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Wiener Festwochen: THE MASTER AND MARGARITA

02.06.2012 | Theater

WIENER FESTWOCHEN im Burgtheater: 
THE MASTER AND MARGARITA nach Michail Bulgakow

KOPRODUKTION Wiener Festwochen, Complicite, London, Barbican, London, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Festival d’Avignon  IN ZUSAMMENARBEIT mit Theatre Royal, Plymouth  IN KOOPERATION mit Burgtheater
MIT UNTERSTÜTZUNG von British Council
Premiere: 1. Juni 2012  

Theatermacher Simon McBurney genießt in seiner britischen Heimat einigen Ruhm, und sein Theater, das sich Complicite nennt (also „Komplizenschaft“), vereint  (laut Programmztext) „Schau- und Puppenspieler, Videokünstler und Techniker“, und, wie die britischen Kritikerkollegen vermelden: „Every Complicite show is born out of chaos.“ So sieht es auch aus, und das ist absolut nicht negativ gemeint.

Mit der „Show“ (anders kann man es nicht bezeichnen), die McBurney und seine Schauspieler aus Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ gemacht haben, lernt man ein hinreißendes Multimedia-Spektakel kennen, das die Darsteller virtuos-geschmeidig führt und in brillanten Videosequenzen Effekte erzielt, die den Zuschauern den Kopf volldröhnen. Ein Event dieser Stärke kann bei einem Publikum von heute nur Begeisterung erzielen. Wenn es auch – wie jeder „Stil“ – seine Probleme hat: Das Unternehmen dauert an die dreieinhalb Stunden, und über eine solche Zeitspanne wird alles einförmig – und sei es noch so gekonnt. Zudem wird man das Gefühl nicht los, dass die Form hier auch gut und gern Selbstzweck wird.

Inhaltlich wird wieder einmal – wie oft schon? – ein Versuch präsentiert, Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ auf die Bühne zu bringen, an dem der Autor bis kurz vor seinem Tod (1940) geschrieben hat und der auf zwei Ebenen funktioniert: auf der literarischen, vor allem aber auf der zeitgeschichtlichen. Verfasst in der Ära von Stalin, galt der Roman noch in den sechziger Jahren in der Sowjetunion, als eine von der Zensur gekürzte Fassung erschien, als Symbol des intellektuellen Widerstandes.

Was den viel bewunderten Inhalt betrifft, so ist er ein wildes Sammelsurium von Motiven, eine Faust-Parodie, eine (als Roman im Roman) Geschichte von Pontius Pilatus, Jesus und Judas (als religiös-metaphysische, aber auch satirische Ebene), eine Liebesgeschichte, Skurriles um den Teufel, Moskauer Alltag unter politischem Druck von anno dazumal. Das kann ohnedies immer nur partiell erfasst werden, und der Verdacht liegt nahe, dass Leute, die das Buch nicht kennen, vermutlich nicht allzu viel mitbekommen werden  – wenn die Darsteller plötzlich eine schwarze Tierpuppe bringen und mit rotglühenden Augen mitspielen lassen, muss man wissen, dass dieser Kater der Begleiter des „Teufels“ ist, der hier als „Ausländer“ mit dem Namen Voland erscheint. Bulgakow hat wörtlich das Goethe-Zitat von „jener Macht, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ eingebracht.

Dieses bunte, verschachtelte Durcheinander bringt sich in dem wilden „Complicite“-Stil natürlich berauschend auf die Bühne (wenngleich es mittlerweile schon ein alter Hut ist, das Geschehen mitzufilmen und verschieden verzerrt als Videoflut über die Live-Handlung zu legen…). Vielleicht ist die erzeugte Verwirrung ja weit eher die Aussage selbst als eine nachvollziehbare Handlung. Nur, wie gesagt – fast dreieinhalb Stunden lang und wenig, was man als wirkliche Geschichte packen könnte…  doch ungeachtet dessen, dass sich die Reihen nach der Pause sehr gelichtet hatten, zeigte das verbliebene Publikum am Ende den Willen zur Begeisterung.

Der Programmzettel der Wiener Festwochen ist nicht sehr informativ – er zählt gerade die mitwirkenden Darsteller alphabetisch per Namen auf. Für das Who is Who der Interpreten muss man in englische Kritiken gehen, um fündig zu werden. Dass Paul Rhys sowohl den Meister wie auch (ganz in Schwarz, mit Brille, dickem deutschem Akzent) den Voland spielt, zeigt, dass Faust und Mephisto als Kehrseite einer Medaille begriffen werden.

Sinéad Matthews ist eine leidenschaftlich leidende Margarita als Zwanziger-Jahre-Geschöpf mit Bubikopf. Tim McMullan spielt den Pilatus, damit man es auch begreift, in einer Stalin-Jacke (dessen Bild erscheint manchmal, aber selten im Hintergrund – die Sowjetunion bringt der Abend vor allem mit Luftbildern von Moskau ein), und César Sarachu wankt nackt und erbarmungswürdig als Jesus umher, muss sich auch einige Male kreuzigen lassen. Dem eindrucksvollen Richard Katz als erfolglosem Schrifsteller Bezdomny und Clive Mendus als Berlioz („nicht der Komponist!“, wie immer betont wird), gehört der Beginn des Werks, wo sich dann Voland in die Diskussion einschaltet, ob es Jesus gegeben hätte –  und eben behauptet, er habe Pontius Pilatus gekannt… Das Ensemble umfasst 16 Protagonisten, und jeder ist vielfach im bunt durcheinander wimmelnden Geschehen unterwegs.

Es ist eine wohlfeile Behauptung, den Theaterbesucher auf den Roman zurück zu weisen, aber eines steht natürlich fest: Will man wirklich wissen, worum es Bulgakow ging, muss man ihn schon lesen. Will man sehen, wie brillant à la „Complicite“ Theater gemacht wird, muss man sich hingegen bis 4. Juni im Burgtheater einfinden.

Renate Wagner

 

 

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