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Wiener Festwochen: GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD

10.05.2014 | Theater

Festwochen 2014 Signet x

Wiener Festwochen im Volkstheater:
GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD von Ödön von Horváth
Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin
Premiere: 10. Mai 2014 

Früher boten Festwochen-Gastspiele Dinge (vor allem Inszenierungsformen), die man hierzulande (oder genauer: hier in der Stadt) nicht kannte. Heute sind prominente Regisseure so im Reisezirkus unterwegs wie berühmte Sänger. Michael Thalheimer ist in Wien kein Unbekannter, vor knapp drei Monaten sah man im Burgtheater seine Version von Hebbels „Maria Magdalena“. Um nun, angesichts von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin (in den Räumlichkeiten des Volkstheaters) festzustellen, dass das inszenatorische Strickmuster absolut gleich geblieben ist. Welcher Autor auch immer – er wird nach denselben Grundsätzen zugerichtet.

Festwochen Wienerwald x 
Foto: Wiener Festwochen

Das Stück schön filettiert, kein großer Bogen oder dramaturgischer Zusammenhang mehr, sondern einfach Szenen. Diese losgelöst nicht nur aus jedem realistischen Ambiente, sondern auch aus der psychologischen Wahrhaftigkeit der Figuren. Auf leerer Bühne (dass alle Schauspieler immer da sind und an der Wand sitzen, wenn sie nichts zu tun haben, ist ein mittlerweile höchst abgegriffenes Stilmittel – immerhin gibt es im Programmheft keinen Bühnenbildner) agieren die Darsteller auch weniger miteinander, als vordringlich frontal ins Publikum.

Wie sie sich verhalten, was sie sagen, ist in der schrankenlosen Überzeichnung als vordergründiges Gleichnis gemeint – von der Bühne herab wird in den Zuschauerraum hinunter heftig belehrt: Bekommt ihr es auch mit, ihr Holzköpfe? Wie schlecht die Menschen sind, zeigt Thalheimer mit Holzhammer-Methode. Bei dem kaum mehr anwesenden Horvath sah man’s interessanter, subtiler, vielschichtiger.

Die Schauspieler sind allesamt Deutsche, sie sprechen, wie man auf einer Berliner Bühne spricht. Ununterbrochen Johann-Strauß-Klänge machen da noch kein Wien daraus, aber das muss ja nicht sein: Menschliches Elend gibt es überall. Und man will ja immer beweisen, dass große Stücke nicht nur in ihrem jeweiligen Milieu funktionieren. Obwohl man Horváth schon nachdrücklich beraubt, wenn man seine scheinbar sanft-wienerische Hinterfotzigkeit durch den schnarrenden, nicht übertrieben nuancierten deutschen Befehlston ersetzt. Eine Figur wie der „schneidige“ Student Erich mit seinen Nazi-Anklängen geht hier unter, weil er ja genau so ist und spricht wie die anderen…

In der radikalen Verkürzung auf zwei pausenlose Stunden rast die Handlung skelettiert vorbei, alles wird hingestellt, nichts ausgeführt. Es sei denn, der Regisseur denkt sich Mätzchen aus. Oskar, der Fleischhauer, ist eine der drei Figuren, mit den sich Thalheimer wirklich abgegeben hat, die anderen bleiben rudimentär, fallen teilweise fast unter den Tisch. Dieser Oskar (Peter Moltzen) muss nun, um seine Dummheit, Selbstsucht und penible Albernheit auszustellen, einen rund fünfminütigen Slapstick-Akt (er wirkt viel länger) mit einer Bonbonschachtel zeigen, die er endlos erst aus der Jacke zerrt, dann endlos ihre goldenen Bänder entwirrt, die immer an ihm hängen bleiben (so dass er endlos versuchen kann, sie abzuschütteln), die Schachtel aufmachen, selbst ein Bonbon essen, um das Ding dann wieder umständlich, aber letztlich brutal zu entsorgen – sinnloser darstellerischer Selbstzweck, wo sich absichtsvolle „Regie“ schlechtweg als dümmlich entlarvt. Als einzelne Zuschauer das „Kunststück“ beklatschen wollten, gab es so couragierte wie berechtigte Buh-Rufe dagegen.

Oskar, das Fleischhauer-Monster zum ersten. Valerie, die Trafikantin, zum zweiten. Sie musste noch nie so theatralisch agieren wie hier Almut Zilcher, die es virtuos tut, aber in der Gratwanderung von mies und selbst bedauernswert eigentlich nur in der schrillen Miesität hängen bleibt.

Wer ist Alfred in dieser Inszenierung? Andreas Döhler, nicht einmal ein Feschak, ein Garnichts und Garniemand, dem man gar nichts glaubt. Papa Zauberkönig (Michael Gerber) hat den weinerlichen Wienerton des Originals durch preußische Kommandotöne ersetzt und jegliche Vielschichtigkeit verloren. Henning Vogt: ein immer blutbeschmierter Fleischer Havlitschek. Moritz Grove ein kaum vorhandener Student, hier ohne Funktion. Desgleichen Henning Vogt (weil sein Rittmeister für nichts steht), Jürgen Huth (als „Mister“ nicht einmal Staffage) und Georgia Lautner, als Ida immer wieder in den Vordergrund gedrückt, ohne dass man weiß, warum. Draußen in der Wachau glaubt man Katrin Klein, dass Alfreds Mutter Gefühle hat, während die „böse“ Großmutter (Simone von Zglinicki) hier eine lustig tänzelnde Oma ist: Eine von Horváths stärksten Figuren, oft genug unheimlich-dämonisch, ist perdu. Wie so vieles andere auch.

Aber da ist noch Marianne, die dritte Figur, um die sich der Regisseur gekümmert hat: Man muss Michael Thalheimer zugestehen, dass er dieses Geschöpf (von Kürzungen abgesehen) in seinem innersten Wesen nicht angetastet hat. Katrin Wichmann, ein ganz alltäglicher Typ (nicht das feenhafte arme Hascherl, das man oft gesehen hat), hat ungeheure Kraft in ihrem Lebenswillen, Glücksverlangen und Widerstand gegen die Gesellschaft. Umso schmerzlicher, dass sie, die kein Opfer sein will, am Ende doch untergeht. Dafür setzt man ihr auch die Maske aus Pappkarton auf, die die anderen zwischendurch (eher willkürlich) tragen – merk’s, Zuschauer, so uniform ist der Mensch!

Man sollte vieles merken, an diesem Abend, es ist ermüdend, immer für so blöd gehalten zu werden. Irgendwie geben sich diese Regisseure so brutal und rücksichtslos (und das können sie auch – das Handwerk spricht ihnen wirklich niemand ab!), aber letztendlich entpuppen sie stets ihre Oberlehrermanier. Der gewaltsame Abend erntete – wie auch anders – viel Jubel (als ob er etwas zu Horvath beigetragen hätte), aber auch heftige Buh-Rufe: Es war halt wieder eine Inszenierung aus der Regietheater-Konfektion, die heute überall herumhängt…

Renate Wagner

 

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