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Wiener Festwochen: JEPHTA

24.05.2015 | KRITIKEN, Oper

Händel Jephta_Stefan Gloede~1
Foto: Wiener Festwochen / Stefan Gloede

Wiener Festwochen im MuseumsQuartier: 
JEPHTA von Georg Friedrich Händel
Koproduktion Kammerakademie Potsdam und Hans Otto Theater, Potsdam
Premiere in Wien: 24. Mai 2015  

Es ist nicht einfach, Händels Opern und Oratorien mit ihren dramatisch-tragischen Themen und der doch vorwiegenden schwergewichtigen Musik für ein heutiges Publikum lebendig zu machen. Freilich, dass das Oratorium „Jephta“ – ein Spätwerk des schon an seiner Augenerkrankung leidenden 66jährigen – in einem Internat spielt, wirkt auf Anhieb verblüffend. Dann aber zeigt die Aufführung der Potsdamer Winteroper – die in ihrem Original in der Friedenskirche zu Sanssouci gezeigt wurde -, dass man alles darf, wenn man es so intelligent und konsequent durchführt wie hier die Regisseurin Lydia Steier. Und den Wiener Festwochen kann man (einiger Einwände ungeachtet) bis jetzt zugestehen, dass sie eine Produktion nach der anderen nach Wien bringt, die von der Aura des „Besonderen“ umgeben ist.

„Jephta“ also, die alte biblische Geschichte vom Menschenopfer, das Herrscher ihrem Gott so locker versprechen, wenn es sich um Fremde handeln würde – und dann sind es für Idomeneo, für Jephta die eigenen Kinder, die an die Reihe kommen sollen. (Bei den Atriden und Gluck ist Agamemnon ja gleich bereit, Tochter Iphigenie zu opfern – noch schlimmer…) Wie erzählt man die Geschichte heute? In diesem Fall auf Umwegen.

Es ist sicher kein Sakrileg, dass Regisseurin Lydia Steier und Dirigent Konrad Junghänel gewaltig gekürzt haben, so dass musikalisch nur die großen Arien, Duette und Chöre und wenige Rezitative bleiben. Der weggeholzte Rest wird dramaturgisch mehr als überzeugend ersetzt. Christian Ballhaus als Sprecher und „Lehrer“ der Schülerschar wirkt zwar optisch wie aus der „Feuerzangenbowle“ entsprungen, hat aber sehr gescheite Sequenzen über Politik, das Handeln der Herrschenden und die wahren Hintergründe großer Worte (wie viele Menschenleben, wie viele Grausamkeiten, wie viele Zerstörungen stecken hinter einem bejubelten „Sieg“?) von sich zu geben, die sich ebenso an den Zuschauer richten wie an die „Kinder“ auf der Bühne – historischer Nachhilfeunterricht, immer eine gute Sache.

Wenn dann in diesem „Schul“-Rahmen die Geschichte des Feldherrn Jephta gespielt wird, der die Israeliten gegen die Ammoniten, ihre Unterdrücker führt, dann verwandeln sich die Kinder ganz zwanglos in das „Volk“ (und in den Chor), und das Geschehen wird wunderbarer Weise in keiner Weise lächerlich, sondern höchst lebendig. Und wenn Jephta für den Sieg den üblichen Schwur getan hat, den ersten Menschen, der ihm entgegenkommt, zu opfern und Töchterchen Iphis ihm mit einer hellen, heiteren Arie entgegenspringt – dann ist das ungemein spannend.

Wobei sich die Regisseurin ein paar bedrückende Details ausgedacht hat, die von Händel abweichen (der seinerseits ja mit Librettist Thomas Morell von der Bibel abwich, wo Gott keine Gnade zeigte wie bei Abraham und Jephta seine Tochter opfern ließ…): Für die Hinrichtung will der Feldherr kein Beil nehmen, sondern die grausame Methode, die vom „Lehrer“ über den Ammoniter-Gott Moloch berichtet wurde: Man gießt dem Opfer glühendes Eisen in den Mund… Und wenn dann ein rettender Engel kommt, um Jephta von der Tat abzuhalten, wird dieser vom Feldherrn schnell als eine der Schülerinnen enttarnt… Tatsächlich erholt sich Iphis schneller als der Zuschauer vom Schrecken ihrer vermeintlichen Hinrichtungsszene, während Jephta, so wie er hier dargestellt wird, keine Zukunft hat: Dass er den Horror dessen, was er beinahe getan hätte, nicht verarbeiten kann und wie ein Wahnsinniger zurückbleibt, das kann man leicht nachfühlen.

Bewundernswert, wie stringent diese zweieinviertel pausenlose Stunden (mit dem Applaus waren es zweieinhalb, das klassische Maß vieler Produktionen, die die Wiener Festwochen einladen…) in der zur von zwei Seiten von Zuschauer umgebenen „Raumbühne“ des MuseumsQuartiers rund um bzw. auf einem Riesentisch (Bühne: Elisabeth Vogetseder) ablaufen, in den uniformartigen und dabei doch „niedlichen“ Schüler-Uniformen (Kostüme: Ursula Kudrna). Das liegt allerdings auch an der musikalischen Leitung: Lange schon hat man Händel nicht dermaßen spannend und nahezu schwungvoll, dermaßen intensiv und nachdrücklich gehört wie unter Konrad Junghänel am Pult der Kammerakademie Potsdam, die ja nun kein „berühmtes“ Barockensemble sind wie viele, die man sonst hört, und die das Werk so lebendig und theatergerecht anpackten, wie man es sich nur wünschen konnte. Übrigens: Gesprochen wurde Deutsch, gesungen im originalen Englisch.

Besonders beeindruckend war der deutsche Tenor Lothar Odinius in der Titelrolle, dessen klang- und kraftvolle Stimme auf einer breiten baritonalen Mitte ruht und mühelos alle Höhen und alle dramatischen Ausbrüche meisterte, von den darstellerischen Seelenqualen ganz zu schweigen. Exzellent auch der Baß des Raimund Nolte, der zwar am Anfang eine beeindruckende Arie hatte, aber später leider stiefmütterlich behandelt wurde, und der überzeugende Countertenor Magid El-Bushra, dessen Erscheinung auch perfekt zu dem „Schüler“ und Liebhaber der Iphis passte.

Diese war in Gestalt von Katja Stuber zwar hinreißend und bezaubernd und in der Fast-Hinrichtungsszene gänsehauterzeugend berührend, aber stimmlich eher schmalspurig und nicht immer intonationssicher, ebenso wie der rettende Engel der Maria Skiba, von dem man sich ein wenig mehr Strahlkraft gewünscht hätte. In einer Nebenrolle Mezzo Maria Streiijffert als Mutter Storgè. Ganz prächtig der Chor der Winteroper Potsdam, der weder als Schülerschar noch als mächtige „Stimme“ etwas schuldig blieb.

Der Erfolg war sehr groß und sehr verdient.

Renate Wagner

 

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