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Wiener Festwochen: EDWARD II. DIE LIEBE BIN ICH

27.05.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto:  Wiener Festwochen / Schauspielhaus / Alexi Pelekanos

Wiener Festwochen / Schauspielhaus: 
EDWARD II. DIE LIEBE BIN ICH
Text von Ewald Palmetshofer
nach dem Drama Edward II. von Christopher Marlowe
Koproduktion: Wiener
Festwochen, Theater Basel, Schauspielhaus Wien
Premiere: 26. Mai 2015  

Englands Könige erweisen sich auf der Bühne als ganz schöne Ansammlung von schweren Neurotikern bis Psychopathen. Einer, den Shakespeare vergessen hat, kam bei seinem Zeitgenossen Christopher Marlowe an die Reihe, der ja noch radikaler und blutrünstiger war als der berühmtere Kollege: Edward II., der von 1307 bis 1327 regierte und seinen Günstling Gaveston so favorisierte, dass die Adeligen sich gegen ihn erhoben. Auch dass seine eigene Gattin, Isabella von Frankreich, sich mit dem Grafen Roger Mortimer verbündete und Edward grausam töten ließ, steht in den Geschichtsbüchern. Christopher Marlowe hat daraus 1592 eine Blutoper gemacht, die in der Nachwelt ziemlich viel Interesse gefunden hat – zu den Übersetzern zählt u.a. immerhin Bert Brecht.

Die Wiener Festwochen zeigen nun eine neue und recht radikale Bearbeitung des Oberösterreichers Ewald Palmetshofer, der nicht nur die Personenfülle des Stücks auf zehn Figuren (hier für acht Darsteller) reduziert, sondern auch vieles noch verschärft und zugespitzt hat. Er zählt zu jenen österreichischen Autoren, die gewaltig, ja gewaltsam mit der Sprache umgehen. Marlowes weitgehend vorherrschende Blankverse hat er aufgelöst, der Text ist nicht nur sprechbar, sondern ebenso heutig, radikal und schonungslos auch in rebus sexualibus, wobei Palmetshofer noch einen geradezu hymnischen Monolog homosexueller Liebe hinzugefügt hat, erotische Sprache, die mindestens so stark wirkt wie die erotischen Szenen, die man auf der Bühne zu sehen bekommt.

In Wien hat zuletzt Claus Peymann im Februar 1998 diesen „Edward II.“ in einer aufwendigen (und gelungenen) Inszenierung in den Bühnenraum des Kasinos gestellt. Die Tirolerin Nora Schlocker inszenierte diese Koproduktion des Wiener Schauspielhauses und des Theaters Basel für die Wiener Festwochen im Schauspielhaus, in dem Marie Roth eine minimalistische, aber starke Bühnenbildlösung gefunden hat – ein Raum, der ganz in Metallisé schimmert (Kupfer wird es wohl nicht sein), im Grunde nur zwei hohe Stufen, die es erlauben, manches Gleichnis von Aufstieg und Abstieg mühelos körpersprachlich zu setzen. Die Kostüme von Sanna Dembowski sind verfremdete „Theatralik“ (der König ganz in Gold, die Edlen des Reichs einfach in Schwarz, verkürzte historische Andeutungen), und die Inszenierung bietet – und dafür ist man überaus dankbar – in erster Linie des Stück.

Dieses sowohl auf der Basis der Psychologie der Figuren wie in der lehrstückhaft klaren Zeichnung des großen Machtspiels, um das es hier geht, beides durch die Ewald Palmetshofer-Bearbeitung deutlich gemacht. Da ist ein König, der von seinen homosexuellen Begierden so getrieben wird, dass er sie – im Machtrausch dessen, der meint, sich alles erlauben zu können – ohne Rücksicht ausleben will. Da sind Adelige und ein Kirchenmann, die sich schließlich mit Hilfe einer beiseite geschobenen Königin blutig wehren, nicht zuletzt aus standesdünkelhafter Wut darüber, dass der hochmütige Günstling aus den untersten Schichten stammt.

Wie bei Shakespeare fließt noch und noch Blut, die Rache sowohl an Edward wie dann auch an seinen Mördern setzt ein glänzend versinnbildlichtes Rad von Macht und ihrem „staatspolitisch“ in Gang gesetzten Missbrauch in Szene… Und das alles ohne weitere Verrenkungen sondern in einer geraden Umsetzung einer vielschichtigen Geschichte, ohne dass die Regisseurin mit radikaler Überzeichnung auf sich selbst aufmerksam machen würde… Was sie an Sex und Brutalitäten bietet, bleibt sozusagen am unteren Rand des Möglichen.

Simon Zagermann, ganz in Gold, ist der im Grunde „cool“ handelnde König, der einfach seinen Begierden leben will, die die längste Zeit von Thiemo Strutzenberger als Günstling Gaveston verkörpert werden – im grünen Höschen mutwillig, lasziv und verdorben. Bemerkenswert, wie sich Myriam Schröder als Königin vom Opfer zur radikalen Täterin wandelt, entschlossen, die Macht aus der Hand des Günstlings zu reißen und ihren Sohn in die Königsrolle zu zwängen – was sich als einer ihrer großen Irrtümer herausstellt.

Von den Peers des Reiches ragt Thomas Reisinger als öliger Bischof hervor, Michael Wächter und Florian von Manteuffel sowie ein kleiner Junge (war es Rafael Lesage oder Fabian Rihl? Überzeugend jedenfalls) ergänzen.

Es war ein Königsdrama der anderen Art, politisch genug in den aufgezeigten Mechanismen, aber in diesem Fall doch auf sexuelle Besessenheit hinauslaufend, die dann nicht geduldet wird, wenn sie den politischen „Betrieb“ stört. Wobei das gar nicht unbedingt homosexuell sein muss – auch störende Hetero-Leidenschaften wurden in der Geschichte schon „entfernt“ (man denke an Agnes Bernauer).

Und doch – es geht um Mann und Mann. Dass es dennoch kein spekulatives Schwulenstück geworden ist, dankt man dem stark akklamierten Abend zusätzlich.

Renate Wagner

 

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