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Wiener Festwochen: THREE KINGDOMS

12.06.2012 | Theater

Wiener Festwochen im Theater an der Wien: 
THREE KINGDOMS von Simon Stephens
Koproduktion Teater NO 99 Tallinn / Münchner Kammerspiele / Lyric Hammersmith Theatre London
Premiere in Wien: 12. Juni 2012 

Was sich bei den Wiener Festwochen als über dreistündiges Gastspiel dreier Theater präsentierte, war ursprünglich ein „Projekt“, wie Eero Epner, Dramaturg des Theater NO99 in Tallinn, in einem längeren Artikel auf dem Programmzettel ausführt. Und es waren die Esten, die mit der Idee einer Zusammenarbeit mit Briten und Deutschen kokettierten – aus vielen Gründen. Auch, um sich selbst in Szene zu setzen, ein kleines Land, sehr nördlich, einer der baltischen Staaten, von denen sie vermuten, dass der Rest von Europa herzlich wenig von ihnen weiß (und sie schlimmstenfalls nicht vom Balkan unterscheiden kann – so wie „Austria“ und „Australia“ für viele Amerikaner ja immer noch dasselbe ist).

Estland also und seine Theatertradition, die mit Körperlichkeit so viel zu tun hat wie mit einem ausgeprägten Sinn fürs Absurde. In Konfrontation mit den Briten, die dem Autor mehr vertrauen als dem Regisseur, dem Realen mehr als dem Abstrakten (darum waren die britischen Kritiken für das Endergebnis auch alles andere als enthusiastisch). Und mit den Deutschen mit ihrer Verkopftheit, ihrer Politik- und Vergangenheitsbesessenheit, ihrem Konzepte-Wahn. Kurz, ein vereintes Europa mit all seinen Eigentümlichkeiten…

Man fand den deutschen Regisseur Sebastian Nübling, dem man zutraute, diese Ingredienzien zu einer divergierenden Gesamtheit zu bringen, die estische Ausstatterin Ene-Liis Semper, schließlich den britischen Dramatiker Simon Stephens und Schauspieler aus allen drei Ländern. Die Münchner Kammerspiele und das Lyric Hammersmith Theatre produzierten mit. „Three Kingdoms“ – drei Königreiche (wieso Königreiche?). Viele Köche…?

Grundsätzlich ist diese Vorgeschichte dem Theaterbesucher vermutlich herzlich wurscht, und das soll auch so sein. Er geht in einen Theaterabend, Simon Stephens versprach einen Krimi, und weil Verbrechen (in diesem Fall vor allem Menschenhandel) ja international ist, konnte man die Handlung nacheinander in den drei Staaten ansiedeln. Von wegen Handlung – Stephens, der immer Realität und Irrealität zusammenstoßen lässt, Nübling, der surreale Chaos-Welten kreiert und der erwähnte estnische Sinn fürs Absurde (tragen deshalb die Figuren immer wieder Tierköpfe? Frage nie nach dem Warum, was als „absurd“ klassifiziert ist, darf alles) finden sich natürlich nicht zu einer Geschichte zusammen, sondern zu einer Art Theaterchoreographie, die gewissermaßen das „Böse“ umkreist.

Wobei, das sei gleich gesagt, die Polizisten genau solche „Arschlöcher“ sind wie die Gangster, wie das bei „schwarzen“ Krimis schon so üblich ist. Gleich zu Beginn, wenn die beiden britischen Cops (Nick Tennant als Detective Inspector Ignatius Stone und Ferdy Roberts als Detective Sergeant Charlie Lee) einen Verdächtigen verhören, tun sie es mit allem triefenden Sadismus und Psychoterror, den man aus Cop-Filmen kennt (ob Mainstream oder Independent) und über den nur rohe Seelen lachen können. Der Horror-Schock: In dem Rucksack, den der junge Mann in die Themse geworfen hat, befand sich der Kopf einer russischen Nutte (über die später niemand auch nur ein freundliches Wort zu sagen hat – die Meinung, sie habe ihr Schicksal verdient, dass man ihr den Schädel abgesägt hat).

Wenn sich die Briten, die mehr widerlich als komisch sind, also auf die Suche nach dem Mädchenhändlerring begeben, der da dahinter steckt, landen sie erst in Berlin, die Sprache springt von Englisch auf Deutsch, und wieder ist ein Polizist (Steven Scharf als Steffen Dresner) eine eher blöde und unsympathische Figur. Sämtliche Verdächtige (Lasse Myhr) werden dann noch von dem Super-Drahtzieher übertrumpft – die Pointe ist so billig wie im ganz schlechten Film. Das Ende, wenn unser Ignatius Stone dann so fies behandelt wird, wie er sich fies aufzuführen pflegte (er tut einem nicht leid), versickert in einer absurden Situation, die so wenig aufzulösen ist wie vieles mehr an diesem Abend.

Dazwischen wird von Risto Kübar in allerlei Gestalt viel gesungen (ein bisschen sinnlos hier, aber bitte), vor allem „La Paloma“, und wenn man einen Gangster sucht, der sich „The White Bird“ nennt, soll das ja wohl komisch sein (ach, die Möwe?) – so komisch wie die estnischen Knastbrüder, die sich mit Namen aus „Der Pate“ ansprechen und auch höchst fiese Kerle sind. Sie „turnen“ allerdings wirklich, rennen Wände hoch, hängen schief in der Luft… ich weiß nicht, was soll es bedeuten, das ist eben Theater auf estnisch. Wird Englisch oder Estnisch gesprochen, gibt es Übertitel, im letztgenannten Fall braucht man sie wirklich, wenn auch alles viel zu schnell geht, als dass man des Autors locker hingeworfene, aber offenbar tiefschürfende Reflexionen (der Esten über den Rest von Europa) so völlig mitbekäme.

Am Ende hat Nübling alles, was Stephens in eine aufgeblähte Krimi-Parodie verpackt hat, nach allen Regeln der Kunst überinszeniert und uns wieder einmal gezeigt, wie scheußlich die Menschen sein können. Diese Aussage ist auf den gegenwärtigen Bühnen höchst beliebt und kann immer der vollen Zustimmung des hiesigen Publikums gewärtig sein, das die Widerlichkeiten nur so in sich hineinsaugt.

Die Briten sahen das nüchterner:
This show – which will no doubt be acclaimed at the Wiener Festwochen next month; it’s that sort of festival fun – is deeply disturbing not only in what it says but especially in how it says it. For some, that would be recommendation enough. But you’d have to be debauched beyond redemption in order to conclude that you were actually enjoying the spectacle while it happened“,
schrieb Michael Coveney so erhellend in “whatsonstage.com”.

Renate Wagner

 

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