Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIENER FESTWOCHEN: GROSS UND KLEIN

13.05.2012 | Theater

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier: 
GROSS UND KLEIN (BIG AND SMALL)
von Botho Strauß / Martin Crimp (Übersetzung ins Englische)
Produktion: Sydney Theatre Company
Premiere bei den Wiener Festwochen: 12.Mai 2012 

Während sich in deutschen Landen der einst so überdimensionale Ruhm des Botho Strauß mittlerweile zur Ruhe begeben hat, entdeckt man anderswo eines seiner ganz alten Stücke neu: Aber „Groß und klein“ wurde wohl weniger zum Selbstzweck, denn als absolute Paraderolle für Star Cate Blanchett hervorgeholt. Diese wird auf der Leinwand zurecht hoch geschätzt (sie wäre mehr „Oscars“ wert gewesen als der eine für eine Nebenrolle, den sie bekam), spielt aber offenbar von Zeit zu Zeit gerne Theater – und nun tourt sie mit dieser Produktion ihrer australischen Heimat durch Europa. Die Wiener Festwochen sind da nur eine Station unter vielen.

In Wien hat man „Groß und klein“ bisher zweimal gesehen – einmal bald nach der Uraufführung von 1978 als Festwochengastspiel der Münchner Kammerspiele mit der ungemein intensiven Cornelia Froboess. 2002 war Andrea Eckert (diesmal bei der Blanchett-Premiere im Publikum zu sehen) in einer Inszenierung von Frank Arnold die Lotte. Und nun erlebt man das Stück dank Cate Blanchett wieder anders. Nach wie vor anstrengend, das hat die Sache so an sich (drei Spielstunden sind es unweigerlich geworden, und Kurzweiligkeit ist Botho Strauß’ Sache nicht), aber trotz der dreieinhalb Jahrzehnte, die das Stück am Buckel hat, gar nicht besonders „gestrig“.

Denn das Problem, das Strauß weniger als geschlossenes Stück als vielmehr in Form einer Szenenreihe auf die Bühne stellt, ist heute so aktuell wie damals – das Gejammere über unser aller Vereinsamung (was ja, als Kehrseite, auch besagt, dass wir uns nicht mehr für die anderen interessieren) wird ja bei jeder Diskussion anklagend in den Raum gestellt. So neu ist das also nicht. Und wer einmal in der U-Bahn zugehört hat, wie ein junges Mädchen ununterbrochen ins Telefon schreit: „Hast du gelesen, was ich in Facebook geschrieben habe?“, der weiß auch, dass das angebliche Kommunikationsmedium auch nur der Selbstdarstellung und nicht dem Interesse am Nächsten dient… Facebook gab es Ende der 70er Jahre so wenig wie das Handy, und doch wusste Strauß, dass wir einander nicht mehr erreichen…

Das Stück beginnt mit einem berühmten Monolog der Lotte (vielleicht die überzeugendste Szene von allen): Von ihrem Gatten getrennt, ist sie irgendwo im Rahmen einer Gruppenreise in Marokko und erwägt unsicher die Möglichkeiten, mit Mitreisenden Beziehungen zu knüpfen. Danach lässt Strauß sie durch Begegnungen irrlichtern, die alle gemeinsam haben, dass sie letztlich nicht stattfinden – besonders tragisch, wie sie vor einem Haus steht, von einer ehemaligen Freundin aufgenommen werden möchte, aber von dieser durch die Sprechanlage nur gefühllos abgeschasselt wird…

Cate Blanchett geht die Rolle mit aller Verve an, von dem Anfangsmonolog bis zu ihrem stolzen, gar nicht gebrochen wirkenden Entschreiten am Ende. Sie agiert von Beginn an mit einer fast bewussten Brillanz, die sich im Laufe des Abends noch steigert, weil sie in verschiedenen Szenen auch oft ganz verschiedene Töne anschlägt und durchaus die Virtuosität ihres Könnens ausspielt. Obzwar 43, ist sie schier unglaublich schlank und rank (in einer Szene im Glitzerbody tanzt und zuckt sie bis zur Perfektion herum), kann aber auch plötzlich alt und resigniert wirken. Zwischen der immer wieder hoch geputschten Aufgekratzheit und der gelegentlichen tiefen Müdigkeit der Figur spielt sie die darstellerischen Variationen hinauf und hinunter. Das ist keine elegante, minimalistische Leistung, wie man sie von ihr so oft auf der Leinwand gesehen hat – hier feuert sie aus den Kanonenrohren ihres Könnens frontal bis in die letzte Zuschauerreihe. Und da Strauß schließlich kein diskretes Stück geschrieben hat, liegt sie goldrichtig.

In unseren Breiten würde man „Groß und klein“ vermutlich mehr verfremden, als es Regisseur Benedict Andrews für diese glänzende Aufführung tut: In angedeuteten Bühnenbildern, die dem Geschehen helfen (Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Alice Babidge) geht er zwar durchaus stilisiert abgehoben vor, mit Sinn für die absurden Schlenker von Strauß, aber doch als psychologische Geschichte erkennbar: So wandert man mit Lotte durch die Leere der Welt und ihres Lebens.

Umgeben von einem durchwegs glänzenden Ensemble, das die deutschen Figuren des Botho Strauß gänzlich in die englischsprachige Welt umsetzte und ein Panoptikum tragisch-komischer Gestalten beschwor, wurde Cate Blanchett nach allen Regeln der Kunst verdient umjubelt.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken