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WIEN/ Staatsoper: RIGOLETTO – Derniere mit George Petean

03.01.2015 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Wiener Staatsoper
“RIGOLETTO”
2.Jänner 2015 
Derniere der Premierenserie
Von Peter Skorepa

PIOTR BECZALA als Herzog

PIOTR BECZALA als Herzog

 

Keine Frage, schon in der Premierenserie ist in diesem neuen “Rigoletto” der Theateralltag eingekehrt, die neue Inszenierung erweist sich als einspringertauglich, was also für den in Wien gepflogenen und gepflegten Repertoirebetrieb mit seinem beliebten Gästeroulette kein allzu großer Fehler ist. Vorbei diese extreme Rollenauslegung des unglücklichen Premierendarstellers, die in die Bereiche eines psychisch abartigen und sich beinahe schon tierhaft verhaltenden Außenseiters niederschlug, eine Deutung, von der anzunehmen ist, dass sie wohl mehr einem Spielangebot Keenlysides entsprach, als dass sie den Ideen des Regisseurs entwachsen wäre.

Und so war es gestern in der Derniere der Premierenserie dem Einspringer George Petean vorbehalten, schon bedingt durch die Kürze der Einweisungszeit, uns ein “klassisches” Rollenbild der Titelgestalt vorzuführen, mehr geprägt vom Bild eines liebenden Vater als von dem eines Verhaltensauffälligen. Natürlich bleibt von den neuen Ideen Pierre Audis noch genug übrig, um bei großen Teilen des Publikums Trauerarbeit nach der alten Inszenierung auszulösen. Aber der Franko-Libanese hat wenigstens die Szenenabfolge aus der alten Starre erlöst, hat sich von Christoph Hetzer eine Drehbühnendekoration hinstellen lassen, welche der zu entlarvenden Schäbigkeit der handelnden Personen den entsprechenden Rahmen verlieh. Und so manche Schattenspiele durch die Lichteffekte von Bernd Purkrabek ergaben bei der Bebilderung einen gewissen Reiz. Der Regisseur hat auch neben drastischer Details wie etwa der Tötung Giovannas und der Niedermetzelung Monterones auch an kleinen Nebensächlichkeiten gearbeitet. Maddalena etwa tritt im ersten Akt als Nonne auf, eine in allen historischen Zeiten gerne gewählte Verkleidung für leichte Mädchen als Schutz vor Verfolgung. Da folgt die geraubte Gilda freudig erregt dem Herzog ins Schlafgemach und verläßt dieses prächtig eingekleidet. Schon Verdi hat eine solche Szene angedacht. “Wir müßten Gilda mit dem Herzog im Schlafzimmer zeigen…Jedenfalls wäre es ein Duett, ein großartiges Duett. Aber die Pfaffen, die Mönche, die Heuchler würden daran Anstoß nehmen.”

Nur Sparafucile bleibt bis zuletzt in seiner verhaltenen und unbeteiligt wirkenden Gestaltung verhaftet, so auffällig, dass man schon einen Interprätationsansatz vermuten kann. Ob das Symbol eines Schicksalslenkers oder Flucherfüllers dahinter steckt, ein theaterwirksamerer Auftragskiller wäre uns lieber gewesen. Und diese alberne Seilbahngondel mit dem bösen Schicksalsgewitterwölkchen über dem Dach, das muß einem erst einfallen als Behausung für Gilda. Die Angst der Regisseure vor Langeweile führt zu solchen Kuriositäten.

George Petean ist gesanglich kein Schwergewicht, er muß schon hörbar seine stimmlichen Mitteln für die großen Ausbrüche sammeln, es fehlt manchmal an der Durchschlagskraft in den extremen Höhen der Partie. Dafür aber spielt er ein angenehm klingendes und ausgezeichnet

Erin Morley

Erin Morley

geführtes baritonales Material in den Duetten mit Gilda aus, mit einer heutzutage schon selten zu findenden guten Diktion. In der Darstellung bot er im Wesentlichen eine vom herkömmlichen Rollenbild kaum abweichende Variante, mehr allerdings als sein Vorgänger, der von der Staatsoper wochenlang als Cover beschäftigt wurde.

Ohne Fehl und Tadel war diesmal Piotr Beczala als draufgängerischer Herzog, auch so manche etwas gepresste Höhe störte das Gesamtbild kaum, Diktion und Phrasierung waren hörenswert, Spielfreude und Ausstrahlung überzeugend. So liebevoll und freundlich er Gilda aus seinen Gemächern entließ, sein “Bella figlia dell´amore” überzeugte noch mehr davon, dass der Herzog und Maddalena das eigentliche Liebespaar mit erotischer Note darstellen.

Erin Morleys Gilda bot das, was man von einer guten Gilda erwartet: lyrischen Schöngesang. Die letzte Note jedoch, bevor sie dem Mörder ins Messer läuft, die sollte alles überstrahlen mit einem messerscharf-dramatischen Einsatz, aber diese Kraft hatte ihre Stimme nicht.

Wenn man Elena Maximova kritisch nachsagt, sie hätte zu wenig Erotik in der Stimme, dann sollte man Bedenken, dass sie blöd gewesen wäre, dieses Rollenangebot abzulehnen, dass ihr jungmädchenhafter und raffinierter Charme auch etwas wert ist und sie obendrein schöne Beine hat. Den Herzog hatte sie jedenfalls überzeugt und er ist sicher nicht schlecht bedient worden, wie man durch die Lücken des verfallenen Blechhäusels beobachten konnte. Ryan Speedo Green beobachtete das Geschehen um ihn herum mit einer gewissen Lethargie, mehr Lebendigkeit war auch seinem Gesang nicht abzugewinnen.

Aus dem übrigen Ensemble machten auf sich aufmerksam: Ein wütend orgelnder Monterone des Sorin Coliban, ein schönstimmiger Marullo von Mihail Dogotari und der noch sehr kleinkalibrige Page der Hila Fahima, auf die noch im Juni die Aufgabe wartet, gegen alle die Gildas, die wir schon gehört haben, in Konkurrenz anzutreten. Na denn, viel Erfolg.

Das Orchester der Wiener Staatsoper ließ sich auf die manchmal etwas überbordende Agogik von Myung-Whun Chung ein, eine Interpretation mit Kanten und Ecken aber auch mit Leerläufen, zumindest empfand man so manche Arien- und Duettbegleitungen in ihrem Zeitmaß so. Von den Damen und Herren des Staatsopernchors durften diesmal librettobedingt nur die Herren, einstudiert von Martin Schebesta, glänzen.

Vom ausverkauften Haus gab es viel Applaus, am Schluss fast zehn Minuten davon, insbesonders für den Einspringer.

 

Peter Skorepa
Fotos: Michael Pöhn/WSO

 

 

           

 

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