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Wiener Festwochen: KINGS OF WAR

07.06.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Wiener Festwochen / Jan Versweyveld

Wiener Festwochen im MuseumsQuartier: 
KINGS OF WAR
Text nach den Königsdramen Henry V., Henry VI. und Richard III. von William Shakespeare
Toneelgroep Amsterdam
Uraufführung bei den Wiener
Festwochen am 5. Juni 2015
Besucht wurde die zweite Vorstellung am 6. Juni 2015

Theaterfreunde merken sich vor allem herausragende Ereignisse. Bei den Festwochen 2008 waren die „Römischen Tragödien“, dargeboten von der Toneelgroep Amsterdam, ein solches. Regisseur Ivo van Hove bot in einer knapp sechsstündigen, pausenlosen Aufführung Shakespeares „Coriolanus“, „Julius Cäsar“ und „Antonius und Cleopatra“ im heutigen Gewand. Eine faszinierende Erfahrung.

Einige von Shakespeares „Königsdramen“ zusammenzufassen, ist nicht neu – Giorgio Strehler zeigte sein genial geschmeidiges „Spiel der Mächtigen“ 1973 bei den Salzburger Festspielen und später am Burgtheater als glitzernden Totentanz der Macht. Luc Perceval brauchte für sein „Schlachten“ bei den Salzburger Festspielen 1999 gut elf Stunden. 2008 hat Stephan Kimmig am Burgtheater in siebeneinviertel Stunden „nur“ zwei der Stücke, „Heinrich VI.“ und „Richard III.“ inszeniert. Regisseur Ivo van Hove ist also in prominenter und bester Gesellschaft.

Er nimmt, in starker Bearbeitung, drei Stücke her, „Henry V.“, „Henry VI.“ und „Richard III.“, und wieder begibt er sich strikt in die Gegenwart, wenn sie auch in der Ausstattung (Bühne und Licht: Jan Versweyveld) trotz Fernsehmonitoren eher das Fünfziger Jahre-Flair verströmt: Der Abend über die „Führungskräfte unserer Zeit“, wie Ivo van Hove ihn in einem Interview nannte, spielt sich in Büroräumen oder Wohnzimmergarnituren ab, es gibt sogar drei altmodische  klobige Telefone, darunter ein rotes, was im „Richard III.“ dann für eine kruden Witz eingesetzt wird…

Wie bei Castorf spielt auch eine riesige, die Bühnenmitte beherrschende, hoch gehängte Videowand eine entscheidende Rolle, aber im Gegensatz zu den willkürlichen, wackeligen Handkameras des deutschen Kollegen herrscht hier eine ausgefeilte Dramaturgie der Bilder, teils mitgefilmt, teils auch eingespielt (man sieht schreckliche Morde, oft mit Injektionsspritzen, und auch schlimm anzusehende Leichen). Live und Bild greifen beispielhaft, oft kommentierend in einander. Im übrigen bietet der Abend für das deutschsprachige Publikum, das natürlich an den Übertiteln hängt (Holländisch kann man nicht verstehen, wenn man es nicht kann, die Verwandtschaft mit dem Deutschen ist doch nur sehr vage), auf der Videowand immer wieder per Text Informationen zur Geschichte, wenn Schlachten zu melden sind oder andere Dinge, die sich nicht zwingend aus der Inszenierung ergeben würden.

Dennoch ist die englische Geschichte nicht das Hauptanliegen des Regisseurs, wenn er auch wirkungsvoll alle Krönungen inszeniert – es sind eigentlich fünf, über die drei Titelhelden hinaus gibt es dazwischen noch einen Edward IV. und am Ende jenen Henry VII., mit dem die Rosenkriege zwischen Lancaster und York ausgestanden waren, das Haus Tudor begann und Shakespeare ganz zweifellos für „seine“ Königin, Elizabeth I., eine finale Huldigung ihrer Familie schrieb, die die blutige Epoche beendete (angeblich) – Henry VII. war ihr Großvater und darf auf der Bühne unendlich staatserhaltend und Frieden preisend säuseln.

Drei Könige also stehen als Herrschertypen im Zentrum, wobei Henry V. „Shakespeares’s Darling“ war, der kämpferische Strahlemann – und folglich dramaturgisch am wenigsten interessant, obwohl es ganz „witzig“ ist, wie Kriegserklärungen hier per Telefon erfolgen… Dennoch hat dieser eineinviertelstündige erste Teil nur eine Szene, in der Henry V. (Ramsey Nasr) mehr sein kann als ein harter Held: Wenn er die französische Prinzessin, die er heiraten will, zum Essen ausführt und versucht, die Dame, die (angeblich) kein Wort seiner Sprache versteht, zu verführen…

Die Videobilder bieten fabelhafte Übergänge – diese Prinzessin Catherine (Hélène Devos) geht aus der Bühne, und wenn sie auf der Videoleinwand erscheint, hat sie ein kleines Kind im Arm, und ihr Gatte liegt am Totenbett: Henry VI. wird als Kind König und tritt uns dann als total unsicherer junger Mann entgegen: Das ist die Meisterleistung von Eelco Smits, den berühmten  „Schwächling“ der Königsdramen als überforderten, unsicheren, grundanständigen, aber hilflosen Menschen darzustellen, der durch seinen Mangel an Stärke alle blutrünstigen Bestien ringsum auf den Plan ruft, ihn zu manipulieren, zu desorientieren und schließlich zu vernichten. Die Frau, die er sich einbildet (Janni Goslinga als Margareta) betrügt ihn von Anfang an mit Warwick (Hugo Koolschijn ist in mehreren Rollen glänzend, aber diese ist die größte) und spielt im Machtgetriebe gnadenlos mit.

Am Ende weicht der Schwächling den Forderungen seines gnadenlosen York-Verwandten, der Edward IV. wird (Bart Slegers), und wenn Henry seinen berühmten Monolog hält, wie wunderbar das Leben eines Hirten wäre, dann kann die Videowand in den Gängen, die sich hinter der Bühne befinden, auch Ziegen zeigen. Echt waren sie mit Sicherheit nicht, das hätte man gerochen…

Nach der Pause dann der berühmteste und berüchtigtste aller Könige, der „Höllenhund“ Richard III., der für die „Macht“ geboren ist, weil er es geradezu genießt, das Böse zu tun: Immer wieder kokettiert er selbstverliebt mit sich vor dem Spiegel, gefällt sich in seiner Gemeinheit. Und da wird die Inszenierung, die bisher doch im Grunde vor allem cool (und immer geradezu betont langsam) war, ein wenig exzentrisch – und noch (oft bis zur gefühlten Unerträglichkeit) langsamer. Hans Kesting spielt den Richard nicht nur mit behindertem Gang, man ersetzt den üblichen Buckel durch ein Gesicht voll von Feuermalen, was ihm ein erschreckendes Aussehen gibt. In seinem Verhalten ist er immer wieder hyperaktiv, quasi der „hinkende Teufel“ mit allerlei Jokus im Kopf – er nimmt das rote Telefon und verkündet „Hi, Obama, here is Richard the Third“, er erklärt am weißen Telefon auf Deutsch der Frau Bundeskanzler Merkel, Hallo Angela, dass sie keine Freude mit ihm haben wird, und das grüne Telefon ist dazu da, Putin rasch Guten Tag zu sagen – eine kleine Kabarett-Einlage.

Hier spielen dann wieder die Frauen eine große Rolle, jene Lady Anne, die er am Sarg umwirbt (nochmals Hélène Devos), jene Königin Lady Grey, die Richard um Gatten, Söhne, Brüder bringt (Chris Nietvelt) und die alte Königin, Richards Mutter, mit der er fast gnädig umgeht (Kitty Courbois). Jener Buckingham, der ihm auf den Thron hilft (Aus Greidanus jr., zuvor schon der Getreue von Henry VI., der als solcher ums Leben kam), zieht noch rechtzeitig Leine und organisiert den Widerstand gegen Richard. Wenn dieser von seinen Träumen gejagt wird und anschließend in die Schlacht zieht, tut er es in einem Monolog, den er mit dem Rücken zum Publikum, aber riesig auf der Videowand erscheinend, so schier endlos auswalzen muss, dass man sich schwer tut, seine Nerven zu behalten…

Resümieren wir: Höchste Bewunderung für die Logistik der Aufführung und die Darsteller. Und dennoch ist es ein spröder, trockener und oft quälend langsamer Abend. Am Ende dauerte er von halb 8 bis halb 1 exakt fünf Stunden (bei einer Pause). Man hat nicht immer gespannt zugesehen.

Renate Wagner

 

 

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