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Wiener Festwochen: MAKULATUR

09.06.2012 | Allgemein, Theater

Wiener Festwochen /  Schauspielhaus: 
MAKULATUR von Paulus Hochgatterer
Uraufführung
PRODUKTION Schauspielhaus, Wien
IN KOPRODUKTION mit Wiener Festwochen
Premiere: 3. Juni 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 9. Juni 2012

Wenn ein Autor im Hauptberuf Psychiater ist, wirft er notgedrungen einen „anderen“ Blick auf die Menschen. Paulus Hochgatterer nimmt für sein Stück „Makulatur“ (das die Festwochen mit geradezu lächerlichem verbalen Schwulst bewerben) den Schwedenplatz als Treffpunkt zum Vorwand, um angeblich „Menschen“ herauszupicken, die hier vorbeikommen.

Tatsächlich hat er sich wahrlich nur Kunstfiguren erdacht, beginnend mit jenem „Jablonski“, Hobby-Chirurg, von dem man viel über die Kunst, eine Wurstsemmel zu gestalten, erfährt – und der die seltsamsten Operationen durchführt. Er findet auch reichlich Kundschaft, denn Verstümmelung ist ein zentrales Thema der angeblichen Menschen von Autor Hochgatterer: Die Trafikantin hat nur einen Arm (und findet das recht lustig), die Polizistin möchte sich ein Stück Fleisch aus der Hüfte schneiden lassen, damit ihre Glock schön hineinpasst (das muss einem wirklich einfallen), die davongelaufene Tochter bildet sich ein, dass ihr Bein nicht zu ihr gehört. Als der Chirurg dazu schreitet, es abzusäbeln, ist der eindreiviertelstündige Abend glücklicherweise zu Ende…

Er bietet weiters, ebenso ekelhaft und unglaubwürdig (oder nicht? Der Psychiater sagt vermutlich zum Publikum: Habt Ihr eine Ahnung!), eine Lehrerin, die jeden heruntermacht, Gatten, Tochter, die Matura-Aufsätze, die sie korrigieren muss und die sie dermaßen bis zur Weißglut provozieren,  dass die Arbeiten in Flammen aufgehen; ihren Mann, einen Architekten, der sich auf Kellerräume spezialisiert (es gibt schließlich Fritzls in unserer Welt); und einen Polizisten, den jeder Mord, aber am liebsten jedes Katastrophen-Massensterben entzückt, weil dann mehr Platz für die verbliebenen Menschen bleibt… Ja, anders als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesen hier die Welt.

Freilich, was bringt es? Regisseurin Barbara-David Brüesch lässt ihre Darsteller auf einer Stufenbühne (Damian Hitz hat auch viele Bildschirme mit den Bildern von Überwachungskameras hingestellt, aber sie spielen eigentlich keine Rolle) wenigstens ansatzweise so agieren, als könnten sie im wahren Leben rein äußerlich als echte Menschen durchgehen. Aber die Kunstgeschöpfe – Franziska Hackl, Steffen Höld, Barbara Horvath, Katja Jung, Max Mayer, Christoph Rothenbuchner, Nikola Rudle – greifen nicht, entlarven sich zu bald als spekulatives Konstrukt einer Absicht, unbedingt „modernes“ Theater zu liefern…

Am Ende hat man, mit zunehmender Langeweile, einer Handvoll von Freaks zugesehen. Warum eigentlich?

Renate Wagner

 

 

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