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WIEN/Staatsoper „DER SPIELER“ – Scheinwelt in Roulettenburg. Derniere

21.10.2017 | Oper

WIEN/Staatsoper „DER SPIELER“ – Scheinwelt in Roulettenburg

(Derniere am 20.10.2017 – Karl Masek)

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Nach der Premiere: Misha Didyk, Elena Maximova, Elena Guseva, Clemens Unterreiner. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Unglaublich: Es ist die erste Eigenproduktion einer Prokofjew-Oper im Haus am Ring! Bisher gab es im Jänner 1964 ein „Spieler“- Gastspiel des Belgrader Nationaltheaters. Und im Theater an der Wien gastierte 2007 das Mariinsky Theater unter Valery Gergiev mit ebendieser Oper.

Das Libretto wurde von Sergej Prokofjew unter Verwendung einzelner originaler Romanpassagen mit den vielen dialogischen Stellen von Fjodor M. Dostojewski erstellt. Entstanden ist dieses Frühwerk des damaligen Mittzwanzigers während des Ersten Weltkriegs 1915-1917. Die geplante Uraufführung fiel nach der Revolution und der unübersichtlichen politischen Lage, aber auch durch die Weigerung einiger Sänger, ihre Rollen zu singen, aus – und weitere Uraufführungspläne in Russland zerschlugen sich ebenfalls. Schließlich kam das Werk erst 1929 in Brüssel (in französischer Sprache) heraus.

Prokofjews zweite Oper erfordert nebst 31 Solisten eine umfangreiche Orchesterbesetzung. Da die Wiener Philharmoniker zeitgleich ein groß dimensioniertes Gastierprogramm absolvieren (Von Ende September an mit Zubin Mehta quer durch Europa, jetzt eben mit Andris Nelsons eine Asien-Tournee), ist es für das Orchester der Wiener Staatsoper sicher eine logistische Herausforderung, das komplexe, schwierige und auch klangspröde Werke sechsmal zu „stemmen“. Und die in Wien verbliebenen Philharmoniker, engagiert und präzis angeführt von Konzertmeister Rainer Honeck, befinden sich im Dauereinsatz! Dennoch: Ohne Substituten wird man nicht das Auslangen finden! In der besprochenen letzten Aufführung der Premierenserie wurde die Herausforderung glänzend bewältigt. Simone Young erwies sich einmal mehr als souveräne „Steuerfrau“ in den Klangfluten, gestaltete das mit Fortdauer des Abends immer obsessiver kreise(l)nde Klangbild scharfkantig und suggestiv. Prokofjew erscheint da im Schlussbild in eindringlicher Weise als eine Art Vorläufer des Dmitri Schostakowitsch. Namentlich im „Spieler“ erzählt ja die Musik besonders viel vom “Unbewussten“ der Figuren. Und von den Obsessionen und den Süchten, welche die handelnden Personen in der dekadenten Scheinwelt in „Roulettenburg“, losgelöst vom wahren Leben, antreiben.

Für Regisseurin Karoline Gruber war (nachdem sie den Dostojewski-Roman gelesen hatte und tief in die russische Sprache eingedrungen war) ein feministischer Ansatz, mithin die vielschichtigen Frauenfiguren, besonders interessant. Bei Polina, der Stieftochter des „Generals a.D.“, wird sie besonders fündig. Ihre Stimmungsschwankungen, ihr Stolz, ihre Unnahbarkeit, letztlich auch ihre Liebesunfähigkeit, die sie als „Schwarm“ des verkrachten Hauslehrers und Spielers Alexej diesen demütigen lässt. Elena Guseva, die sibirische Sopranistin, gibt ein schillerndes Rollenbild mit dunkel grundierter Sopranstimme, der gleichwohl Hochtöne bis zu lang angehaltenen A’s und H’s abverlangt werden, souverän. Oder die Französin Blanche, stets auf der Suche nach dem Meistbietenden: Elena Maximova gibt diesem berechnenden Luxusweibchen mit sinnlich timbriertem Mezzosopran Kontur. Die alte, steinreiche Erbtante Babulenka, deren Ableben vom General bis zum windigen, skrupellosen Marquis, aus „guten Gründen“ sehnlichst erwartet wird, wird als starke Persönlichkeit gezeichnet, die diese Gesellschaft und ihre Beweggründe messerscharf durchschaut und mit voller Absicht den Großteil ihres Vermögens verspielt. Linda Watson singt und spielt diese Person exaltiert und bühnenbeherrschend, treibt so all die anderen in ein Endspiel und in den Abgrund. Wobei der Handlungsfaden etwas modifiziert wird: Alexej hat beim Spiel Glück (Zwanzigmal kam Rot, immer nur Rot!“), will Polina die Summe, die sie dem Marquis schuldet, schenken. Doch diese will nicht „gekauft“ werden, wirft ihm das Geld (den Bühnenflitter!) vor die Füße und demütigt ihn erneut. Alexej erwürgt sie – und die Handlung bricht ab …

Bestimmend ist letztlich nicht ein „Roulettenburg“, wie es Dostojewski imaginiert, sondern eine Karussell-Welt, in der es trotz Drehung und stetiger Bewegung kein Vorwärts-Kommen gibt. „Immer wieder fåhrt ma‘ weg, und draht sich doch am selben Fleck“, so dichtete schon Hermann Leopoldi in einem berühmten Wiener Lied der Zwischenkriegszeit („Schön ist so ein Ringelspiel“, natürlich mit ironischem Touch von „Heiler Welt“). Mag sein, dass Karoline Gruber, eine Österreicherin, auch diesen Wien-, ja sogar einen gewissen Prater-Bezug berücksichtigt. Und um Flucht in eine heile Welt geht es ja auch diesen verkrachten Existenzen am Spieltisch. Und alle projizieren ihre eigenen Sichtweisen auch in Liebesbeziehungen in die anderen Personen, nicht bemerkend, dass sie mit der Realität nicht überein stimmen. Gruber will damit, so der Dramaturg Oliver Láng augenzwinkernd bei der Werkeinführung im Gustav-Mahler-Saal, auch all den Paaren im Opernpublikum eine “Hausaufgabe“ mitgeben: Stimmen Eigenbeobachtung und –beurteilung in einer Partnerschaft immer mit der Wirklichkeit überein? Oder gibt es nicht oft genug – wie beim Spieler Alexej – Trugbilder, denen man aufsitzt?

Roy Spahn und Mechthild Seipel stellten der Inszenatorin einen passenden Bühnenraum zur Verfügung (endlich einmal kein Schwarz-Weiß-Bühnenbild und keine Schwarz-Weiß-Kostüme!) Spielgeld ist (optisch sehr effektvoll) eine Unmenge an Goldflitter, viel gibt es zu schauen (den zerbrochenen Spiegel, sowie von den Karussell-Pferdchen bis zum Hubschrauber, mit dem der groteske preußische Baron Wurmerhelm (markant der immer wieder besonders wandelbare Marcus Pelz) einfährt.

Die zentrale, höchst anspruchsvolle Rolle des Spielers Alexej singt Misha Didyk mit Aplomb bis zur Selbstentäußerung, wenn der Wahnsinn Besitz von ihm ergreift. Sein Tenor hat Höhenpotenzial und Leuchtkraft. Der russische Bass (aus Ekaterinburg) Dmitry Ulyanow ist mit raumfüllendem Organ und bühnenbeherrschendem Spiel eine Idealbesetzung des verschuldeten Generals, der beim Versuch, an das Geld der Erbtante zu gelangen, scheitert. Thomas Ebenstein ist mit beweglichem Charaktertenor der schmierige Geldverleiher. Ist er überhaupt ein „Marquis“?

Eine hervorragende Ensembleleistung sahen wir. Bis hin zu den winzigsten Rollen der Spieler im 4.Akt, die allerdings überaus schwierige Ensembles zu bewältigen hatten. Morten Frank Larsen (der Brite Mr. Astley), Pavel Kolgatin (Fürst Nilsky), Clemens Unterreiner (Potapitsch, der Begleiter der Babulenka)  seien stellvertretend genannt.

Acht Minuten Applaus, wohl dosierte Bravorufe. Die Derniere war erfreulich gut besucht.

Karl Masek

 

 

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