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WIENER FESTWOCHEN / Theater an der Wien: DIE PASSAGIERIN

20.05.2016 | KRITIKEN, Oper

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 v.l.n.r. Anna Ryberg (Katja), Jenny Carlstedt (Vlasta) und Sara Jakubiak (Marta) sowie das Ensemble

Foto: Barbara Aumüller/ Wiener Festwochen

WIENER FESTWOCHEN / Theater an der Wien: 
DIE PASSAGIERIN von Mieczysław Weinberg
Eine Produktion der Oper Frankfurt
Premiere: 19. Mai 2016
 

Markus Hinterhäuser ist zwar selbst Musiker, aber als Intendant hat er nichts getan, den minimalen Stellenwert der E-Musik bei den Wiener Festwochen anzuheben. Auch heuer gibt es – neben einer Überfülle von Theater- und noch mehr Performance-Angeboten – gerade zwei Opern. Den „Fidelio“ als Eigenproduktion (als ob er nötig wäre – und noch dazu mit fliegendem Wechsel der Regisseure belastet) und ein Gastspiel der Oper Frankfurt.

Mit einem Werk, das viele Operninteressenten (und nur an solche wendet es sich) wahrscheinlich schon im Jahr 2010 bei seiner szenischen Premiere bei den Bregenzer Festspielen gesehen haben (weshalb die konsequente Behauptung der Wiener Festwochen, es handle sich um die „Österreich-Premiere“, nicht hält – die Vorarlberger möchten noch so gerne zur Schweiz gehören, einstweilen sind sie noch ein Teil von Österreich).

Diese „Auschwitz“-Oper des russischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996) wurde zu seinen Lebzeiten nie gespielt, in Russland sehr posthum (2006) auch nur halbszenisch, so dass die Bregenzer Festspiele als „Entdecker“ des Werks gelten können, das auf der Stelle ungeheures Prestige gewonnen hat – obwohl es seither erst zweimal, 2013 in Karlsruhe und 2015 in Frankfurt, nachgespielt wurde. Die Frankfurter Aufführung kam nun für zwei Festwochen-Vorstellungen in das nicht eben überfülle Theater an der Wien.

Opern, die in Konzentrationslagern spielen, sind selten (in Wien erinnert man sich dazu nur an „Sophie’s Choice“ des Briten Nicholas Maw, 2005 an der Volksoper), und gerade „Die Passagierin“, die 1968 nach einem autobiographischen Roman der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz geschaffen wurde, macht es dem Publikum in den Lager-Szenen, wo das Elend gnadenlos hochgepeitscht (und zusätzlich noch mit einer starken Prise kontrollierter Sentimentalität versetzt) wird, nicht leicht. Da wird man von so herzzerreißenden Klagetönen überrollt, dass man fast erleichtert ist, wenn sich die Handlung wieder der Rahmengeschichte zuwendet, die zwar auch nicht leicht verträglich, aber gewissermaßen noch kommensurabler ist…

In der Regie von Anselm Weber spielt die 50er-Jahre Geschichte auf einem Ozean-Dampfer (Bühne Katja Haß), der wie eine Gefängnisburg wirkt, auf der Außenseite im glatten Weiß, mit zahlreichen Treppen des Oberdecks, innen eine Art riesiger „Höhle“, die sich in das KZ, später in den Ballsaal – und wieder in das KZ verwandelt.

In diesem Fall ist es kein Opfer, sondern eine Täterin, die diese Erinnerung aus ihrem Leben tilgen will, aber die Regie macht klar, dass es ihr nicht gelingt. Lisa, die ehemalige Aufseherin in Auschwitz, hofft auf ein neues Leben mit ihrem Diplomaten-Gatten Walter, weit weg in Brasilien – bis sie in der stillen Frau, die auf dem Schiff wie eine Nemesis vor ihr herschreitet, Marta erkennt, die KZ-Insassin, mit der sie sich damals ein Psycho-Duell geliefert hat und von deren Tod sie überzeugt war.

Die KZ-Szenen in den Rückblicken liefern, wenn man es so sagen darf, gewissermaßen das Übliche an Grausamkeit. Interessant, weil so typisch, ist das Verhalten von Lisa danach, die zu keiner Schuldeinsicht zu bringen ist. Wenn sie im Ballsaal mit dem Gatten tanzt und hofft, der Spuk sei vorbei, gelingt der Inszenierung von Anselm Weber die stärkste Szene, wenn die eben noch so flott walzenden Partygäste ihre Kleider abstreifen und auf einmal wieder in KZ-Gewändern dastehen… Dass das Leben für Lisa künftig immer nur diese Erinnerung sein wird, wirkt hier wie die verdiente „Strafe“, während Marta sich zum Finale sich in das jüdische Bekenntnis des „Nie Vergessens“ hineinsingt…

Die eindrucksvolle, wenn auch im Lauf der mehr als drei Stunden immer wieder absichtsvoll quälende Aufführung hat in der Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner (zuletzt die Clairon im Unglücks-„Capriccio“ des Theaters an der Wien) eine stimmlich hoch beeindruckende, darstellerisch von ihren Erinnerungen überzeugend gehetzte Hauptdarstellerin, der Sara Jakubiak als Marta mit der bedrohlichen Ruhe eines biblischen Menetekels (und durchdringendem Sopran) gegenübersteht. Größere Rollen haben noch Peter Marsh als Lisas Gatte und Brian Mulligan als Tadeusz, Martas Verlobter im Lager, der den Nazis Widerstand leistet und dabei fast noch auf der Bühne umgebracht wird.

Die Musik von Mieczysław Weinberg, die ihre Effekte (etwa in den harten Bläser-Attacken) immer wieder unökonomisch überreizt und auch an Sentimentalität nicht spart, aber sehr gekonnt den ganzen Abend lang die Stimmung des Geschehens trägt, wurde von Christoph Gedschold am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, stark unterstützt vom Chor der Oper Frankfurt, mit gewaltiger Lautstärke realisiert. So viel geballte Erschütterung war nicht für alle Zuschauer erträglich – nach der Pause blieben viele Sitze leer.

Renate Wagner

 

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