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Wiener Festwochen: THE WILD DUCK

19.05.2013 | Theater

 

Wiener Festwochen / MuseumsQuartier: 
THE WILD DUCK
Nach „Die Wildente“ von Henrik Ibsen von Simon Stone und Chris Ryan
PRODUKTION Belvoir, Sydney
Premiere: 18. Mai 2013, besucht wurde die zweite Vorstellung am 19. Mai 2013  

Es ist immer interessant zu sehen, wie anderswo Theater gemacht wird. Ganz anderswo – „Down Under“, wie man Australien nennt, wirklich das andere Ende, aber keinesfalls der A… der Welt. Was der 28jährige Theatermacher Simon Stone da zu den Festwochen nach Wien brachte, war nicht einfach nur gut oder sehr gut, das war nichts weniger als sensationell. Er zeigt, wie man keinen Stein auf dem anderen lassen und dennoch im Sinn eines Dichters agieren kann.

Alles an dieser Aufführung ist ungewöhnlich – schon einmal das Konzept, Ibsens „Wildente“ (eines der berühmtesten Stücke der Weltliteratur) kühn gänzlich neu zu schreiben. „Nach Ibsen“ sagt der Abend korrekterweise, und er spielt auch nicht das Stück des Dichters – aber er setzt seine Geschichte schlechtweg atemberaubend um. Das sind alles Menschen von heute, die unsere Sprache sprechen (in diesem Fall in „australischem“ Englisch), aber die vom Dichter einst vorgezeichneten Schicksale erleiden. Simon Stone und sein Mitautor Chris Ryan haben vieles, was uns heute als altmodische Dramaturgie erscheint – der Zuschauer weiß viel mehr als die Menschen auf der Bühne, deren Geheimnisse sich schwerfällig entschlüsseln – ohne Bedenken weggeräumt: Heutzutage werden die Dinge ausgesprochen, und die Menschen sind nicht mehr naiv…

Nur eines scheint im Vergleich zur Vorlage entschieden schwächer: Die Figur des Gregers Werle, der so fanatisch davon besessen ist, die Wahrheit zu verkünden, auch wenn sie Menschenleben ruiniert: Diese Funktion ist verloren gegangen. Man hat auch nicht mehr das Gefühl, hier große Weisheiten über die „Lebenslüge“ serviert zu bekommen – wenn Hjalmar Ekdal erfährt, dass Hedvig nicht seine Tochter ist und Gina ihn nur geheiratet hat, um ihm das Kind des alten Werle zu unterschieben, dann entwickelt sich die Tragödie aus diesem Vertrauensbruch. Wenn nichts mehr, worauf man sein Leben gebaut hat, wahr ist – wie will man da weiter machen? Dabei würden Simon Stone und Chris Ryan in souveräner Paraphrasierung des Stoffes ein Hintertürchen der Hoffnung offen lassen. Und doch ist das tragische Ende von gänzlicher Folgerichtigkeit.

Wunderbar auch, wie die Autoren das Motiv der Schuld ganz deutlich und ohne viel Herumgerede durch die Generationen tragen: Die Werles sind die Zerstörer, die Ekdals die Opfer. Der alte Werle hat für seine geschäftlichen Schmutzereien seinen Geschäftspartner Ekdal ins Gefängnis gehen lassen; der junge Werle zerstört das Familienleben seines alten Freundes Hjalmar Ekdal. Das Opfer ist Hedvig, das halbe Kind, das hier ein sehr kluges, waches Mädchen ist, das alles durchschaut – und keine Perspektive mehr sieht. Wo Ibsen triefend wird, wenn falsche Theatraliker ans Interpretationswerk gehen, ist die nacherzählte „Wildente“ von genialer Konsequenz und Tragik.

Gespielt wird in einem „Käfig“ aus Glas, ein Viereck (Bühne: Ralph Myers) ohne Dekoration, wo nur gelegentlich eine Ente herumwandert. Die Zuschauer sitzen an zwei Seiten davor, die Schauspieler haben nichts als sich selbst, um alles zu versinnlichen, und sind von einer Direktheit und Präsenz, die keine Minute loslässt. Die Tragik treibt in Kurz- und Kürzestszenen voran, die von scharfen, von einer Geige vorgetragenen Bach-Klängen getrennt werden, die sich gnadenlos ins Ohr fressen.

Dank der Darsteller wird jede Figur mit den Rudimenten, die sie in dem etwa 80minütigen Abend bekommen, rund und ganz. Vielleicht sollte man die „alten Herren“ zuerst nennen, zwei abgeklärte, vom Leben geschliffene, weise gewordene Männer, die ihren Frieden mit sich gemacht haben – Anthony Phelan als der alte Ekdal vor allem und auch John Gaden als der alte Werle, kein konventioneller Bösewicht. Sie haben jene Sicherheit, die der nächsten Generation fehlt: Hjalmar Ekdal (Brendan Cowell mit so viel Schwäche in seiner liebenswerten Persönlichkeit) und Gregers Werle (Damon Herriman bleibt nicht aus eigener Schuld auf der Strecke, sondern weil die Autoren auf seine Figur fast vergessen haben).

Die Sensation sind jedoch die Frauen – Blazey Best als gar nicht abgehärmte Gina, die bereit ist, um ihr Familienleben zu kämpfen, und Eloise Mignon als die keine Sekunde lang hascherlhafte Hedvig (wie viele Darstellerinnen haben auf unseren Bühnen da nichts getan, als billig auf die Tränendrüsen zu drücken), deren finaler Ausbruch, Hjalmar zu halten, wirklich Gänsehaut erzeugt. Womit nicht gesagt ist, dass nicht alle Interpreten dieser Inszenierung in ungeahntem Ausmaß unter die Haut gehen.

Einen Theaterabend wie diesen sieht man nicht alle Tage. Was immer die Festwochen noch bieten, die Latte ist damit so hoch gelegt, dass sie kaum zu erreichen sein wird. Das Publikum spürte genau, dass es jenes Besondere erlebt hat, das so selten ist, und klatschte sich die Seele aus dem Leib. Zu Recht. Nichts wie hin, falls es noch Karten gibt.

Renate Wagner

 

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