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WIESBADEN bzw. FRANKFURT: HÄNDELMANIA – ALESSANDRO und TESEO

21.06.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Händelmania in Rhein Main: Gedanken zu Händels „ Alessandro“ bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden und zu „Teseo“ der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot

 Georg Friedrich Händel sei nicht nur englischer Staatsbürger, nein! er war und sei eine „nationale Institution“ so ließen es die Musikologen zum 200. Todestag 1959 des in Halle geborenen Komponisten, Dirigenten und Operngesellschafters verlauten. Seine etwa vierzig Opern galten zu seiner Zeit, als die italienischen „wilden Biester“ überhaupt. Sie wurden als „hässliche heulende Untiere“ oder gar als „geschickt vertonter Unsinn“ betitelt. Denn, die puritanischen und zudem sehr evangelischen Engländer verstanden ihre Texte nicht.

Jedes “Dramma tragico“ ob ein “Giulio Cesare“, “Alessandro“ oder “Teseo“ sorgte für immens viel Tratsch und Klatsch. Zudem wurden die Aktien des Opernbetriebs bzw. Operngesellschaft, die Händel mit zwei musikalisch Verbündeten gegründet hatten mit Unterstützung des Königs an der Börse gehandelt.  Georg Friedrich Händel war Dramatiker, wusste um die Neigungen, Widersprüche, ja Leiden des menschlichen Herzens und Gemüts. Ebenso wie der große William Shakespeare vor ihm vermochte es Händel die „Unerträglichkeit der menschlichen Existenz und den Glanz der menschlichen Existenz“ in musikdramatische Poesie zu verwandeln.

 Dass Händels kompositorische Einfühlsamkeit und schöpferische Temperament dem von Verdi nahe steht, auf die Verdischen Charaktere verweist, ist heute unbestritten.

 Zudem prophezeite man vor über 50 Jahren den aufkeimenden Bestrebungen Festspiele zu veranstalten keine große Zukunft. Händels Oratorien waren hoch geschätzt, seine Opern fast vergessen.

 2013 ist es geschafft und den Genius und „Weltmenschen“ Georg Friedrich Händel entdeck(t)en immer mehr herausragende “Alte Musik Ensembles“ und eine bedeutende Anzahl von Countertenöre und Barocksopranistinnen werden weltweit gefeiert. Alle Formen der Barockmusik fristen kein Nischendasein mehr, werden auf Hochschulen studiert und als ernsthafte Kunst- und Ausdrucksform einem Verdischen Drama, einem „Wagner’schem Weltepos“, einer Zeitgenössischen Oper gleichgestellt.

Das funktioniert im jetzigen Opernbetrieb mit erstaunlich guter Resonanz von Seiten des Publikums und der Presse.

 

WIESBADEN/ Part One: „Alessandro“ (King’s Theatre, Haymarket, London 1726)


Foto: Martin Kaufhold/ Lena Obst

 Die Produktion von Armonia Atena unter Mitbeteiligung von Parnassus ARTS Productions Opéra Royal de Versailles und der Händel Festspielen in Halle als „Europapremiere“ bei den Internationale Maifestspiele 2013

 The Artists

 Wenn sich der schwere rote Vorhang im exquisiten neobarocken Staatstheater Wiesbaden hebt wird der neugierige Operngast hineingeschleudert in eine bunte Filmszene der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. (Bühne und Kostüme, Paris Mexis). Als Dreh: ein Film, oder gar eine Historien-Soap in Stil vollendeter Eleganz über den selbstverliebten und immer flirtenden „Alessandro“ im fernen Indien.

 Als Story in der Story hat sich die amerikanische Regisseurin und Choreographin Lucinda Childs Händels selten gespieltes „Dramma per musica“ ausgedacht.

 Die witzig humorvollen Ausdeutung Lucinda Childs erinnert ein wenig an die elegante Art Deco Welt des Agatha Christie Helden Hercule Poirot oder an den kürzlich Oscar prämierten Stummfilm „The Artist“. Nur ohne Hund, leider!

 Die zweite Ebene ist die Garderobenwelt am Filmset. Vorne heiterer Sonnenschein, dahinter „Zickenterror”, untreue Helden, mythologische Weicheier und ein wirklich immerwährendes Thema: Die Liebe und ihre Verwirrungen, Irrungen, Eifersuchtsdramen und Eitelkeitsfloskeln.

 Impuls für dieses Feuerwerk an Verwirrspiel des menschlichen Herzens gab eine wahre Begebenheit, die auf der Opernbühne des King’s Theatre am Haymarket während einer Vorstellung stattfand. Dort wo die Opernkompanie Händels italienische Tophits produzierte, gerieten sich 1726 die beiden Soprandiven Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni in die Haare. Und das ist wortwörtlich zu verstehen. Es flogen die Fetzen und Haarbüschel wurden sich ausgerissen. Beide Damen hatten gleich viele Bravourarien zur Freude des Publikums aber zum Leidwesen des Superstar-Kastraten Senesino. Der wurde dadurch kaum wahrgenommen an jenem denkwürdigen Abend.

 Nicht so in Wiesbaden! Countertenor Max Emanuel Cencic sang und spielte die Herz zerreißende Bravour-Partie des Alessandro so überwältigend klangschön, mit Schwindel erregenden Koloraturen, Trillerketten und liebreizendem Schmelz versehen, so dass ihm am Ende des Abends, der natürlich mit einem glücklichen Ende beschloss, das Publikum und die beiden Prinzessinnen Rossane und Lisaura zu Füßen lagen.


Foto: Martin Kaufhold/ Lena Obst

 Zu Händels Zeiten war das Shakespeare-Motto „Life a Stage“ Programm! Und in dieser atemraubenden Kintopp-Glamourwelt stacheln sich die beiden konkurrierenden Damen zu immer exzentrischer Höchstleistung an. Herrlich weich in der Phrasierung, dunkel anmutig und im Liebreiz kaum zu übertreffen formte Blandine Staskiewicz den Part der Rossane. In dem stand ihr Adriana Kucerova als Lisaura nicht nach. Dramatisch geschmeidig in der Tongebung und effektbetont im Spiel verzauberte auch sie.

 Die schönste Arie des Stücks „ Vibra, corterse Amor“ fiel dem innerlich bewegt singenden Altus Xavier Sabata als Tassile zu. Pavel Kudinov als Clito, Juan Sancho als Leonato und Vasily Khoroshev als Cleone ergänzten das singende „Dream Team“.

 Als äußerst geschmackvoll mit ausgewogener Klangästhetik musizierte barocke Kammerorchester Armonia Atenea, das George Petrou durch die leicht beschwingte Welt eines Händel-Hollywood leitete.

 Zu Recht Standing Ovations für ein fulminantes Spektakel, eine atemberaubende Show, einen fein geschliffenen „Händelbrillant, der unvergesslich bleibt und glatt als musikalischer Kulturbotschafter in Sachen Barockoper Maßstäbe setzt.

Dass wegen Hochwasser diese Produktion nicht in Halle bei den Händel-Festspielen zu sehen war, ist mehr als bedauerlich. Glücklich kann sein, wer diese Sternstunde des barocken Opernspektakels erlebt hat.

 Ein grandioser Auftakt zur Europatournee!

BRAVO!

 FRANKFURT/ Bockenheimer Depot: Part Two “Teseo“ (Queen’s Theatre, London 1713)

 Der Medeakomplex


Gaälle Arquez. Foto: Barbara Aumüller

 Frankfurt kann, seitdem Bernd Loebe die Intendanz der mehrfach preisgekrönten Oper Frankfurt übernommen hat, auf eine regelrechte Tradition in Bezug auf das Aufspüren von Opernraritäten des Barocks zurückblicken.

Zudem wird im Wagner-Verdi Jahr der Operngigant Georg Friedrich Händel an der Oper Frankfurt nicht vergessen. Deswegen standen im Mai und Juni 2013 gleich zwei Händelopern auf dem Spielplan: „Giulio Cesare in Egitto“ und „Teseo“, Händels bedeutender Einstiegserfolg in London von 1713.

 Im Frankfurter Bockenheimer Depot,  in welchem das Dramma tragico in fünf Akten „Teseo“ auf die Bretter kam, läuft das musikdramatische Spektakel um Ruhm, Begehren, Eifersucht und Verwünschung eher gesittet ab. Ein Vergleich mit dem „Alessandrospektakel“ aus Wiesbaden wäre abwegig, denn im großen „Experimentierguckkasten“, einem schmalen Container, wird puristisch gedacht.

Amüsant geht es auch nicht zu, sondern präsentiert wird von Schauspielregisseur Tilmann Köhler, der sein Operndebüt gibt, ein eher nachdenklich stimmender „Teseo“. Manchmal wird sogar zuviel gedacht und Musik zu denken und dann zu inszenieren schlägt immer fehl. Sie zu erleben und aus diesem Geist heraus auf Spurensuche nach dem „Kick und Esprit des Barocken zu gehen“ mangelt es der Regie. Der Knalleffekt mit Feuerspuk und Rachearie kommt natürlich prompt am Schluss, wenn Medea die Zauberin Feuerregen sendet und sich der enge Kasten nach hinten in die Unendlichkeit des Raumes öffnet.

Tillmann inszeniert seinen „Teseo“ vom Schluss aus, denkt rückwärts. Das geht nur teilweise auf. Es beginnt mit einem furios virtuosen Auftakt des fein musizierenden Barockensembles der Oper Frankfurt. Händels musikalische Könnerschaft wird unter dem Dirigat Felice Venanzoni, in Orchestersounds, Hell-Dunkel Kontrastierungen hör und erlebbar. Sublimierte Holzbläsersoli und wichtige Akzente der Continuoparts lassen aufhorchen. Leider verhinderte der zu geschlossene Raum zu Anfang, dass der Klang sich optimal entfalten konnte. Bühne, Carolin Risz.

Fünf Hauptakteure des Dramas liegen in Alltagskleidung oder Businessanzügen zwischen demolierten Schaufensterpuppen. Verletzte, glatte Körper, zu denen immer wieder gekrochen wird oder deren Torsi im Containerkasten stehen. Manchmal wird sogar ein Bein geschwungen, eins aus Plastik versteht sich.

Man spielt „Teseo“ in der Containergesellschaft, will im Spiel aus der Enge fliehen in eine barocke, andere Welt. Aber alle Figuren, die Tillmann Köhler in diesen großen länglichen Guckkasten steckt, bleiben doch gefangen.

 Es ist Kriegszeit in Athen. Teseo, mit Brusthaar T-Shirt ausgestattet und wacker gesungen von Jenny Carlstedt wirkt ebenso wie die süß agierende Agilea, Juanita Lascarro zu eindimensional. Hübsch artikulierend aber mit zu wenig Biss und Profil kommt die Cinzia von Anna Ryberg zur Geltung. Auch der König Egeo, sonor gesungen von William Towers gestaltet nur ansatzweise markant. Er ist eher ein Feigling als der wahre souveräne Herrscher.

Wenn aber Medea, die coole Killerlady im nachtblauen Glamourtaftkleid mit ihrem Zauberbeil in die ach so heile und beengende Containerwelt eindringt, zieht diese famos auftrumpfend singende „Femme Fatal“ alle Blicke auf sich. Bravourös Gaëlle Arquez, wundervoll, hysterisch aufspielend, im Bannkreis ihrer Rachsucht und Feuers ist sie ein Fest für die Augen und das Ohr. (Kostüme, Susanne Uhl).


Foto: Barbara Aumüller

 Aber ändert wirklich dieser eine Schlag durchs Mauerwerk etwas? Ist Erschütterung, innere Erschütterung, gar Menschlichkeit spürbar? Ja, denn innere Ergriffenheit verkörpert der Altus Matthias Rexroth, als Arcane. Ebenso wie Medea bringt er den Beat in den Container und steckt dabei seine Mitstreiter an. Ist er doch der „Janusköpfige“ Liebhaber, der seine angebetete Cinzia, mit satt modulierender Stimme und hoher Verzierungsgestik zu umgarnen versteht.

Sein Arcane agiert auch in stummer Position, selbst dann wenn er scheinbar teilnahmslos am Bühnenrand hockt. Matthias Rexroth ist das geglückte Paradigma für einen Raum füllenden Sängerdarsteller.

Große Augenblicke, eindringliche Gefühlswelten. Brillant Musiziert.

Einvernehmlicher Jubel im Publikum!

 Barbara Röder

 

 

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