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Wiener Festwochen: MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)

05.06.2017 | KRITIKEN, Oper

Meese Parsifal Bühnnenbild~1

Wiener Festwochen / Theater an der Wien:
MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal“
Uraufführung Auftragswerk und Produktion Wiener Festwochen
Koproduktion Berliner Festspiele / Immersion
Premiere: 4. Juni 2017 

Es ist menschlich höchst bedauernswert, dass Christoph Schlingensief so jung sterben musste, aber es gibt Leute, denen seine so genannten „Inszenierungen“ nicht unbedingt abgehen. Aber das Theaterschicksal ist gnadenlos, schon steht Ersatz da: Jonathan Meese, Tausendsassa in allen Gassen, der nicht nur als bildender Künstler werkt, sondern auch als Regisseur wütet. Das international bekannte und anerkannte Enfant terrible erreichte den Gipfelpunkt der Popularität, als man ihn aus Bayreuth rausschmiss, weil sein „Parsifal“-Konzept angeblich nicht finanzierbar gewesen sei  – so etwas rauscht durch die Weltpresse und machte ihn so richtig wütend.

Nun, es gibt Institutionen, die beschlossen haben, Meese doch noch zu seinem „Parsifal“ zu verhelfen. Der Titel des nunmehrigen Produkts ist so pompös, wie man es sich nur wünschen kann: MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ). Die Wiener Festwochen und die Berliner Festspiele schlossen sich zusammen, das Auftragswerk ging an den österreichischen Komponisten Bernhard Lang, der den „Mondparsifal“ für Meese nun „nach Richard Wagners Parsifal für Stimmen, Chor und Orchester“ dichtete und komponierte.

Die Bezeichnung „Eine Überschreibung“ liegt völlig richtig, denn es ist eine Menge vom Original erhalten – von der Handlung jedenfalls genug, dass man immer weiß, worum es gehen soll, auch wenn man kein Wort versteht… Kein Copyright schützt den Dichter und Komponisten Wagner, den Lang lustvoll paraphrasiert, textlich in den Blödsinn jagt, musikalisch immer wieder durchklingen ließ. Erinnert Langs Musiksprache im ersten Akt an die besten der amerikanischen Minimalisten, dreht er im zweiten Akt gewaltig (bis schmerzhaft) auf, um im dritten durchaus rauschhafte Effekte zu erreichen. Keine Frage, die Musik ist das Beste des Abends.

Meeses vierstündige Parsifal-Umsetzung wirkt wie eine Hommage an Schlingensief, vor allem das Bühnenbild des zweiten Aktes gemahnt total an dessen afrikanischen Hütten (eine hat er auch einmal im Burgtheater auf die Bühne gebracht), wobei die Welt des Klingsor diesmal die Bezeichnung „Dr. No“ erhält. Meeses „Blättern im kulturellen Bilderbuch“ vor allem der Neuzeit ergibt einen gewaltigen Eintopf, wobei die dazugehörige Bühnengestaltung nicht sonderlich anregend ist. Man nehme: Skiläufer und Raumfahrer, die vom Himmel schweben, einen Amfortas, dessen Wunde sich als Scheibe auf der Brust dreht, einen Drachen, der als Lohengrins Schwan begrüßt wird, einen überdimensionalen Teddybären und einen lebensgroßen, ausgestopften Hund (ja, Hund, nicht Hasen wie bei Schlingensiefs Bayreuther „Parsifal“).

Man nehme Parsifal selbst als Zardoz, wozu man nur bemerken kann, dass das Kostüm, das auf Sean Connery einst unheimlich dämonisch und vor allem sexy wirkte, hier am Darsteller einfach ordinär erscheint. Man nehme eine Kundry im ersten Akt als Richard Wagner, im zweiten als Barbarella, im dritten als Kriemhild. Und man nehme ein Indianer-Kanu, aber das ist aus einem anderen Film…

Und im dritten Akt wird es dann richtig spannend, was man allerdings nicht Meese verdankt, sondern Fritz Lang. Dessen „Nibelungen“ flimmern nämlich die längste Zeit über die volle Bühne, wobei Bernhard Langs Musik dann zur Filmmusik wird – und das Bühnengeschehen selbst, das vergleichsweise winzig klein „live“ um seine Beachtung kämpft, es nicht mit dem Kino aufnehmen kann. Man sieht erst wieder hin, wenn Hagen Siegfried getötet hat, worauf man in kühnem Schnitt zu Kriemhilds Rache geschwenkt ist und der Nibelungen Ende in der brennenden Halle im Hunnenland miterlebt hat, und dann gab es noch als Draufgabe Kriemhilds Dummheit, Hagen den Schwachpunkt des Gatten zu verraten – und erst, nachdem man solcherart den größten Teil des dritten Aktes kurzweilig zugebracht hat (dieser Fritz Lang-Film ist nämlich nicht nur altmodisch und lächerlich, sondern natürlich auch brillant gemacht), darf man per Video zusehen, wie Jonathan Meese durch seine eigenen Entwürfe blättert (wer das bebilderte Programmheft kauft, kann die „Kunstwerke“ mit nach Hause nehmen)…

Und dann erst, ja dann, geht es konzentriert und schnell mit der Handlung weiter: Kundry sieht jetzt aus wie Kriemhild, aber Parsifal kommt uns noch wilder: ganz in goldener Rüstung (auch mit Kopfmaske) als Zeus persönlich, mit dem Blitz in der Hand („nur eine Waffe taugt“ bekanntlich, also als Speer-Ersatz zu brauchen, auch wenn es mit der rollenden Scheibe auf der Amfortas-Brust gar nicht so leicht zu bewerkstelligen ist), hier ist dann auch der Stoffhund dran, die Blumenmädchen im Kleinmädchen-Look mit kurzen Röckchen, gestreiften Kniestrümpfen und knallfarbigen Zöpfchen, die im zweiten Akt so gar nicht mitspielen durften, finden sich jetzt im Chor, und irgendwie geht es auf ein Happyend zu…

Wenn man auf dem herabgelassenen Vorhang liest „Kunst, ruf mich an!!!!“, dann hat man es als Zuschauer geschafft, in Wagner-Länge, vier Stunden inklusive zwei Pausen.

Statements, für die Meese berühmt ist (man kennt die endlosen Interviews zum angeblichen philosophischen Überbau seines Werks), kamen immer wieder, er ist bekanntlich der Künstler, der periodisch die „Diktatur der Kunst“ ausruft. Ob er „Parsifal“ in Bayreuth genau so gemacht hätte? Seltsam, so etwas müsste Katharina Wagner doch gefallen…

Die fünf Hauptpartien sind geblieben, in gewisser affektierter Verballhornung ihrer Namen: Parsifal als Parzefool, Amfortas als Amphortas, dass sie nicht dieselben sind wie im Original, das wird ohnedies schnell klar. Der Countertenor Daniel Gloger wird gefordert bis zum Exzess, vor allem im zweiten Akt, der hauptsächlich aus seinem Duett mit Kundy besteht, muss er die allerhöchsten Töne mit einer Beharrlichkeit fortissimo schmettern, dass – verstärkt noch durch Kopfmikrophon – empfindliche Trommelfelle dabei kaputt gehen können. Der Kundry von Magdalena Anna Hofmann wird auch vor allem im zweiten Akt Ähnliches abverlangt, aber sie ist ja eine routinierte „echte“ Wagner-Sängerin.

Alle an diesem Abend brauchen übrigens eine elementare Bereitschaft zum Blödeln, und sie tun es auch – Tómas Tómasson als Amfortas, Wolfgang Bankl als Gurnemanz und vor allem Martin Winkler als Klingsor, anfangs mit der Sense des klassischen mittelalterlichen Todes, am Ende in der Krachledernen, war da nicht auch ein Trachtenhut auszunehmen? Geschminkt sind alle Beteiligten abenteuerlich, auch das gehört zum Gesamtkunstwerk Meese…

Unter den Nebenrollen gibt es schwer erkennbare „Gralsritter“ (haha) in Gestalt von Alexander Kaimbacher und Andreas Jankowitsch, zwei Knappen (haha) als Johanna von der Deken und Sven Hjörleifsson und den wie immer tüchtigen Arnold Schoenberg Chor. Dass der musikalische Teil des Abends den eher langweiligen szenischen dermaßen überragte, lag zweifellos auch an Simone Young am Pult des Klangforums Wien, die Langs musikalische Farben prächtig ausfächerte, und wenn das Programmheft auch zusätzlich noch Sound Design verzeichnete… das funktionierte schon live sehr gut.

Am Ende gab es den zu erwartenden Jubel. Jonathan Meese im Trainingsanzug sprang herum wie ein Derwisch, und als gegen seine Person ein paar Buhrufe erklangen, streckte er die Zunge heraus, boxte ins Publikum, salutierte, der Mann weiß, was man von ihm erwartet (nur den Hitler-Gruß ließ er aus).

Nun, Wagners „Parsifal“ wird leben, solange es musikalische Menschen gibt. Wie das Schicksal des Lang / Meese-„Parsifals“ über die erwartete und absolut nicht stattgefundene Sensation und Provokation der Uraufführung hinaus aussehen wird… darüber möchte man keine Wetten abschließen.

Renate Wagner

 

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