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Wiener Festwochen: GALEB / DIE MÖWE

30.05.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Wiener Festwochen / Maria Bratos

Wiener Festwochen im Akzent: 
GALEB / DIE MÖWE
Text von Anton Tschechow
Textadaption Bobo Jelčić
Produktion: Nikola Beban, Zagrebačko Kazalište Mladih (ZEKAEM), Zagreb
Premiere: 30. Mai 2015 

Der kroatische Theatermacher Bobo Jelčić, der offenbar ins Visier der Wiener Festwochen geraten ist, ist – nach eigener Aussage im Programmzettel der Festwochen – „kein Liebhaber der Dramatik“, sie ist ihm „nicht aufregend genug“. An sich entwickelt er lieber mit Kollegin Natasa Rajkovic eigene Texte.

Hätte man uns nur ein Beispiel davon nach Wien geschickt, statt Tschechows „Möwe“ aufs grauenvollste zu verballhornen. Sind wir schon so gewöhnt, dass auf unseren Bühnen alles geschüttelt und gerührt werden darf, bis irgendein Faschiertes für den Mistkübel herauskommt, dass allem blind geklatscht wird – und niemand mehr die Verantwortung für einen Meisterdramatiker und ein Meisterwerk empfindet?

Von Anton Tschechows „Möwe“ gibt es in dieser kroatischen Aufführung bestenfalls Bröckchen, und die sind solcherart, dass man das ganze Stück keinesfalls in der Interpretation von Bobo Jelčić und des Zagreb Youth Theatre sehen möchte (auch wenn Kollegen es als „eine der verwirrendsten und schönsten Tschechow-Inszenierungen dieser Tage“ bezeichnen – Geschmäcker und Ohrfeigen…). Was man sieht, ist eine Theaterprobensituation rund um Teile des ersten und des dritten Akts der „Möwe“, wobei von Anfang an auf die primitivste Slapstick-Komödien-Komik gesetzt wird, die sich in endloser Selbstgefälligkeit entfaltet. Ach, wie lustig sind doch die Schauspieler, wenn sie an einem Stück arbeiten! Selbstverständlich wälzen sie sich konvulsisch über alle Möbel, sie haben ja nichts Besseres zu tun…

In der zehnten Reihe war eine männliche Lachtaube postiert. Er lachte von Anfang an, auch als es noch gar nichts zum Lachen gab, bis dann auch andere einsetzten („Ist das lustig? Dürfen wir lachen? Na, dann lachen wir eben“) – so dass man hier einen Lach-Claqueur vermuten kann. Ja, es wird ja eine Menge getan, um „lustig“ zu sein – die vordergründigsten und schlichtesten Albernheiten reichen so weit, sich drei Mann aus dem Publikum zu holen und sie ein paar Fauteuils herumschieben zu lassen; oder dass sich Trigorin plötzlich an das Publikum wendet und es auffordert, seine Erfahrungen mit den Leuten auf der Bühne zu teilen – wolle man vielleicht über Verkehr („Traffic“) diskutieren? Das lachfreudige Publikum wollte nicht, so weit geht es dann doch nicht. Wenn man sich in Zagreb schon auf Tschechows Kosten lustig macht, reicht das als theatralischer Selbstzweck, da kann man das Publikum wenigstens in Ruhe lassen.

Wenn Trigorin in einer der wenigen originalen Szenen, die ausgespielt werden, seiner Arkadina sagt, dass er Nina liebt, legt sie eine Pantomime der Schmerz-Gesten hin (hüpfend, Arme werfend, schmachtend, über Möbel kletternd, sich an die Brust klopfend, inklusive sich in den Teppich zu rollen), dass man Tschechow dafür verflucht, die „Möwe“ eine Komödie genannt zu haben – darauf bezieht sich nun jeder, der zur Verhunzung ansetzt. Übrigens, der Darsteller des Konstantin, der auch eine Art „Regisseur“ des Abends sein soll, kommt am Ende auf die Bühne, alle sind schon bereit für den Schlussapplaus –  da winkt er ab und erklärt, dass er sich jetzt umbringen geht. Soll er.

Sachen gibt’s! Da hat man sechseinhalbstündige, ja, zehneinhalbstündige Theaterabende hinter sich. Nun verspricht einer 80 Minuten. Und – es ist Samstag! Man kann mit dem Auto fahren! Keine Kurzparkzone! (Dafür, die Kurzparkzone bis 22 Uhr verlängert zu haben, möge Maria Vassilakou der ewige Haß sämtlicher Theaterbesucher bis ins Grab verfolgen!)

Also – alles paletti? Mitnichten. Nach den zehneinhalb Stunden der „Apple Family Plays“ ist man im vollen Glücksgefühl aus dem Theater geschwebt. Hier stürmt man nach 80 Minuten mit sagenhafter Wut im Bauch aus dem Haus.

Renate Wagner  

 

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