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Wiener Festwochen: THE APPLE FAMILY PLAYS

24.05.2015 | KRITIKEN, Theater

Apple Family~1 
Fotos: Wiener Festwochen

Wiener Festwochen / MuseumsQuartier: 
THE APPLE FAMILY PLAYS von Richard Nelson
Einmaliges Europa-Gastspiel / New York
Aufführung der Tetralogie am Stück am 23. Mai 2015

Richard Nelson ist ein in den USA bekannter Verfasser vieler Stücke und Bearbeitungen, dazu auch Drehbuchautor. Der Film „Hyde Park on Hudson“ von 2012 über das Treffen von Franklin D. Roosevelt mit König George VI. 1939 in den USA reflektiert das Interesse des Autors (der mütterlicherseits burgenländische Wurzeln hat!) an der eigenen Geschichte.

Gewissermaßen geht es darum auch bei den „The Apple Family Plays“, die eine Leistung von bemerkenswerter Kontinuität und Qualität darstellen. Richard Nelson hat das erste Stück, „That Hopey Changey Thing“, 2010 herausgebracht und damit die Weichen zu einer Familiengeschichte und deren Figuren gestellt, die er kontinuierlich weiter verfolgte: 2011 mit „Sweet and Sad“, 2012 mit „Sorry“ und 2013 mit „Regular Singing“.

Die Wiener Festwochen haben diese unglaubliche New Yorker Produktion eingeladen – je einmal wurden die vier Stücke an vier Abenden gespielt, aber so richtig hat sich nur der ins Geschehen gestürzt, der die Tetralogie an einem Marathon (Nachmittag/Abend/Nacht) über sich ergehen ließ – von 13 Uhr mittags bis 23,30 Uhr. Die  zweistündige Pause zwischen Stück zwei und drei war den Schauspielern geschuldet, die eine schier unglaubliche Leistung vollbracht haben.

Nelson lässt das Stück in seiner eigenen Heimat, der Kleinstadt Rhinebeck bei New York, spielen und bringt eine intellektuelle liberale Familie ganz ohne kleinbürgerliche Enge auf die Bühne, die aber doch ganz stark im „Klammern“ der einzelnen Familienmitglieder ist. Der Autor, ganz offenbar ein Fan von Anton Tschechow (dessen „Kirschgarten“ wird vielfach zitiert), ist von der Grundsituation dreier Schwestern ausgegangen – dazu ein Bruder, ein Onkel, den sie wie einen Vater lieben (und der vielleicht auch einigen von ihnen der echte Vater war…), dazu der Liebhaber der jüngeren Tochter.

Diese sechs (in Stück 3 sind es nur fünf) finden sich regelmäßig bei der ältesten, unverheirateten Schwester Barbara zusammen, rund um den Esstisch, dem Zentrum familiärer Treffen, was den Frauen erlaubt, ununterbrochen Essen herbeizuschaffen und wieder wegzuräumen, die obligaten Aktionen des Alltags. Und dann wird geredet… über private Probleme und über Politik.

Es sind diese beiden Ebenen, deren Verschränkung die „Apple Family Plays“ so interessant macht. Einerseits haben alle Familienmitglieder gravierende Probleme, wobei Barbara – die selbst „kein Leben“ zu haben scheint, es aber ausreichend erfüllend findet, für andere da zu sein – alle zusammen hält. Da ist Bruder Richard, der Anwalt, der weder beruflich in der Politik noch privat in einer schlechten Ehe glücklich wird. Schwester Marian, ernüchterte Lehrerin wie Barbara, hat ihre Tochter durch Selbstmord verloren (wofür sie sich die Schuld gibt) und verlässt ihren Gatten Adam zwar, pflegt ihn aber im letzten Stück bis zu seinem Ende – hier „proben“, und das hat ein stark groteskes Element, die Familienmitglieder schon die vom Sterbenden vorgegebenen Begräbnisfeierlichkeiten, während er im oberen Stock auf sein Ende wartet…

Die jüngste Schwester Jane hat auch ihren Mann verlassen, hat Probleme mit ihrem Sohn, schreibt Sachbücher über das Verhalten des Homo Americanus und muss mitansehen, wie ihr Freund Tim, den sie als Schauspieler so hoch schätzt, sein Leben nur als Kellner fristen kann.

Die faszinierendste und berührendste Gestalt des Stücks ist der an Amnesie leidende „Onkel Ben“, einst ein bekannter Schauspieler, nun das Familienmitglied, um das sich die Sorge aller dreht, kann er sich doch immer wieder an vieles nicht erinnern – es ist herzzerreißend, wenn er im dritten Stück „Sorry“ in ein Heim gebracht wird, weil er in aller Unschuld begonnen hat, Barbara, die ihrer Mutter so ähnlich sieht (mit der Ben ja wohl doch ein Verhältnis hatte), sexuell zu belästigen…

Sie alle sind – Ben fällt für intellektuelle Gespräche aus, setzt aber Pointen von luzider Klarheit – gebildete, engagierte Intellektuelle, denen Richard Nelson die politischen Gespräche, die einen Großteil der Werke  ausmachen, leicht macht, indem er die vier Stücke an vier neuralgischen Daten der amerikanischen Gegenwart spielen lässt: 2010 die Midterm Elections, wo der Autor die echten Spannungen zwischen der Weltanschauung der Republikaner und der Demokraten auspendeln kann; 2011 der zehnte Jahrestag von „9/11“, dem Anschlag auf das World Trade Center, wo die realen und ideologischen Folgen ebenso aufs Tapet gebracht werden wie viel geradezu lächerlich groteskes „Gedenken“ und politische Manipulation zum Thema; 2012 wurde Barak Obama zwar für eine zweite Amtszeit zum Präsidenten der USA gewählt, aber sowohl die differenzierten Gründe für seine einstige Wahl wie die Enttäuschung über einen Mann, der den Ansprüchen im Grunde nicht entsprochen hat, kommen aufs Tapet; 2013 schließlich war der 50. Jahrestag der Kennedy-Ermordung, und daran lässt sich (fehlende oder falsche) Erinnerungskultur ebenso ermessen wie ein völlig verändertes Lebensgefühl. Wobei an all den politischen Diskussionen, die einfach aus dem alltäglichen Gespräch bewusster Menschen erwachsen, die Dialektik bemerkenswert ist, mit denen der Autor seine Themen angeht und keinesfalls konformistische, politisch korrekte Ansichten allein in den Raum stellt.

Im Programmheft wird klar, was Nelson wollte (und erreichte) – die politische Diskussion, die man sonst aus der Feder von Journalisten und Kommentatoren erfährt, auf die Stimmen im eigenen Wohnzimmer zu verteilen und ganz einfach daraus erwachsen lassen, dass sich menschliche Wesen mit menschlichen Wesen unterhalten…

Das bedarf allerdings eines besonderen theatralen Stils, den Richard Nelson als Regisseur mit seinem außerordentlichen Darsteller-Sextett erarbeitet hat, gewissermaßen eine Meta-Ebene der Natürlichkeit, sodass der Zuschauer (der im MuseumsQuartier die Bühnenmitte auf drei Seiten umgab) wirklich das Gefühl hat, mitten drin zu sein, auch auf die Gefahr hin, dass man im Alltagston nicht immer alles versteht, dass Menschen durcheinander reden, dass sie den Regeln des „Spielens für ein Publikum“ entsagen. Dabei waren alle (bis auf Jesse Pennington, der die Sprache geradezu ärgerlich „verschmierte“) ohnedies so hervorragende Sprecher, dass auch bei aller Selbstverständlichkeit des Alltagstones immer noch die Genauigkeit der Textdurchdringung zum Tragen kam.

Maryann Plunkett als Barbara, die Seele des Abends, Mariann Mayberry als Marian, wunderbar ihre vielen Seelenleiden unter Trockenheit und einer gewissen Gnadenlosigkeit des Umgangstons versteckend, und Sally Murphy als Jane, die Jüngste, die viele kluge Fragen stellt, aber nie verletzen will, waren „drei Schwestern“, wie sie das amerikanische Theater als heutige Vision eines großen amerikanischen Dramas auf die Bühne bringt.

Jay O. Sanders mit seinem filmbekannten Gesicht und gewichtigem Äußeren war vielleicht vom Typ her nicht der richtige Bruder der drei, ist aber ein starker Gestalter, Jesse Pennington als Tim fiel, wie gesagt, vor allem wegen seiner Sprechweise ab, und Jon DeVries als liebenswerter, schwieriger „Onkel Ben“ schoß ohnedies den Vogel ab.

Das Publikum spendete nach jedem Teil außergewöhnlichen Applaus, am Ende aber so nachdrückliche Standing Ovations, dass sich die amerikanischen Gäste in ihren Leistungen verstanden und nach Verdienst gewürdigt fanden.

Renate Wagner

 

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