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Wiener Staatsoper: „LA BOHÉME“ 29.4.2013

30.04.2013 | KRITIKEN, Oper

 

Heuer Fünfzig Jahre Zeffirelli – Bohéme!

 Mit Skandalen und einem Judaskuss für Karajan begann diese erfolgreiche Dauerinszenierung von Franco Zeffirelli

 

Mit diesem Abend wird die Wiener Staatsoper insgesamt 402 Vorstellungen in dieser Inszenierung innerhalb des letzten halben Jahrhunderts gespielt haben, im November dieses Jahres jährt sich zum fünfzigsten Mal der Bohéme-Skandal, der mit der Absage der Premiere seinen Höhepunkt fand. Das Haus war schon mit Besuchern voll, als der künstlerische Leiter, Herbert von Karajan und sein Direktor Egon Hilbert vor den Vorhang traten und Hilbert eine umständliche Erklärung verlas, in welcher die Gründe für die Absage der Vorstellung aufgezählt waren. Die Bühnenarbeiter waren in den Streik getreten, weil deren Gewerkschaft der Ansicht war, dass die Beschäftigung eines Souffleurs aus Italien ungesetzlich wäre, während die Direktion auf ihrem Standpunkt beharrte, der Beschäftigte zähle als Maestro suggeritore zum künstlerischen Personal. Der Applaus war den beiden Herren vor dem Vorhang sicher, ebenso wie der dicke Schmatz vom Direktor auf die Wange des etwas indignierten künstlerischen Leiters. Es war ein “Judaskuss”, wenn man das Schicksal dieser unglücklichen Doppeldirektion in weiterer Folge betrachtet. Ein Gericht schloss sich Wochen später dem Standpunkt der Staatsoper tatsächlich auch an, aber schon eine Woche nach der Absage fand am 9.November 1963 die Premiere der „Boheme“ in der Inszenierung von Franco Zeffirelli statt: Ohne Souffleur, ohne Maestro Suggeritore aber dafür mit einem Triumph für alle Beteiligten. Das nur zur Erinnerung an eine Premiere, die wochenlang Gesprächsthema in Wien war.

MIRELLA FRENI mit Gianni Raimondi 1963 in der Boheme

Heuer wird am 10.November in einer Matinée Mirella Freni zu sehen sein, die neben Rolando Panerai und Ivo Vinco zu den letzten der noch Lebenden aus der Riege der Hauptrollensänger zählt.

Neben ihr sangen damals Gianni Raimondi, Rolando Panerai, Hilde Güden, Giuseppe Taddei, und Ivo Vinco die weiteren Hauptrollen. Die Inszenierung, die im November 50 Jahre alt ist und 402 Vorstellungen auf dem Buckel hat, stammt von Franco Zeffirelli, am Dirigentenpult stand Herbert von Karajan, der diese Inszenierung mit nahezu identer Besetzung bereits 1961 in der Mailänder Scala dirigierte. Auch damals nicht ohne „Skandal“. Giuseppe di Stefano, mit gültigem Scala-Vertrag, wurde vom Dirigenten geschasst, weil der Tenor nicht mehr in der Lage war, seine Arie „in tono“ zu singen, er drückte sich um das richtig intonierte hohe C . Die Gage bekam „Pippo“ dennoch ausbezahlt.

Wer denkt heute noch zurück an diese bewegten Zeiten oder weiß von diesen überhaupt, an die Einführung der Originalsprache, dem Übernahmevertrag mit der Scala, dem wir auch diese Bohéme verdanken. Jeder der Nachfolger Karajans müßte eigentlich schon Messen gelesen haben für diesen Repertoirefüller, für diesen Dauerbrenner in der Publikumsgunst, für dieses neben unserer traditionellen „Tosca“ wirtschaftlich wohl am meisten ausgeschlachtete Bühnenbild, einem Muster an Nachhaltigkeit.

Piotr Beczala mit Kristina Opolais im 4. Akt. Foto: Staatsoper/M.Pöhn

In dieser Bohéme-Serie stand der Staatsoper eine gediegene Besetzung zur Verfügung. Liest man das Rollenangebot von Kristine Opolais, 34, kann man gar nicht glauben, dass sie Partien wie Tosca oder Butterfly drauf hat, so zart und innig und lyrisch klingt stellenweise ihr fast zu filigran erscheinender Sopran, da muß Andris Nelsons schon gehörig das Orchester einbremsen, um der Lettin über die Rampe zu helfen. Auch figürlich ist ihre beinahe sylphische Erscheinung prädestiniert für die Darstellung der totkranken Näherin. Aus ihrem hübschen Gesicht spricht ja schon förmlich die Todesnähe, womit auch der Maskenbildneringute Arbeit unterstellt werden kann. Ihr Rodolfo, Piotr Beczala, war hörbar weniger gut disponiert angetreten, am Beginn seiner Arie fing er sich einen “Frosch” ein und schaffte den “Paradeton” nur mit hörbarer Mühe und mit großem Druck. Auch hier war Nelsons am Sprung, um einen allfälligen Schmiss sofort mit dem Orchester abdecken zu können. Beczala wurde dann freier und sang die folgenden Akte ohne hörbare Einschränkungen. Marco Carias Stimme wird immer voluminöser, sein Marcello zeigt schon beachtliches Niveau, sein sympathisches Spiel ebenfalls.

 

 

 

 

 

Anita Hartig als Musetta im Café Momus. Dahinter Piotr Beczala Foto: Wr. Staatsoper/M.Pöhn

Tadellos als Musetta, mit großem, rundem Ton und der nötigen Durchschlagskraft für ihren Auftritt im zweiten Akt zeigt Anita Hartig. Für ihren Einsatz in einem Jahr an der Met als Mimi bringt sie die besten Voraussetzungen mit.

Wolfgang Bankl, zunächst als Hausmeister Benoit auf den Spuren amouröser Abenteuer, dann als alter Genießer Alcindor, wenn er unter den Launen seiner “Angebeteten” leiden muss, alles das stellt er ganz köstlich dar. Die beiden anderen Mansardenbewohner sind mit Eijiro Kai als Schaunard und Janusz Monarcha als Colline besetzt. Man hat den Eindruck, dass die beiden nur wenig in die Möglichkeiten ihrer Rollen eingeführt wurden, so unschlüssig stehen sie oft herum. Und Dritan Luca legt als Parpignol einen Rampenauftritt hin, als wäre er der Bote in der Aida.

Andris Nelsons Dirigat straft die Uraufführungszeit von 1896 fast Lügen, so sehr legt er mit harschen, straffen Einsätzen, vor allem beim Blech, die Modernität der Puccinischen Partitur frei, eine Interpretation, die weniger zurück in die italienische Romantik, dafür aber in die Zukunft des 20. Jahrhundert verweist.

Ad multos annos dieser Inszenierung auf dem Weg zum Hunderter.

Peter SKOREPA

 

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