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Wiener Festwochen: QUARTETT

30.05.2012 | Oper

Wiener Festwochen im MuseumsQuartier: 
QUARTETT von Luca Francesconi
KOPRODUKTION Wiener Festwochen, Teatro alla Scala, Mailand
Premiere:  29. Mai 2012

Die erste Vorlage war ein französischer Roman (die „Gefährlichen Liebschaften“ des Choderlos de Laclos). Daraus wurde das Stück eines deutschen Autors („Quartett“ von Heiner Müller). Warum ein italienischer Komponist als sein eigener Librettist (Luca Francesconi) eine englischsprachige (!) Oper daraus macht, weiß vielleicht nur er. Ach ja, ein spanischer Regisseur komplettiert das Vereinte Europa – in Form einer achtzigminütigen Musiktheaterproduktion, mit der die Wiener Festwochen nun (nach der „Traviata“ und sonst kommt nichts) ihr Musikprogramm erschöpft haben. Was Stephane Lissner als Musikdirektor für dieses Angebot an Gage bezieht, würde man gerne wissen – nehmen die Verantwortlichen (Stadtrat, Ministerin) das so einfach schweigend hin?

Heiner Müller hat den ausufernden Roman von 1782 bekanntlich auf die beiden Hauptpersonen reduziert, auf die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont, und er hat als Ort und Zeit des Geschehens „Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem Dritten Weltkrieg“ angegeben. Luca Francesconi folgt ihm darin total, und die Gliederung des Geschehens in 13 Szenen ist eine Information, die man nur dem Programmheft entnimmt – nicht, dass man sie auf der Bühne bemerkte. Man wüsste auch nicht, hätte man es nicht nachgelesen, dass sich die Marquise im letzten Bild (wo sie nichts mehr spricht bzw. singt) in die Ophelia aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ verwandelt: Man sieht ihr eben dabei zu, wie sie den Raum, in dem sie bis dahin existierte, in Stücke legt, indem sie die Wände herabreißt, die dahinterliegenden Bücherregale tobsüchtig randalierend demoliert und schließlich in einem wahren Furor zusammenbricht: das konsequente Ende eines Stücks, das von Anfang an auf Zerstörung angelegt war.

Was sieht man in den knapp eineinhalb Stunden? Ein Paar, das in einem Raum „eingesperrt“ ist (die Atmosphäre hat einiges von Sartre). Was sich zwischen ihnen ergibt, sind brutale „Spiele der Erwachsenen“. Den englischen Text versteht man wirklich nur selten, denn die Musik ist nicht darauf angelegt, die menschliche Stimme zu unterstützen, sonder gegen sie zu kämpfen (und wenn man keinen guten Blick auf die Übersetzung rechts und links der Bühne hat, ist man auf seine eigene Interpretation des Bühnengeschehens zurück geworfen).

Es geht – bei Choderlos de Laclos, bei Heiner Müller und bei Luca Francesconi – um zwei Menschen, die nichts fühlen wollen und die Gefühle im Vernichtungskampf gegeneinander einsetzen. In einer längeren Passage ist Rollentausch angesagt, dann kehrt man – ernüchtert und leer – zum eigenen Ich zurück. Das kann in seiner nihilistischen Grundstruktur zu nichts weiter führen als dem Ende, und für dieses sorgt hier nicht Alberich, sondern die Geschichte selbst.

Wie spannend ist dieser Machtkampf? Zwei Elemente helfen – die Musik und die Optik der Inszenierung. Francesconi ist ein Mann, der mit Hilfe eines großen Orchesters und Elektronik faszinierend Lärm machen kann, tolle Geräusche erzeugt, stellenweise auch Musik bietet, die zwar aggressiv und oft auch dissonant klingt –  aber im Ganzen wirkt das Klangbad sogar kulinarisch. Wenn das, was sich auf der Bühne abspielt, in den differenzierten Details ja doch nicht nachzuvollziehen ist, sorgt Francesconi jedenfalls für eine Klangkulisse, die (bei aller Einförmigkeit, wenn man es genau wirkt) immer irgendwie spannend wirkt.

Ebenso wie die Inszenierung von Àlex Ollé (einer der Direktoren der mittlerweile legendär gewordenen „La Fura dels Baus“-Gruppe): Da hängt (Bühne: Alfons Flores) ein rechteckiger Raum in den Lüften, und darin bewegen sich die Protagonisten (wenn sich der Vorhang zwischendurch senkt, wird das Mobiliar ausgewechselt), die so geführt werden, dass ihre Aktionen so klar wie möglich rüberkommen (beim „Rollentausch“ schlüpft die Marquise, die nun den Verführer Valmont vorstellt, in einen Hosenanzug, während Valmont als die verführte Madame de Tourvel einen langen Rock umgebunden hat und sich so weiblich gibt, wie Männer sich das eben vorstellen).

Einen wichtigen Anteil am Geschehen haben die Video-Projektionen (Franc Aleu), die oft banal (Wolken, Meer) sind, manchmal das Geschehen unterstreichen und einmal wirklich witzig und tiefgründig werden: Wenn die Merteuil und Valmont vom Video riesig herabblicken – auf sich selbst, die vergleichsweise in ihrer „Zelle“ winzig wie Puppen erscheinen…

Francesconi hat den Stimmen seiner beiden Protagonisten viel zugemutet, und es ist phantastisch, was Allison Cook mit ihrem durchschlagenden Sopran und der kraftvolle Bariton Robin Adams mit ihren Stimmen leisten, ganz abgesehen von ihren hingebungsvollen Aktionen, mit der sie das Geschehen füllen.

Die Produktion kam mit dem Orchestra dell’Accademia del Teatro alla Scala unter der Leitung von Peter Rundel nach Wien, und ganz am Ende gesellte sich zum umjubelten Team des Abends noch ein Lockenkopf, in dem man wohl den Komponisten erkennen durfte.

All das ist fabelhaft und lobenswert – aber als Hauptspeise eines Großstadtfestivals, das sonst nur noch eine Allerwelts-Traviata zu bieten hat, scheint das für ein Musikangebot mehr als dürftig.

Renate Wagner

 

 

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