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Wiener Festwochen: LA TRAVIATA

27.05.2012 | Oper

Wiener Festwochen im Theater an der Wien: 
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
Premiere 27. Mai 2012   

Es klang ja, ehrlich gesagt, schon das seinerzeitige Konzept nicht eben überzeugend: In drei aufeinander folgenden Jahren wollten die Wiener Festwochen ausgerechnet Verdis berühmtestes „mittleres“ Operntrio (Rigoletto / Travatia / Troubadour) herausbringen, so dass das letzte Werk dann im Verdi-Jahr 2013 am Spielplan stehen würde. Wenn schon Verdi-Jahr, dann wäre gerade ein Festival mit einer spannenden Rarität besser bedient als mit dem allzu Populären, das überall am Spielplan steht – zumal wenn man, wie man nach zwei Dritteln des Projekts sagen kann, ja nichts Überzeugendes zu den Werken zu bieten hat.

Denn auf Luc Bondys langweiligen Allerwelts-„Rigoletto“ im Vorjahr folgte heuer eine langweilige Allerwelts-„Traviata“ von Deborah Warner. Dass Violetta schon im Vorspiel stirbt und sich das Geschehen quasi als Rückblende entwickelt, das ist schon manchem vor ihr eingefallen – und besser (man denke nur an Hans Gratzers so dichte wie poetische Umsetzung in der Volksoper). Von Dichte und Poesie ist hier nicht die Rede.

Wenn zu Beginn ein leeres Spitalsbett weggeräumt wird und eine junge Frau aus einem Wald im Hintergrund auf die Vorderbühne irrlichtert wie eine verlorene Seele, die ihr Leben sucht… gut. Die Regisseurin hat nur etwas dramaturgisch ganz Essentielles vergessen: Wenn man einen Rahmen aufmacht, muss man ihn auch schließen. Aber Violettas Tod am Ende vor einer Spitalswand ist einfach Violettas Tod – dabei hätte sie mindestens in ihren „Wald“ zurück gemusst, um die Sache sinnvoll zu machen…

Auch hat die Regisseurin einiges nicht durchdacht. Wenn der erste Akt bei ihr regelrecht „ausbricht“, dann tut er es in aller Gegenwärtigkeit (Bühne: Jeremy Herbert, Kostüme: Rudy Sabounghi –  eine Ausstattung von extremer Reizlosigkeit) in Form einer billigen Teenie-Party (am Ende werden allerlei Fetzen herumgeschmissen, als ob die Leutchen in den Humana-Behältern gewühlt hätten) – dass es da sinnlos ist, sich mit „Baron“ und dergleichen anzusingen, würde man ja hinnehmen, aber dass sich in dieser nivellierten Welt die große Kurtisane in den jungen Mann verliebt und damit aus ihrem Milieu „aussteigt“ – wie soll das noch stattfinden? Nach dem zweiten Akt (ein paar Kissen vor einem Kamin, im Wald im Hintergrund schneit es nämlich) trifft Alfred seine Violetta in einer reichen Schicki-Micki Welt, und man fragt sich, wie all die Leute, die sich anfangs als Prolo-Fetzen gebärdet haben, nun einigermaßen angezogen in den Nachtclub kommen? Ganz schön geslummt am Anfang? Oder, was eher anzunehmen ist, einfach nicht konsequent gedacht. Dafür wird im Spielsalon die Dekadanz von heute durch Tänzer beschworen, die sich schnell teilweise als Tranvestiten entpuppen und mit den Gästen seltsame Spielchen spielen… Wie originell.

Aber im Grunde scheint es der Regisseurin ohnedies nur um den letzten Akt gegangen zu sein: Da verendet Violetta nicht daheim in Armut, sondern im Krankenhaus (dass man da in unsrer Welt seine „Dienerin“ dabei hat… erstaunlich), und die Regisseurin befasst sich eigentlich nur damit, den Betrieb zu schildern. Statt sich nun ihrem Dahindämmern zu widmen, muss sich Violetta (in Barchent-Hemdchen und –Unterhose) ununterbrochen umdrehen, waschen, untersuchen, beobachten lassen. Dass sich da überhaupt noch ein finales Drama entwickeln kann, ist erstaunlich.

Aber immerhin findet die in Wien bis dahin unbekannte Modavierin (Russin?) Irina Lungu wenigstens am Ende, wenn sie den Tod abwehren will, zu einiger darstellerischer Intensität – wenn schon nicht zu gesanglicher. Man kann sich nur wundern, wie viele Wettbewerbe sie mit dieser Stimme gewonnen, an wie vielen Opernhäusern in Italien und Deutschland sie schon gesungen hat. Denn ihr Sopran ist hart und scharf, das Vibrato wird meist zum Tremolo, jede Weichheit, Wärme, Sinnlichkeit der Stimme fehlen. Und auch wenn sie mit ihren 32 Jahren sehr jung und unauffällig hübsch wirkt, so ist sie doch ganz und gar nicht die Persönlichkeit, der man eine Traviata glaubt (zumal, wenn ihr das Leben so schwer gemacht wird wie in dieser Inszenierung, deren atmosphärische Qualitäten unter dem Gefrierpunkt liegen).

Etwas besser kamen die Herren der Schöpfung zur Geltung. Saimir Pirgu hat man an der Staatsoper beim Erwachsenwerden zugesehen, nun – da er hier ein seltener Gast ist (nächste Saison: ein einziger Auftritt und gerade als Nemorino, dem er gerade entwachsen ist!) – ist er es. Er hat an Stimme enorm zugelegt, und er schmettert den Alfredo mehr als einmal mit einer Gewalt, als würde er schon für den Manrico der nächsten Festwochen vorsingen. Allerdings hat er die Figur darstellerisch hervorragend verinnerlicht (vielleicht soll man auch die Regisseurin für diese Detailarbeit loben???) – das stimmt von der Verhaltenheit des Beginns über die leidenschaftliche Liebe, die empörte, aggressive Enttäuschung und am Ende die illusionslose Verzweiflung über das Sterben der Geliebten: An ein Happyend glaubt dieser Alfredo keinen Augenblick. Für Präsenz bekommt Pirgu wahrlich einen Einser.

Gabriele Viviani  – hierzulande weitgehend unbekannt, in der Staatsoper sang er 2007 in den „Puritani“ – wirkt für den Germont sehr jung, tritt aber würdig an (nur sieht die Regie vor, dass Papa und Sohn einander im zweiten Akt körperlich attackieren müssen, einmal wirft der eine den anderen auf den Teppich, dann wieder umgekehrt… wo haben die Leute, Leidenschaften hin oder her, ihre Manieren?). Auch er forciert gewaltig und klänge doch bei normaler Stimmführung, wie man selten genug an diesem Abend hören konnte, viel besser.

Aber nun muss man auch den Dirigenten Omer Meir Wellber verantwortlich heranziehen, dass aus dieser „Traviata“ wirklicht nichts Bemerkenswertes geworden ist, denn er hat am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien den Ton des dauernden Forcierens (und damit die Sänger zum Schreien zwingend) angeschlagen, da ist vordringlich Lautstärke angesagt, aber kaum Differenzierung, kaum jenes seelenvolle Schwingen, das Verdi in dieser Oper so meisterlich zum Klingen brachte. Nebenrollen und auch der Arnold Schoenberg Chor blieben weitgehend auf der Strecke.

Während der Vorstellung tröpfelte der Beifall wenig überzeugt, am Ende aber brach er geradezu in Jubelcharakter aus und überschüttete alle Beteiligten. Warum eigentlich?

Renate Wagner

 

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