kollektivleistungen an diesem Abend. Das Staatsorchester beginnt bereits mit misstönigen Introduktionsakkorden. Es war ein konzentriertes Einstimmen vorher nicht zu vernehmen. Auch Carl Zeller will mit Sorgfalt musiziert werden. Die stärksten Momente sind dann die kammermusikalischen Nummern, wie etwa die mit Zitter angereicherte Tenorballade oder das Lied vom Kirschbaum. Hier findet auch Dirigent WOLFGANG WENGENROTH zum subtilen Begleiten. Die großen Chortableaus hingegen verschwimmen, auch mangels ordentlicher Textdeklamation des musikalisch nur hinreichenden Chores (Leitung: ANTON TREMMEL), der sich szenisch jedoch beherzt in Zeug wirft.

 Das Publikum dankt mit warmem Applaus.

 Damian Kern

 

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