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Wiener Festwochen: DER FALL ŠVEJK

12.06.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Wiener Festwochen / Jan Dvorak

Wiener Festwochen / MuseumsQuartier: 
DER FALL ŠVEJK
Von Dušan David Pařízek nach Jaroslav Hašek
Koproduktion Wiener
Festwochen, Studio Hrdinů, Prag, Theater Bremen
Uraufführung: 11. Juni 2015 

Natürlich ist es eine Art Etikettenschwindel, mit Schwejk zu locken und ihn dann nicht selbst auf die Bühne zu bringen. Man möchte nicht wissen, wie viele Zuschauer dieses  Gastspiel aus Prag (das offenbar seine Uraufführung an die Wiener Festwochen gab) nur besucht haben, um eine tschechische Fritz-Muliar-Variante zu erleben. Andererseits sind Festwochen, und die Programmierer haben mehr als einmal bewiesen, dass von ihnen scharfe Kost zu erwarten ist.

Also gibt es in diesem Fall die denkbar härteste, über weite Strecken menschlich schier unerträgliche politische Lehrstunde über Nationalismus, gezeigt an den Deutschen, Tschechen und Ungarn der Monarchie, ganz deutlich auf uns und unseren heutigen Nationalismus gezielt, wobei keiner der einzige „Böse“ und die anderen die Opfer sind, im Gegenteil – das funktioniert in jede Richtung, und wenn’s nur Animosität wäre, könnte man damit leben. Aber was Dušan David Pařízek in seiner Paraphrase nach Elementen des „Schwejk“-Romans von Jaroslav Hašek auf die Bühne bringt, ist die bis zum Exzess ausgereizte Gemeinheit von allen gegen alle… In einer mit Akten verhangenen Szene inszenierte Pařízek seine Uraufführung selbst.

Der Fall Schwejk soll vor einem Militärgericht in Wien verhandelt werden. General Fink gibt sich als Übermensch, der seinen brutalen Sadismus und Psychoterror gegen alle richtet – erst gegen den armen Assistenten Kadett Biegler, den er lustvoll drangsaliert und demütigt, dann gegen die ankommenden Tschechen, während er angesichts eines tobenden Ungarn schon resigniert…

Aber da sind keine armen Hascherln dabei: Der Biegler zeigt, dass er schnell lernt und genau so brutal und gehässig sein kann wie die anderen, aber die heruntergemachten  Tschechen höhnen zurück, dass die Psychoschlacht (meist bei Über-Lautstärke) nur so tobt, und der Ungar spielt im allgemeinen Spiel der gegenseitigen Verachtung und versuchten Erniedrigung voll mit…

Das ist als Gleichnis allerdings so direkt und platt, dass es trotz vieler eingebauter Wahnsinns-Komik-Szenen bald langweilig wird. Doch es dauert immerhin zwei Stunden, bis die Tschechin und der Ungar angesichts erotischer Anziehung die gegenseitige Abneigung beiseite lassen, man schmust und tanzt und musiziert, und wenn die Gulaschkanone auf die  Bühne gefahren wird, lädt man das Publikum ein, sich auch einen Teller zu holen – Mulatschak, alles nicht so ernst gemeint? Ein Teil der Zuschauer nimmt an, ein anderer Teil (vermutlich die sensibleren, denen auch bei der Karacho-Komik nicht zum Lachen war) flüchtet…

Immerhin, die Darsteller sind hervorragend, und dankenswerterweise gibt es ausreichend Deutsch an diesem Abend, dass Tschechisch und Ungarisch gewissermaßen nur als folkloristische Tupfer eingesetzt werden. Für die „Deutschen“ hat man sich zwei Oberösterreicher geholt, die am Theater in Bremen engagiert sind: Martin Baum, ein General von schneidend-widerlicher Gemeinheit, Peter Fasching, der kleine Mann, der ganz fies zurückschlagen kann.

Als einzige Dame (hat es in der Österreichisch-Ungarischen Armee weibliche Offiziere gegeben, wie hier unterstellt wird? Wohl kaum) bietet Ivana Uhlířová Nationalismus, unterdrückte Wut und am Ende unbändige Weiblichkeit. Jiří Černý und Vladimír Javorský zischen ihre Bosheiten auf Tschechisch, wenn sie nicht Deutsch radebrechen, Gábor Biedermann tobt auf Ungarisch und liefert das volle Klischee seiner Nationalität ab.

Am Ende waren die einen so mit dem Gulasch, die anderen mit dem Flüchten beschäftigt, dass es gar keinen Applaus gab. Gut, ein politisches Holzhammer-Lehrstück war’s. Aber davon gibt es so viele.

Renate Wagner

 

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