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WIENER FESTWOCHEN: LES NAUFRAGÉS DU FOL ESPOIR (AURORES)

21.05.2012 | Allgemein, Theater

 

 

WIENER FESTWOCHEN in der Messehalle A
LES NAUFRAGÉS DU FOL ESPOIR (AURORES)
Von Hélène Cixous,
frei inspiriert von einem mysteriösen postumen Roman von Jules Verne
PRODUKTION Théâtre du Soleil, Paris 2010 
Premiere bei den Wiener Festwochen: 20. Mai 2012

Ariane Mnouchkine und ihr Théâtre du Soleil sind wieder bei den Wiener Festwochen, die geliebte, geschätzte, ja weltweit angebetete Theatermacherin mit ihrem Ensemble.  Ihre Produktionen sind selbst für das geräumige MuseumsQuartier zu groß. Vor ein paar Jahren war sie in der Rinderhalle von St. Marx zu Gast, heuer verlegte man sie in die Messehalle A. Praktisch, weil die U 2 vor der Nase ist und diese noch in tiefer Nacht fährt. Der Abend beginnt um 19 Uhr, und vor 23,20 ist man am Premierenabend nicht aus dem Raum gekommen (und da hat man sich schon den Schlussapplaus in voller Länge geschenkt). Bevor man also in die verdiente Bewunderung ausbricht, schon eine Einschränkung zuvor: Es ist zu lang. Sogar viel zu lang.

Erst kürzlich gab es unter den „oscar“-prämierten Filmen (wenn auch ganz und gar ohne Auszeichnung) ein Juwel von Martin Scorsese mit dem Titel „Hugo Cabret“, und daran wurde man an diesem Abend mit dem umständlichen Titel „Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)“ (=„Schiffbruch mit verrückter Hoffnung (Morgenröte)“) erinnert – denn beide Male geht es um das Hohelied des stummen Films, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde. Die Mnouchkine könnte ihre Geschichte in diesem Fall gar nicht erzählen, wenn sie sich nicht des Kunstmittels Stummfilm bediente – sein herrliches Bewegungspathos zur stummen Aktion, das vom Pathos der abzulesenden Zwischentexte unterstrichen wird, wird zum Stilmittel einer pathetischen Utopie, die sie entwickelt. Diese wäre „nüchtern“, ohne Emphase nicht zu erzählen, wäre aber auch mit geschmetterten Tönen kaum zu vermitteln, weil dann das Pathos hohl würde. Also geht es äußerlich einmal darum, dass – ein Stummfilm gedreht wird.

„Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)“ wurde von der bewährten, ewigen Mitarbeiterin der Mnouchkine, von Hélène Cixous geschrieben, teils nach Szenen eines aus dem Nachlass veröffentlichten und kaum bekannten Jules-Verne-Romans („Les Naufragés de Jonathan“ oder „En Magellanie“), teils nach eigenem Bedarf. Es gibt die Rahmenhandlung und die Szenen des auf der Bühne quasi gedrehten Stummfilms.

Diese Rahmenhandlung begibt sich im Juli 1914 (in den unmittelbaren Tagen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs) in Frankreich, genau, in dem Lokal „La Fol Espoir“, dessen Wirt (von der Schwarzen Eve Doe-Bruce skurril verkörpert) ein Filmfan ist und folglich Monsieur Jean (Maurice Durozier ist die Seele des Abends), einen mit dem Produzenten verkrachten Filmemacher, bei sich aufgenommen hat. Gemeinsam mit seiner Schwester Gabrielle, die für ihn die Kamera führt (Juliana Carneiro da Cunha turnt liebenswert durch die Gegend), beschließt er einen Film zu drehen – offenbar hat das Lokal genügend Platz. Politisch streng korrekt geht es ihm um Aussagen, die selbstverständlich immer antiimperialistisch, antikapitalistisch, kurz „anti“ alles sein müssen.

Man erlebt nun einzelne Szenen, die sich hier entwickeln, wobei man als Österreicher schwer beteiligt ist: Denn gleich in der ersten Episode begegnen wir Kronprinz Rudolf  (Andreas Simma) in Mayerling, wobei die gute Mary nur eine kleine Nebenrolle spielt. Hauptsächlich ist Rudolf damit beschäftigt, mit (dem von Serge Nicolaï gespielten) Erzherzog Ludwig Salvator (er kann allerdings nicht jener sein, der als Johann Orth bekannt wurde und als Johannes Salvator im Programm steht, denn das ginge sich zeitmäßig nicht aus…) „rote“ Manifeste zu erdenken, die den Kaiser sehr ärgern, als er – erschossen wird, und Mary auch. (Die Engländer waren es, wie wir später erfahren.) Der Johannes (oder besser Ludwig) Salvator (der Ludwig war nämlich tatsächlich ein großer Weltreisender und bekannter Pazifist) ist in die folgenden, nach dem Jules-Verne-Roman gestalteten Szenen vielfach einbezogen worden.

Kurz gesagt, geht es in aller Länge um eine Seereise mit Schiffbruch, auf welcher die Beteiligten in Patagonien landen und dort eine ideale Gesellschaft mit Gleichheit für alle etablieren wollen. Keine Frage, dass die schöne Utopie nicht gelingt… Weil der Abend aber damit nicht über vier Stunden Länge erreichen würde, ist er mit einer Unzahl von Nebenpersonen und Nebenhandlungen beschwert, wobei ja auch noch die Szenen, die sich rund um das Drehen des Films abspielen, eine besonders Rolle spielen – denn während die „Rückblende“ die große europäische Kapitalismus-Parabel entwickelt, die sich im Grunde vom 19. unbeschädigt ins 21. Jahrhundert erhalten hat, schreiten die Filmemacher Tag für Tag mit blankem Schrecken auf den Ersten Weltkrieg zu, der sich (trotz aller sozialistischer Verkündigungen, das werde man nicht zulassen) unaufhaltsam heranwälzt…

Der Zauber des Abends ist die Machart. Die Mnouchkine scheucht rund drei Dutzend Darsteller (alle mit extremer Umbauverpflichtung) über die Bühne und zaubert Raum- und Logistik-Lösungen, die hinreißend, bestrickend, verwirrend, köstlich, über die Maßen begeisternd sind. So schwergewichtig ihr Thema auch ist, so locker nimmt sie es über weite Strecken durch die Parodie des Stummfilmgeschehens – das ist Slapstick auf höchster Ebene, mit aller Brillanz, allem Witz, aller zur Verfügung stehenden Theaterkunst ausgeführt. Alles ist andauernd in Bewegung, jede Kleinigkeit stimmt, dahinter kann nicht weniger als ein generalstabsmäßig erstellter Inszenierungsplan stecken.

Zudem erinnert man sich nicht, dass es je so viel Musik gab, was dem Abend stellenweise Musical-Charakter zu verleihen scheint, zumindest ist es ganz große Show: Jean-Jacques Lemêtre figuriert als Verantwortlicher für die Musik, die dramaturgisch brillant gewählt ist, beste Unterhaltung, tremolierend Populäres, aber auch die Klassik wird gnadenlos geplündert, von Griegs „Peer Gynt“-Suite bis zu Dvoraks „Neuer Welt“, von „Rheingold“ (gerade wenn es um europäische Goldgier geht) bis zu „La Traviata“, und auch Österreichisches kommt dran, ob der „Radetzkymarsch“ (ausgerechnet zu diesem unterhalten sich Queen Victoria und Charles Darwin über mögliche neue Kolonien in Südamerika, die Falklands hat man schon, auch wenn die Königin ein Riesenvergrößerungsglas braucht, sie zu finden) oder Bruckners Siebente. Und man stellt immer wieder fest, dass Klassik die beste „Film-“  bzw. Theatermusik ist…

Kurz, es ist ein hinreißender Theaterabend, aber man würde beschönigen, wenn man seine Schwächen nicht nennte. Er ist, wie gesagt, mit den stark über vier Stunden viel zu lang – denn die von der Mnouchkine eingesetzten Theatermittel sind zwar faszinierend, aber natürlich immer dieselben, das heißt, sie nützen sich ab; sinnlose noch und noch  Wiederholungen werden bis ins Endlose getrieben und ermüden gewaltig; und außerdem ist, offen gesagt, nicht alles, was auf der Bühne gezeigt wird, gleich interessant. Dass die Geschichten politischer Utopien und ihres notwendigen Scheiterns schon so oft behandelt worden sind, dass hier inhaltlich weiter nichts Neues zu finden ist, muss man auch ehrlich sagen.

Dennoch: Theater, das mit so viel Lust gemacht wird, macht zumindest über weite Strecken glücklich. Selbst wenn weniger mehr gewesen wäre.

Renate Wagner

 

 

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