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Wiener Festwochen: GLAUBE LIEBE HOFFNUNG

14.06.2012 | Theater

 

Wiener Festwochen im MuseumsQuartier: 
GLAUBE LIEBE HOFFNUNG von Ödön von Horvath
Eine Koproduktion des Schauspielhauses Zürich mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, den Wiener Festwochen, dem Théâtre de l’Odéon Paris und dem Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg
Premiere in Wien: 13. Juni 2012 

Ich habe ein persönliches Problem mit Christoph Marthaler (wie übrigens auch mit Frank Castorf oder dem verstorbenen Christoph Schlingensief): Ich vermag einfach nicht zu erkennen, was an ihren Arbeiten so großartig sein soll. Nun halte ich alle, die hier in Entzücken ausbrechen, keinesfalls für dumm – allerdings habe ich auch unter ihren Fans noch keinen gefunden, der mir ihre Qualitäten in klaren Worten überzeugend kundtun konnte.

Was Marthaler betrifft, so hege ich nicht den Grimm des Wagnerianers, der zuschauen muss, wie die Bayreuther Isolde den zweiten Akt lang Lichtschalter an- und ausknipsen muss – wo käme man da hin, sich in der Oper über jeden Schwachsinn zu alterieren. Der nächste „Tristan“ kommt bestimmt, und der ist dann von einem anderen Regisseur. Nein, ich fresse mich seit Jahr und Tag gewissenhaft durch jede Marthaler-Aufführung, die mir in Wien des Weges kommt (dass ich für ihn ins Ausland fahren würde – nein, das nicht), immer in der Hoffnung, dass mir endlich ein Licht aufgeht. Aber nein, das Ergebnis ist immer dasselbe: Blind und taub wie ich für ihn bin, komme ich grantig und hochgradig genervt aus seinen Produktionen und fühle mich angesichts eines jubelnden Publikums allein und ausgestoßen aus der großen Schar der Wissenden. Warum erschließt sich mir die offensichtliche Brillanz seiner Viebrock-Ästhetik nicht, die Überlegenheit seiner intellektuellen Auseinandersetzung, das große Konzept dahinter, dass immer gesungen werden muss, die Menschen so gerne in Unterwäsche herumstehen – und dass jeder seiner Abende gleich aussieht?

Die Marthaler’sche Ideen- und Geisteswelt ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln, und – Schande über mich! – ich ertappe mich dabei zu denken, dass sein größtes Talent darin besteht, die Leute beharrlich lustvoll zu quälen,  für dumm zu verkaufen und dabei der vergötterte Liebling der Feuilletons zu sein.

Wie hat Achim Benning doch einmal gesagt?
Wenn ein Engländer etwas auf der Bühne sieht, das er nicht versteht, sagt er: Das ist dumm. Wenn wir etwas auf der Bühne sehen, das wir nicht verstehen, sagen wir: Gott, muss ich dumm sein.

Niemand gibt mir so sehr das Gefühl, dumm zu sein, weil ich mit ihm so gar nichts anfangen kann, wie Christoph Marthaler. Das verbindet mich auf gewisse Weise direkt mit ihm. Über wen kann ich mich sonst schon aufregen? Aber ehrlich: positive Gefühle wären mir schon lieber, denn eigentlich halte ich das, was er dem Publikum zumutet, für …

X

„Glaube, Liebe, Hoffnung“ ist an sich eines der kürzesten, schnellsten Horvath-Stücke – nur eine Handvoll von Szenen brauchte der Dichter 1932, um seine Heldin Elisabeth gnadenlos in den Tod zu hetzen. Die soziale Not und die Herzlosigkeit der Menschen haben mit diesem armen Geschöpf in diesem „kleinen Totentanz“ leichtes Spiel. Nun, kurz geht es in der neuen Festwochenproduktion nicht ab – diese Züricher / Berliner / Pariser / Luxemburger und Wiener Festwochen-Aufführung von Regisseur Christoph Marthaler dauert satte dreieinhalb Stunden in der obligaten Anna Viebrock-Dekoration (die immer gleich aussieht). Er hat das Werk auch mit anderen Horvath-Texten aufgefettet, er hat – wie auch anders bei ihm – einen mehr als ausführlichen Musikanteil hineingearbeitet, und er hat schließlich die Titelfigur verdoppelt.

Das doppelte Elisabettchen – gehen wir einmal von der Interpretation aus: Dieses tragische Schicksal gibt es nicht nur einmal – retardiert das Geschehen natürlich. Anfangs, vor dem Anatomischen Institut, werden die Szenen zwischen ihr und dem Präparator doppelt gespielt, erst die eine, dann die andere Dame. Das wäre natürlich im Lauf des Abends dann doch ein bisschen viel, aber wenn Elisabeth dann mit ihrem Schupo im Bett liegt und vom Oberinspektor aus ihrem neu gefundenen Leben gerissen wird, ist sie wieder doppelt. Immerhin, da kann man natürlich ein bisschen Theaterschule bieten – das eine Paar spricht den Text lapidar verfremdet in Karl-Valentin-Manier (und gibt damit die Figuren schlicht und einfach dem Gelächter preis), das andere Paar versucht es ansatzweise realistisch, Horvaths absichtlich „hölzerne“ Sprache zu Alltagswirklichkeit verschmierend. Geht auch. Wenn ein Abend dreieinhalb Stunden dauert, hat man für dergleichen ja Zeit. (Und zwei Elisabeths haben noch den Vorteil, dass sie sich gegenseitig beim Umbauen – dann das liegt auf ihren zarten Muskeln, da rührt kein Mann einen Finger – helfen können.)

Am Ende werden dann nicht nur die beiden Elisabettchens als Wasserleichen herbeigeschleppt, sondern noch drei weitere. Interpretation: Ja, die Frauenschicksale damals, tragisch. Dass es fast ein Lacheffekt ist, wenn der Retter eine geschulterte Dame nach der anderen auf der Bühne ablegt, steht auf einem anderen Blatt. Denn was an diesem Horvath-Abend vom Dichter eigentlich gewollt wurde (außer dass er teilweise die Vorlage für eine typische Marthaler-Show bietet), ist ohnedies nicht klar. Am Ende verkündet der Herr, der als Pianist waltete, in einem mir unbekannten Text über Arkadien, in der Zukunft sei die Menschheit ohnedies nur ein Gesangsverein…

Na, das ist sie bei Marthaler ohnedies immer, und man dankt Gott, dass sein eingeschworenes Ensemble (samt Pianissimo-Manierismen, die fast Bewunderung erregen) wirklich hervorragend singt– es sei denn, sie wollen es anders. Wie bei „Ich hatt’ einen Kameraden“ (nicht fragen, was das Lied aus den Freiheitskriegen hier zu tun hat!) – schön gesungen, bis einer abscheulich krähend aus der Harmonie ausbricht. Dafür wird er erschossen. Pause. (Man stelle sich vor, das reiße in der Oper ein – wer nicht schön singt, wird erschossen! Und noch etwas: Genau dieses Lied hat Marthaler-Klon Ulrich Seidl bekanntlich in seinen „Bösen Buben“ präsentiert… die noch schwächer waren als alles, was originaler Marthaler auf die Bühne bringt. Der ist wenigstens ein Virtuose seines Stils.)

Was an diesem Abend besonders ärgert: Es gibt Szenen, in denen kurzfristig einfach Horvaths Text gespielt wird, in dem sich die Schauspieler in Horvaths Figuren verwandeln, und da passiert manches so atemberaubend richtig, dass man das Gefühl hat, hier könnte mit diesem Regisseur, mit diesen Schauspielern eine herausragende Horvath-Interpretation im Sinn des Dichters passieren, die uns erreicht, was großen Schauspielern ja immer gelingt – Irm Hermann beispielsweise hat Momente, da möchte man niederknien angesichts dessen, was sie zeigen und vermitteln kann… Aber dann bricht gleich wieder irgendjemand in Schwachsinn aus, es wird sinnlos gesungen, blöde agiert, und alles ist verloren.

Olivia Grigolli und Sasha Rau sind zweimal Elisabeth, einander gar nicht so ähnlich, aber jede auf ihre Art sicherlich eine fast ideale Besetzung (in einer „normalen“ Inszenierung, um das klar zu stellen): Sie müssen übrigens am Ende nicht definitiv sterben, sie erstehen auf, umarmen einander und legen sich eng umschlungen ins Bett. Interpretationsversuch: Der armseligen Frau von heute bleibt nur die Liebe zu sich selbst? Auf die Mitmenschen ist ohnedies kein Verlass? Oder so ähnlich vielleicht.

Wie wenig sich Marthaler um den Dichter und wie sehr um seine Effekte schert, zeigt etwa die Besetzung des 24jährigen „Schupo“ mit einem Herrn aus der Großväter-Generation (Ueli Jäggi), was die ganze Episode einfach grotesk lächerlich macht. Oft bei diesem Regisseur dabei sind Bettina Stucky (hier teilweise auf betrunken machend) und besagte Irm Hermann, die sich eigentlich nicht pervertieren lässt und ein greifbares Frauenschicksal durchzieht. Josef Ostendorf ist der große Sänger im Ensemble, Jean-Pierre Cornu der große Exzentriker, Ulrich Voss, Thomas Wodianka und Clemens Sienknecht am Klavier (und für einen Großteil des effektvollen Musikanteils zuständig) ergänzen. Drei Statistinnen dürfen sich am Ende noch dazu verbeugen, dabei wurden sie doch nur als Wasserleichen hereingeschleppt.

Zur Pause gab es einige Buhrufe. Dann hatten die unzufriedenen Herrschaften offenbar die nervenschonende Idee, nach Hause zu gehen, und am Ende blieben nur die heftig applaudierenden Fans. Wenn diese mir doch verständlich sagen könnten, was da so toll daran war.

Renate Wagner

 

 

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