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Wiener Festwochen: DIE BRÜDER KARAMASOW

30.05.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Wiener Festwochen / Thomas Aurin

Wiener Festwochen im „F 23, Zusammenbau“: 
DIE BRÜDER KARAMASOW
Textadaption Frank Castorf nach dem Roman von
Fjodor Dostojewski
Premiere: 29. Mai 2015  

Ort der Handlung: ganz weit draußen, so weit, dass die Festwochen nach Vorstellungsende einen Bus „in die Stadt“ beistellen müssen, denn in die Breitenfurterstraße 176 verirren sich da nur noch Privatautos. Das Objekt mit der absolut seltsamen Bezeichnung „F23, Zusammenbau“ ist ein überaus weitläufiges Fabriksgelände, das bis 2013 die Sargfabrik der Stadt Wien war. Beides – die Weitläufigkeit und der leise Schauer des Ambientes – haben Frank Castorf vermutlich sehr, sehr gut gefallen.

Die Wiener Festwochen sind seit den Anfängen seines Projekts, die großen Romane von Fjodor Dostojewski auf die Bühne zu bringen, Castorfs treuer Begleiter und haben wohl viel Geld zugeschossen, das seinen Volksbühne-Produktionen zugute gekommen ist. Was 1999 begonnen hat, soll nun heuer mit den „Brüder Karamasow“, Dostojewskis 1880 vollendetem Spätwerk,  zu einem Ende kommen. Wenn’s wahr ist… denn an der Geschichte wäre rein handlungsmäßig noch viel zu erzählen.

Nicht, dass es so übertrieben viel Dostojewki gäbe an dem langen Abend, aber das ist man von Castorf ja schon gewohnt. Der Text des Romans ist für ihn eine reine „Spiel“-Vorlage, eine Spielerei-Möglichkeit, der er sich nach Lust und Laune hingibt. Wie immer bei Dostojewki verläuft das Buch auf zwei Ebenen, einer realen und einer spirituellen – während hier das russische Bürgertum in einer Unzahl divergierender und interessanter Figuren (samt kruder Handlung) aufgeblättert wird, ist der Subtext eine religions-philosophische, ethisch-moralische Auseinandersetzung. Es ist sehr viel von Gott die Rede, gibt es ihn oder nicht, welche Folge hat das für die Menschen, wie „frei“ sind sie, sollen und wollen sie sein, was hat es mit dem „Bösen“ auf sich… es gibt dazu berühmte Passagen, aber wenn Castorf den legendären Starez Sossima von einer verhuschten Frau spielen lässt und der Darsteller des Iwan die zentrale Erzählung über den Großinqisitor nur so dahinholpert (zwischendurch mit dem Hinweis, es sei sehr lang, sieben Seiten Text schließlich), wird sich weder Berührtheit noch Nachdenklichkeit des Zuschauers einstellen.

Aber darum geht es Castorf ja nicht wirklich. Allerdings auch nicht um die Geschichte der Karamasows, so dass Zuschauer, die sich in die Vorstellung wagen, ohne den Roman zu kennen, vermutlich vor allem „Bahnhof“ verstehen. Kennt man das Buch, ärgert man sich wieder über die Schlampigkeit, mit der Figuren teils nicht ausgeführt sind, während man schon längst aufgehört hat, sich über die Castorf’sche Spielwiese zu beklagen: Darum macht er es ja, dass er überall seinen privaten Senf dazu geben kann. Dass im heutigen Russland der gute, alte Kommunismus nichts mehr zu vermelden hat, die neuen Nazis hingegen eine Menge, stört ihn so, dass er immer wieder darauf zurückkommt…

Die Bühne in der Fabrikshalle ist eigentlich keine – rechts eine Art Haus bzw. dessen Außenfassade, davor das unvermeidliche Castorf-Wasser, im übrigen zahlreiche Holzverschalungen. Zentrum des Geschehens ist eine riesige Leinwand, und noch nie hat Castorf eine Aufführung dermaßen über Video vermittelt – diesmal sind es geschätzte 90 und mehr Prozent des Abends, die per Wackelkamera zum Zuschauer kommen, während die Darsteller vor der Halle herumrennen oder sich in den Gängen, im Haus oder einem Nebenraum gerieren.

Anfangs akustisch unausgefeilt, auch von gelegentlichem Bildausfall bedroht, gewöhnt man sich ans unruhige Bild und die schreienden Darsteller, weil man sie solcherart einfach groß vor Augen hat. Was ist daran „Theater“? Nun, es ist jedenfalls live, und im Wasser geplanscht wird auch. Es ist der obligate Castorf-Wahnsinn, eine in sich geschlossene, verrückte Welt, auf die man sich einlassen kann oder nicht – der Abend verzeichnete vor allem im zweiten Teil erheblichen Besucherschwund, als es nach Mitternacht immer noch und noch weiterging und manche Zuschauer offenbar die Hoffnung aufgaben, der Abend würde überhaupt je zu Ende sein…

Papa und die drei Brüder Karamasow waren mit Castorfs Kern-Ensemble stark besetzt, an der Spitze wohl Alexander Scheer als der Intellektuelle Iwan, der zu Beginn des zweiten Teils den „Großinquisitor“ in eine vor ihm kniende Kamera schreien musste, dann irgendwie aus der Handlung fiel (Castorfs Dramaturgie in der Umsetzung von Prosa zu Bühne ist diesmal besonders schwach) und am Ende noch in einer irren Szene mit dem Gemälde eines Leichnams im Arm gegen den Teufel kämpfen musste: Da schlug der Irrwitz Purzelbäume, und ein weniger virtuoser Schauspieler als Scheer wäre wohl buchstäblich untergegangen.

Harte, knappe und dabei schrille Bösartigkeit war um Hendrik Arnst als dem alten Karamasow, mehr Hektik als Sinnenhaftigkeit um den Dmitrij des Marc Hosemann. Den Aljoscha hat man sich beim Lesen wahrlich anders vorgestellt als Daniel Zillmann, der dickliche Komiker in manchem deutschen Spielfilm, aber er richtete sich die Rolle ganz und gar auf seine Persönlichkeit zu und reüssierte solcherart.

Nun gibt es bekanntlich noch den Karamasow-Halbbruder Smerdjakow, der – in der Meinung, Iwan einen Gefallen zu tun – den Vater tatsächlich umbringt (wofür ja dann Dmitrij vor Gericht kommt – allerdings nicht an diesem Abend, so weit hat es Castorf bei aller Weitschweifigkeit nicht gebracht). Als man den Namen Sophie Rois in der Besetzungsliste las, lag nahe, in ihr die Gruschenka des Abends zu vermuten. Mitnichten, und sie spielte auch keine der breit ausgemalten anderen Frauenrollen des Abends. Sie gab Smerdjakow mit faktisch nur zwei großen Szenen, wobei die Figur so fragmentarisch nachgezeichnet wurde, dass man sie in ihrer Funktion kaum begriff und auch Sophie Rois nichts retten konnte. Ist sie Castorf-müde, nur noch Pollesch-willig? Sieht man zu, was ihre Kolleginnen leisten mussten, kann man sich allerdings vorstellen, dass man nach Jahrzehnten treuer Dienste solcher Anstrengungen müde ist…

Denn die Endlos-Monologe, die Wahnsinnsaktionen, die groteske Pervertierung jedes „Echtmenschentums“, wie es etwa Kathrin Angerer als Gruschenka oder Margarita Breitkreiz als humpelnde Lisaweta boten, fast gleichwertig gefolgt von Lilith Stangenberg und Jeanne Balibar (u.a. als Starez Sossima [!!!] und Lisas Mutter), war schon außerordentlich, sowohl von der technischen wie intellektuellen Leistung. Messerscharf kam der grimassierende Rakitin des Patrick Güldenberg einher, und von den vielen Geistlichen blieb Vater Ferapont (unliebenswürdig: Frank Büttner) übrig.

Dass Castorfs Schauspieler noch mehr geben müssen als ihre Kollegen, ist bekannt, und sei es nur, dass sie im Schwung des Live-Theaters auch immer noch zu wissen haben, wo die Kameras stehen. Dass das Ensemble, zu dem sich der Regisseur einmal mit – wie es schien – schlecht gelaunter Miene hinzugesellte, viel Beifall erhielt, verstand sich angesichts ihrer Leistungen von selbst (so sehr die ewigen Wiederholungen, die ein selbstverliebter Regisseur ihnen auferlegte, auch an den Nerven scheuerten).

Die Aufführung in Wien begann mit zehnminütiger Verspätung um 18,10 Uhr und endete (bei nur einer Pause!) um 0,40 Uhr. Akkurat sechseinhalb Stunden hatte Castorf für seine „Karamasow“-Umetzung gebraucht und ist dabei gerade bis zur Hälfte gekommen (die ganze Prozeß-Geschichte ist ausgespart). Nun ist ja nur zu hoffen, dass er nicht meint, den Rest noch einmal so lang erzählen zu müssen. Schon 2005, nach „Schuld und Sühne“, schrieb Ulrich Weinzierl, wohl wissend, was Castorf noch vor hatte: „Gott schütze die ‚Brüder Karamasow’.“ Nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung.

Renate Wagner

 

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