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Wiener Festwochen: BÖSE BUBEN / FIESE MÄNNER

05.06.2012 | Allgemein, Theater

Wiener Festwochen im Akzent: 
BÖSE BUBEN / FIESE MÄNNER.
Ein Projekt von Ulrich Seidl
Auftragswerk  
KOPRODUKTION Wiener Festwochen, Münchner Kammerspiele
Uraufführung: 5. Juni 2012  

Man hätte von Ulrich Seidl alles erwartet: hardcore Provokation, schonungslose Schweinereien, Peinlichkeiten, um sich darunter zu winden. Nur eines nicht, und das ist das einzige, was man an diesem Festwochenabend von ihm bekommt: grenzenlose Langweile.

Sein Projekt „Böse Buben / Fiese Männer“, Schauspiel genannt, ein Auftragswerk der Festwochen und der Münchner Kammerspiele (die sich da einen enormen Flop ins Haus holen), basiert auf den Texten „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ von David Foster Wallace (im Zusammenhang mit ihm fallen meist die Bezeichnungen „Kultautor“ und „postmodern“) und dem Ensemble, wobei Seidl, wenn überhaupt, René Rupnik eine Menge verdankt.

Autor / Regisseur Seidl, mit Ruhm bekränzt aus Cannes gekommen, wo er in seinem Film „Paradies: Liebe“ weiße Sextouristinnen in Kenia mit schönen schwarzen Männern zeigt, versprach Einblicke in die männliche Sexualität. Was er lieferte, war bestenfalls der peinliche Versuch, sich à la Marthaler zu gerieren (dessen „Stunde Null“ lässt vielfach grüßen). Welch schäbige Kopie.

Acht kleine Weißerlein hätten auf der Bühne stehen sollen, die Festwochen führten noch Paulus Manker in der Besetzungsliste, aber wo böse Buben wie Manker und Seidl zusammen stoßen, da ist nur für einen Platz, und das war in diesem Fall der Autor / Regisseur: Kurz, da sind es nur noch sieben, und auch sie sind mehr als genug (zu viel, überflüssig) – ausgesuchte Jammergestalten, als solche vorgeführt und ausgestellt. Aber mit minimalem Aussagewert. Tatsächlich stört an diesem Abend am meisten, dass nichts, was da – ohne Theaterverstand übrigens – geboten wird, auch nur im geringsten über ausgelutschte Selbstverständlichkeiten hinaus erkenntnisträchtig ist.

Die Bühne von Duri Bischoff stellt als Betonkeller lebloser Art einen typischen Marthaler-Raum dar, ob Kostümbildnerin Sara Schwartz auch dafür zuständig ist, dass die Herren die Hosen runterlassen, wer weiß – zumindest René Rupnik zeigt schamlos seine Kronjuwelen, an denen natürlich nicht so viel dran ist.

Zu welchem Zweck sich diese Männer in diesem Keller versammeln, wird nie kund getan oder klar gemacht. Ihre Texte sind Solostückchen, die in den Zuschauerraum gesprochen werden. Wenn sie miteinander „kommunizieren“, dann mittels von kollektiven Ritualen, die entsprechend uninteressant sind – bis auf die Unterhose ausziehen, wieder anziehen, im Marschschritt herumstapfen, im Ruderleiberl Muskeln zeigen, sich immer wieder an den Schritt greifen. Wer sie sind, was sie hier tun und wollen, ist besonders fragwürdig, weil sie eigentlich nichts Besonderes zu sagen haben. Aber dafür singen sie – Marthaler! – bei jeder Gelegenheit, nicht nur Schubert, auch „Ich hatt’ einen Kameraden“. Keine Angst, es bedeutet nichts.

Nehmen wir den schon erwähnten René Rupnik aus den erwähnten Belanglosigkeiten deshalb aus, weil der alte Mann – ganz er selbst ist. Schamlos und gewissermaßen quietschvergnügt. Seidl hat diesem Sexmaniac und Busenfetischisten schon 1997 den Dokumentarfilm „Der Busenfreund“ gewidmet. Nun ist er – nebenbei auch im Privatleben „Messie“, der sich im Lauf des Abends in Pornozeitschriften einbunkern darf –  die einzige authentisch wirkende Figur. Er redet auch zweifellos seinen eigenen Text. Seidl, der sich immer auch kokett als „Sozialpornograph“ bezeichnet, hat hier den genuinen Darsteller gefunden. Bloß – ganz ehrlich, wen interessiert es?

Aber gehen die Texte des berühmten Amerikaners tiefer, zudem sie von Seidl als Regisseur nicht gestaltet werden, sondern nur aufgesagt werden dürfen (und das mit unterschiedlichem Talent)? Da ist der Mann mit dem Stummelarm (der immer skurrile, nachdrückliche Lars Rudolph), der zynisch erzählt, wie er diese Behinderung kalkuliert einsetzt, um Frauen aufzureißen – und meist reüssiert.

Da ist primitive Genussspecht (Georg Friedrich, der vermutlich meist beschäftigte Darsteller des österreichischen Films), der berichtet, wie er Frauen an Bettpfosten anbindet und ihre Reaktionen auf seine Bondage-Spielchen genießt.

Da ist der Kümmerliche (Michael Tregor), der von Versagensängsten berichtet, und der Primitive (Michael Thomas), der zwanghaft beim Ejakulieren irgendetwas vom Sieg der sozialistischen Partei herausschreit.

Nabil Saleh gibt den Ägypter, der nur nach Österreich gekommen ist, weil er hier ausreichend Frauen für seine Lüste vorfindet. Da versucht Seidl dann einen „politisch korrekten“ Schwenk – selbstverständlich muss der „Ausländer“ von den „Einheimischen“ beschimpft, gerempelt, schließlich in einen Müllsack gesteckt werden, was er mit empörten Gesängen in seiner Muttersprache beantwortet. Wenig später ist der Ägypter aber wieder da, als wäre nichts geschehen – eine „Nummer“ im Geschehen, ohne weitere Bedeutung.

Wolfgang Pregler, auch er (wie Rudolph und Tregor) von den Münchner Kammerspielen beigestellt, ist dann mit dem Schlussmonolog an der Reihe, der schrecklich böse und hintergründig gemeint ist und nur wie flaches Gelabere rüberkommt: Hätte Viktor Frankl nicht vier Konzentrationslager überlebt, er hätte seine großartigen Erkenntnisse nicht gewinnen können, nicht wahr? Und vielleicht geht eine Frau, die gedemütigt, vergewaltigt und lebenslang körperlich geschädigt wurde, aus dieser Erfahrung auch – na, sagen wir, irgendwie bereichert vor? Sicher, die geistige Perversion dieser Argumentation ist gewaltig, zumal, wenn sie ein schlichter Durchschnittstyp vorträgt, der bisher an diesem Abend vor allem als Sänger gewirkt hat. Aber wenn er sich setzt, dann brechen alle Beteiligten nach und nach in Lachen aus. Und nein, auch das greift nicht. Nach zweidreiviertel Stunden will sich die Gänsehaut über die Schrecklichkeit des Menschen nicht einstellen.

Was lernen wir aus all dem? Seidl, der Mann, der im Kino die Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch auszieht und den Besuchern seiner Filme schon manchen Schauder tieferer Erkenntnis geliefert hat, hat vom Theater, wie dieser Abend zeigt, keine Ahnung.

Das erste, was nach dem Ende erklang, war ein empörter Buh-Ruf. Die Buhs übertönten schüchterne Bravos bei weitem, und Ulrich Seidl konnte sich bei seinem Erscheinen an keinerlei überzeugendem Zuspruch zu seiner missglückten Arbeit freuen.

Im Gegenteil: Schon während der Vorstellung setzte – ohne Übertreibung – eine wahre Völkerwanderung ein. Dutzende und Dutzende Zuschauer verließen nach der ersten Stunde das Theater. Nicht, weil sie empört oder geschockt gewesen wären, sondern schlicht und einfach aus Langeweile.

Alles in allem: Man kann derzeit keine öderen, leereren zweidreiviertel Stunden in einem Theater verbringen. Man muss es als Hauptresümee nochmals sagen: Es ist einfach stinklangweilig.

Renate Wagner

 

 

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