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Wiener Festwochen: JULIA

13.05.2013 | Allgemein, Theater

 

Wiener Festwochen / brut im Künstlerhaus: 
JULIA von Christiane Jatahy
Nach „Fräulein Julie“ von August Strindberg
Cia. Vértice de Teatro / Rio de Janeiro  
Premiere im deutschsprachigen Raum
13. Mai 2013 

Es ist nicht immer einsichtig, wenn man Paraphrasen von Stücken vorgesetzt bekommt statt diese selbst, aber es gibt auch Ausnahmen. Wenn Christiane Jatahy, die 45jährige Theater- und Filmemacherin aus Rio de Janeiro, August Strindbergs „Fräulein Julie“, diese genialer Verstrickung von Klassenkampf und Geschlechterkampf, in das Brasilien von heute holt, dann hat das absolut seine Berechtigung. Stärker als bei uns klaffen da die Welten zwischen den reichen Weißen und ihrem „farbigen“ Personal, das aus dem Elend der Favelas kommt.

Bei Strindberg spielt die Tochter des Grafen mit dem Bedienten ihres Vaters herum, bis er aus der Tatsache der gemeinsam verbrachten Nacht das Machtspiel umdreht – davon nimmt Christiane Jatahy zumindest die Ausgangssituation. Dann allerdings führt sie die Handlung immer wieder anders, wobei es ihr gelegentlich gelingt, noch radikaler zu sein als die Vorlage (was nicht einfach ist).

Grundsätzlich aber löst der knapp eineinhalbstündige Abend die konzentrierte Form des Einakters auf und läuft auf zwei Ebenen, als Film und live, oft parallel, auch getrennt, und wenn wir Julia dabei zusehen, wie sie im Swimmingpool planscht, kommt das so mit Sicherheit aus der Konserve wie die Gespräche von Jean mit der schwarzen Köchin, die wie Strindbergs Köchin Kristin ihre Verachtung aufteilt – zwischen der Herrschaft, die sich mit der Dienerschaft einlässt, und der Dienerschaft, die sich mit der Herrschaft einlässt, weil beide sich ihrer Würde begeben… Aber wer redet heutzutage noch von Würde?

Dabei zieht Christiane Jatahy in den Abend noch eine Ebene ein: Ganz offenbar agieren hier zwei Schauspieler vor einem Kameramann, der immer wieder „Cut“ sagt – und man geht zur nächsten Szene über. Gelegentlich steigen die beiden Schauspieler aus, vor allem die Dame – es wird ihr zu heftig, sie will nicht weitermachen, wendet sich klagend ans Publikum. In einem beispielhaften Brüll-Anfall stürmt sie aus dem Theater, rast vor das Künstlerhaus, und wenn an anderen Abenden vielleicht zu diesem Zeitpunkt im Musikverein Pause wäre, könnten die Herrschaften gewaltig vor dem Skandal, den eine kleine Person da entfesseln kann, erschrecken. Da steckt schon viel Performance in dem Ganzen…

Aber es ist Strindbergs Geschichte von Erotik, Mutwillen, Machtkampf, Geilheit, Haß – alles da, wenn Julia Bernat loslegt, klein, aber fest auf hohen Schuhen unterwegs, ein Energiebündel voll Mutwillen und fikriger Begierde, die den anfangs durchaus widerstrebenden Diener des Herrn Papa zielstrebig und lüstern verführt. Es ist übrigens eine Rolle mit Beischlaf-Verpflichtung – man sieht zwar nicht live dabei zu, was sich hinter einer Wand begibt, aber die Videokamera ist dabei, projiziert es auf die großen Wände, und man würde das, was die beiden da treiben, eigentlich für echt halten. Nicht minder stark das Wüten von Julia, als sie merkt, was sie sich vergeben hat – und dass sie dem Mann, den sie nun nach allen Regeln der Kunst beschimpft, ja doch gewissermaßen ausgeliefert ist.

Julia Bernat erreicht eine fast bestürzende Intensität in ihrer giftigen Haß-Orgie, bei der ihr Partner Rodrigo dos Santos zwar wacker mithält, aber doch nicht ganz auf gleicher Ebene mitspielt. (Ein Einwand am Rande – wenn sie etwas „weißer“ und er etwas „schwärzer“ wäre, würde sich die soziale Kluft, die die Regisseurin so hart wie möglich zuspitzen will, noch eine Spur überzeugender manifestieren, aber eine bessere Hauptdarstellerin wäre schwer zu finden gewesen.) Ganz stark kommt Tatiana Tiburcio in kurzen Videoszenen als Köchin mit Grundsätzen von der Leinwand, und gewissermaßen spielt „der Mann mit der Kamera“, David Pacheco, auch mit.

Der portugiesische Text wurde auf Deutsch an die Wand geworfen, aber wer die Geschichte von „Fräulein Julie“ kennt, wusste dank der starken Interpreten immer, worum es geht. Die brasilianische Paraphrase beweist, dass eine Dichtung, die Grundsätzliches behandelt, auch verlustlos zu „übersiedeln“ ist… Viel Beifall.

Renate Wagner

 

 

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