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Wiener Festwochen: DIE SELBSTMORD SCHWESTERN (Münchner Kammerspiele)

01.06.2018 | KRITIKEN, Theater


Foto: Wiener Festwochen / judith-buss 

Wiener Festwochen / Akzent:
DIE SELBSTMORD SCHWESTERN /
The Virgin Suicides
Von Susanne Kennedy
Nach Motiven des Romans von Jeffrey Eugenides
Gastspiel der Münchner Kammerspiele
Premiere in Wien: 1.Juni 2018

Ich hege einen fürchterlichen Verdacht: Nämlich, dass die Wiener Festwochen  ihre „Fachleute“ aussenden, um sich im deutschen Sprachraum (und wohl auch darüber hinaus – wer die Spesen zahlt, wird nicht diskutiert) Theateraufführungen anzusehen. Wobei der Auftrag dezidiert lautet, das Schrägste auszuwählen, mit dem sicherlich niemand etwas anfangen kann, damit die Zerstörung dessen, was einst als „Wiener Festwochen“ Reputation genoß, mit Sicherheit zügig fortschreiten kann.

„Die Selbstmord-Schwestern“ aus den Münchner Kammerspielen entspricht diesen Vorgaben. Regisseurin Susanne Kennedy, deren Arbeiten, wie man erfährt, „installativen“ Charakter haben, reizt die Möglichkeiten des sinnfreien Agierens bis zum Exzess aus.

Vielleicht sollte man erst sagen, worum es nicht geht. Wenn man den Roman von Jeffrey Eugnides nicht gesehen hat, so hat man als Filmfreund immer noch den Film „The Virgin Suicides“ von Sophia Coppola aus dem Jahr 1999 im Gedächtnis. Dort wird die Geschichte der fünf Schwestern aus einer amerikanischen Vorstadt erzählt. Der Druck durch die Eltern, fünf Teenager, die an ihren Fesseln rütteln. Eine Lösung für das Geheimnis dieser Selbstmorde gibt es nicht, auch die Nachbar-Jungs, die die Mädchen beobachten, begreifen es nicht. Aber man weiß, worum es geht.

Das kann man von der Münchner Aufführung nicht behaupten, so charmant die Chefdramaturgin vor der Vorstellung auch zehn Minuten lang versuchte, alles anzuführen, was einen erwartet: 5 stumme Darsteller in weiblichen Gewändern mit Puppenmasken; Stimmen aus dem Off, entweder verfremdet oder das (auch alberne) Gelabere des LSD-Gurus Timothy Leary (seine Worte kommen aus einem glatzköpfig starren Frauenkopf auf Video); schließlich noch Rituale aus dem Tibetischen Totenbuch.

Ja, Ritual ist das Zauberwort – auf einem Altar liegt eine Leiche. Die fünf Darsteller (Männer, am Ende sieht man sie maskenlos, von ziemlich alt bis sehr alt) schreiten herum. Die grellbunte Szenerie erinnert an Las Vegas, alles blitzt bunt auf, Videos laufen, dazu gibt es Musik, minimalistisch, Geräusche oder Gebrumme. Sinn macht es keine Sekunde lang. Eine Zumutung ist es von der ersten bis zur letzten Minute.

Ich bewundere das Publikum. Da sitzen sie eineinhalb Stunden mucksmäuschenstill und lassen diese Provokation (Wie weit kann man gehen? Offenbar immer noch weiter) über sich ergehen. Am Ende hätten sie immerhin die Möglichkeit, nicht zu klatschen, wenn sie artig sind, oder Unmut zu artikulieren.

Aber nein. Die Menschen, denen man eineinhalb Stunden Lebenszeit gestohlen hat – sie klatschen.

Renate Wagner

 

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