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Wiener Festwochen: TROJAN WOMEN

16.06.2018 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: Festwochen

Wiener Festwochen / Theater an der Wien:
TROJAN WOMEN
Nach Euripides und Sartre neu gedichtet von Bae Sam-sik
Musik: Jung Jae-il
National Changgeuk Company of Korea
In koreanischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Wiener Premiere: 16. Juni 2018

Die „Troerinnen“, zuerst von Euripides auf die Bühne gebracht, sind nicht zuletzt deshalb so berühmt, weil sie sich, was selten war, mit den Besiegten eines Krieges befassten – vae victis! Da waren sie nun, hilflos, Königin Hekabe, Witwe des getöteten Königs Priamos; ihre Schwiegertochter Andromache, Hektors Witwe; Kassandra, die Tochter von Hekabe und Priamos. Ja, und da ist auch noch Helena im Lager der besiegten Trojaner, die Frau, um derentwillen der Krieg entbrannte. Eine ewige Geschichte weiblichen Leides – und sie kann auf viele Arten erzählt werden.

So, wie die National Changgeuk Company of Korea es in der Regie des aus Singapur stammenden Ong Keng Sen tut, kann man nur erleichtert aufatmen: Endlich ein festspielwürdiges Ereignis. Das bei der ersten Gastspiel-Vorstellung im Theater an der Wien  übrigens keinesfalls gestürmt wurde – der letzte Rang schien leer, niemand am Stehplatz, die leeren Logen wirkten wie riesige Zahnlücken, und einzig das Parkett schien einigermaßen gefüllt. Vielleicht spricht es sich herum, dass der knapp zweistündige Abend der Mühe wert ist.

Was man da eigentlich sieht, kann man nicht wirklich beurteilen, da man kein Fachmann der „koreanischen Oper“ (Changgeuk) ist, wenig von „Pansori“ (Sologesang mit Trommel) weiß – und da Ong Keng Sen hier auch bewusst viele moderne Elemente eingefügt und einen zeitgenössischen Komponisten (Jung Jae-il) herangezogen hat, konnte er in einem Interview selbst sagen, seine Produktion sei „a hybrid of so many different genres that you feel like sometimes you’re watching a Western opera, and then sometimes you feel like it is quite alien“.

Entscheidend ist die Wirkung, die das Werk ausübt, und obwohl man zwei Stunden lang letztendlich einen gewaltigen Klagegesang erlebt (was dann auch die Nerven anspannen kann), ist der Effekt enorm. Die Bühne (Myung-hee) bietet scheinbar nur eine weiße, vage tempelartige Konstruktion, die aber durch Licht (Scott Zielinski) und Videoprojektionen (Austin Switser) in viele Farben getaucht wird, mit Wellen, Tropfen, Wolken, Feuer, abstrakten Mustern in verschiedene dichte Atmosphären getaucht. Darin agieren die Protagonisten und ein achtköpfiger Damenchor in einer Bewegungschoreographie (Wen Hui) geschmeidig und ausdrucksreich, ohne allzu künstlich zu wirken. Die Kostüme (Kim Moo-hong), für alle Damen außer Helena in Weiß, sind koreanisch – und anfangs fragt man sich, wie die griechische Tragödie in diesem Rahmen funktionieren kann, der durch das permanent spielende „Orchester“ der typisch koreanischen Instrumente (Trommeln, spezielle Zithern und Flöten, nur für Helena gibt es ein westliches Klavier) absolut opernhaft wirkt, wenn auch musikalisch gewissermaßen leicht und angenehm klingend.

Nun, es funktioniert, nicht zuletzt, weil man ja die Personen „erkennt“, die Aktionen nachvollziehen kann, auch wenn man am Ende die Übertitel nicht mitliest. Die Akteure „singen“, aber es ist wohl eher ein Sprechgesang, der aus oft quälend heiseren Kehlen kommt und sich zu Schreien und fast „jaulenden“ Lamenti steigert und verdichtet. Wie auch nicht, wenn man Andromache ihr Kind – sie trägt es als Bündel in blauem Tuch im Arm – wegnimmt und ihr die Leiche wieder bringt, nun in rotes Tuch gehüllt?

Besondere Aufregung hat erzeugt, dass Regisseur Ong Keng Sen in der Rolle der „schönen“ Helena einen in Korea bekannten, androgynen Pop-Sänger, Kim Jun-soo, eingesetzt hat, der tatsächlich nie wirklich  wie eine Frau wirkt, sich aber mit dem betrogenen Gatten Menelaos ein leidenschaftlich-intensives Duell liefert.

Der Abend bewegt sich auch auf Ebenen, die wir nicht nachvollziehen können: So sind die Troerinnen für die immer wieder von den Japanern besetzten Koreaner ein Beispiel für etwas, das sie am eigenen Leib erlebt haben. Für europäische Zuschauer aber sind diese „Trojan Women“ eine asiatische „Oper“, die – wenn man vergleichsweise die Musik zu japanischem, chinesischem Theater kennt – gar nicht explizit asiatisch klingt. Und doch ist es ein Ritual, eine Zeremonie aus dem Fernen Osten, die hier beeindruckt und die man gar nicht in jedem Detail „verstehen“ muss, um sie intensiv zu erleben.

Renate Wagner

 

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