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WIEN/Amtshaus Döbling: DER LIEBESTRANK – in Wien getrunken

06.06.2012 | KRITIKEN, Oper

Wien / Amtshaus Döbling: DER LIEBESTRANK in Wien getrunken, Premiere am 5.6.2012


Foto: Danuta Butler

 Das war ein Opernabend der besonderen Art, einer ganz und gar anderen als gewohnt, aber sehr gelungen! Der Wiener Kulturverein Passion Artists präsentierte im Rahmen des Passion Opera Festivals 2012 eine Opernveranstaltung „auf wienerisch erzählt“, zum Mitsingen und Mittanzen, mit dem Ensemble der Passion Artists und dem Klein Wien Trio, bestehend aus einem Pianisten (Jacek Obstarczyk) und zwei Geigern (Jacek Stolarczyk und Krzysztof Kokoszewski). Der Zweck des Vereins ist es, klassische Musik (insbesondere Oper und Operette) zu fördern und einem breiten Publikum einen niederschwelligen
Zugang zu Events der Hochkultur zu ermöglichen. Der Verein will seine Musik zu den Menschen bringen und nicht umgekehrt. Das ist die Ausgangsidee für seine Bezirkstourneen. Dieser Abend fand im Amtshaus Döbling statt, und noch im Juni sind sechs weitere in anderen Wiener Gemeindebezirken geplant. Das Publikum ist immer aktiver Teil der Aufführung, wofür die Intendantin und Obfrau des Vereins Sabina Zapior charmant engagiert und kontinuierlich sorgt. Sie stammt aus Warschau, wo sie an der Frederick Chopin Musikakademie 2007 ihren Magister in Gesang bekam, ist Absolventin der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und lebt seit sieben Jahren in der Stadt. Sie hat die Passion Artists gegründet. Mittlerweile hat der Verein über 152 Konzert- und Opernaufführungen in Österreich und Polen absolviert und sieht in diesem Juni freudig seinem 3. Geburtstag entgegen. Er soll mit „La traviata“ von G. Verdi am 19. Juni im Bezirksamt Wieden begangen werden.

Der Verein kümmert sich um junge Künstler, die in Österreich leben – begabte, oft bereits mit vielen Preisen ausgestattete Sänger und Sängerinnen sowie Musiker und Musikerinnen, die aus den verschiedensten Länder stammen und momentan in Österreich studieren oder arbeiten. Es sind überwiegend Studierende und Absolventen von in- und ausländischen Musikuniversitäten und Hochschulen. Jedes Jahr im März organisiert der Verein ein offenes Vorsingen und besetzt danach Projekte für die kommende Saison. Auf diese Weise unterstützt er die jungen KünstlerInnen und gibt ihnen die Möglichkeit, sich vor einem Publikum zu präsentieren und dabei praktische Bühnenerfahrung zu sammeln. Nach der Philosophie „Teilnahme an großer Kunst auf hohem künstlerischem Niveau für alle Menschen“ ist bei freiem Eintritt eine Spende für die Vereinstätigkeiten erwünscht.

An diesem ersten Abend des Festivals 2012 gab es den „Liebestrank“ von G. Donizetti, freilich nach der Version und damit Inszenierung des Vereins „in Wien getrunken“. Mit wenigen szenischen Mitteln spielt man nach der Idee und Regie von Sabina Zapior unter der musikalischen Leitung von Jacek Obstarczyk und nach Texten des Regieassistenten Arno Aschauer die Liebesgeschichte von Adina und Nemorino in einem Wiener Heurigen, der sich in einem Saal im Erdgeschoss des Amtshauses Döbling etabliert hat, und erzählt den „Liebestrank“, eben auf wienerisch. Die Zuschauer sitzen um das Geschehen herum und werden eifrig zum Mitmachen motiviert – mit Erfolg. Treibende Kraft des Ganzen ist Sabina Zapior, die natürlich die Adina singt und spielt – als Kellnerin des Heurigen, in den eine Reihe männlicher Verehrer nicht nur zum Wein trinken kommt… Ein lustiges Treiben beginnt, in dem auch aufgrund der kompetenten musikalischen Untermalung durch das Klein Wien Trio die Oper aufgelockert zu erleben und noch mehr zu hören ist. Zapior verfügt über einen kräftigen und höhensicheren jugendlich dramatischen und gut geführten Koloratur-Sopran, den sie mit einer einnehmenden Bühnenpräsenz kombiniert. Da sitzt jede Geste, passt der schalkhafte Blick zu Intrige und Humor der Handlung, kommt ein gehöriges Maß an Ironie im emphatischen Spiel zum Ausdruck. Und das alles wirkt dann auch sehr professionell. Der bulgarische Tenor Hristofor Yonov, Absolvent der Musikhochschule in Sofia und des Konservatoriums in Wien, singt und spielt den Nemorino engagiert mit einem für diese Belcanto-Rolle vielleicht zu kräftigen Tenor, den er noch nicht immer sauber führt. Aber er hat nach nur vier Wochen Probenzeit, die für das gesamte Ensemble gilt, die Rolle zum ersten Mal gesungen, kann an der Feinabstimmung also weiter arbeiten. Jakob Pesendorfer aus Graz, der neben seiner beruflichen Tätigkeit als Architekt und Projektentwickler in Wien und St. Petersburg Gesang in der Opernklasse am Prayner-Konservatorium in Wien studiert, verleiht dem Dulcamara seinen ausgezeichneten, intonationssicheren und klangvollen Bass. Der Japaner Koichi Okugawa, Absolvent der Osaka University of Arts und ebenfalls Student am Prayner-Konservatorium, singt den Belcore mit seinem guten, aber insbesondere in der Diktion noch ausbaufähigen Bariton. Die Rolle der Gianetta hat Sabina Zapior unter zwei sehr guten Sopranistinnen aufgeteilt, um mehr Möglichkeiten für dann gut gelingende Intrigen zu schaffen. Magdalena Kaleta aus Polen absolvierte an der Musikhochschule in Bromberg sowie ein Postgraduierten-Gesangsstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Die Japanerin Shiho Mitzoguchi, Absolventin der Universität der Künste in Kyoto, studiert derzeit ebenfalls am Prayner Konservatorium in Wien. Beide warten mit farbigen Stimmen auf und mischen engagiert im Techtelmechtel um Adina und Nemorino mit. Arno Aschauer mimt als Eduard ‚Edi’ Hölzel den amüsanten Erzähler. Die Kostüme und Maske sind witzig und meist geschmackvoll. Die Personenregie ist fantasievoll und lässt nie Langeweile aufkommen, ganz anders als im Lepage-„Ring“ in New York (siehe weiter unten)…

Der Verein Passion Artists ist mit diesem Ensemble ganz offenbar auf dem richtigen Weg. Weitere Aufführungen: „Der Liebestrank“: 14.6. Rathaus Währing; 23.6. Bezirksmuseum Floridsdorf; 26.6. Amtshaus Landstrasse. „La traviata“: 19.6. Bezirksamt Wieden und 21.6. Rathaus Leopoldstadt, immer um 19 Uhr.

(Fotos in der Bildergalerie im Album Diverses 1)

 Klaus Billand

 

 

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