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Wiener Festwochen: WINTERREISE

09.06.2014 | Oper

Festwochen 2014 Signet

Wiener Festwochen im Museumsquartier: 
WINTERREISE von Franz Schubert
Koproduktion Wiener Festwochen, Holland Festival, Amsterdam, Festival d’Aix-en-Provence, KunstFestSpiele Herrenhausen / Niedersächsische Musiktage, Hannover / Göttingen, Lincoln Center, New York, Grand Théâtre de Luxembourg, Opéra de Lille
Premiere: 9. Juni 2014 

Man hätte ja ein paar Zuschreibungsprobleme: Der „Winterreise“-Zyklus von Franz Schubert ergibt normalerweise einen Liederabend, der im Konzertsaal stattfindet. Die Wiener Festwochen haben ihr Projekt nicht wirklich definiert, „Musiktheater“ im tieferen Sinn ist es ja wohl nicht geworden, wenn der südafrikanische Video-Künstler William Kentridge im MuseumsQuartier quasi einen optischen Kommentar zu den Liedern liefert.

Dafür musste Bariton Matthias Goerne sogar nach Südafrika fliegen, wie er in einem Interview erzählte, obwohl eigentlich nicht ganz klar ist, warum: Er singt seine Lieder neben dem Klavier, wie üblich, und wendet sich vielleicht zwei-, dreimal nach der Videowand um. Mehr Darstellerisches wird ihm nicht abverlangt. Sonst ist es für ihn eine „Winterreise“ wie jede andere, nur dass er sicher sein kann, dass die Aufmerksamkeit des Publikums von ihm in höchstem Maße abgelenkt ist…

William Kentridge hat eine besondere Art der Videocollage entwickelt, die er „steinzeitliches Filmemachen“ nennt, indem er Zeichnungen herstellt, abfilmt (auch im Prozess des Entstehens) und wieder überzeichnet, mit teils verblüffenden Effekten, in einer besonderen Mischung von scheinbarer Realität, die in Irrealität und Surrealität zerrinnt… Ganz zu Beginn gibt es einen „Stadtplan“ von Wien zu sehen, der schnell zum Stadtplan von Johannesburg überblendet: Und dort, in Südafrika, bleibt man dann, das ist klar, wenn auch thematisch wenig zu fixieren ist.

Festwochen_Winterreise_ 
Foto: Wiener Festwochen

Im Programmheft kann man sich klug machen, wenn man es will (und man könnte jetzt hier sehr viel Dramaturgengeplauder reproduzieren). Man liest sowohl über Grundsätzliches wie über Spezielles: Aber nur Kunstfreaks und Kentridge-Kenner werden mit den Hinweisen, aus welchen seiner Werke er das Rohmaterial zu seiner Schubert-Paraphrase genommen hat, etwas anfangen können. Eigentlich ist es ja auch egal: Es geht wohl nur darum, was das Publikum aus den Bildern zur Musik gewinnt.

Das wird wohl je nach Betrachter unterschiedlich ausfallen, aber es kann durchaus sein, dass die Zusammenhänge zwischen der Welt des Wilhelm Müller & Franz Schubert und jener der Bilder nicht unbedingt evident erscheinen – teils poetische Naturszenen, dann durchaus Krasses aus Südafrika, Wasser, das zu Blut wird, aber nichts konkret Fassbares. Nur eines ist klar: Man schaut und schaut eineinviertel Stunden lang, das Gebotene ist nicht wirklich abwechslungsreich, aber die Musik tritt als Begleitung in den Hintergrund.

Für diese sorgen Markus Hinterhäuser und Matthias Goerne, die wohl zu einer konzeptionellen Übereinkunft gekommen sind: Schubert anders, ganz locker, nicht in zelebrierter Liederabend-Interpretationsdeutlichkeit. Hinterhäuser, der oft bis zu fünf Notenseiten vor sich hat, damit er sich den „Umblätterer“ erspart, bringt den „impressionistischen“ Schubert fabelhaft, oft scheint er nur über die Tasten zu huschen, sie zu streicheln – das gibt erstaunlich „andere“ Effekte als jene, die man kennt.

Matthias Goerne ist immer Geschmacksache, der weich-schwammige Bariton ohne Kern, mit fast tenoraler Höhe, oft wie hingehaucht (laut Programmheft „Geno-Gesang“ anstelle etwa des dem Wort und der Deutlichkeit verpflichteten „Phäno-Gesangs“!)  Die Mittellage bleibt oft ganz weg, aber der Gesang wird auch dann nicht wirklich intensiv, wenn er gelegentlich mit voller Stimme losdonnert. Totales Manko ist eine Textunverständlichkeit, die man von einem „Native Speaker“ der deutschen Sprache wirklich nicht tolerieren kann. Angesichts der Bilderflut im Hintergrund wirkt die Musik im Vordergrund fast eintönig, und so geheimnislos hat man den finalen „Leierkastenmann“, der ja die ultimative interpretatorische Herausforderung darstellt, kaum je gehört…

Nimmt man den Beifall als Maßstab, empfand ein Großteil des Publikums das „Trio für Sänger, Pianist und Filmprojektor“ überzeugender als der angeblich grundsätzlich bösartige Kritiker…  

Renate Wagner

 

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