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WIEN / Volx/Margareten: ISABELLE H. (GEOPFERT WIRD IMMER)

13.03.2016 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Volkstheater /  Polster


WIEN / Volx/Margareten:
ISABELLE H. (GEOPFERT WIRD IMMER) von Thomas Köck
Festival: Neues Wiener Volkstheater
Österreichische Erstaufführung
Koproduktion mit dem Max Reinhardt Seminar
Premiere: 12. März 2016
Besucht wurde die Voraufführung

Zwei Premieren in einer Woche – man wüsste nicht, welchem Autor das in Wien zuletzt gelungen ist, keinem Toten und schon gar keinem Lebenden. Thomas Köck hat es geschafft – nur wenige Tage, nachdem sein Stück „Jenseits von Fukuyama“ in der Drachengasse herauskam, griff das Volkstheater nach „Isabelle H. (geopfert wird immer)“. Gespielt wird im Volx/Margareten, dem Alternativ-Keller des Hauses, und bis sich ein Publikum großer Bühnen an den rabiaten Oberösterreicher gewöhnt – da wird wohl noch ein bisschen Zeit vergehen.

Seine Themen sind von hier und heute, er behandelt sie ebenso engagiert wie wortgewaltig, hat die zynische Attacke zur Verfügung wie einst Thomas Bernhard, nur dass er sich nicht mehr mit der Psychologie des Homo Austriacus allein befasst, sondern einen größeren Rahmen sieht. Im Moment behandelt er das große Problem, dass man hierzulande in seinem grünen, wohl umzäunten Garten sitzt und Angst hat, dass die „Wüste“ immer näher rückt. Die Wüste, das sind die, die da unaufhaltsam kommen…

Man kann Köck nicht vorwerfen: „Schon wieder die Flüchtlinge“, denn so oft waren die noch nicht auf unseren Bühnen. Außerdem sieht er ohnedies grimmig-attackierend und doch ironisch, wie sie herumgeschleppt und herumgeschoben werden – von einem Bus in den nächsten, von einer Grenze zur nächsten, von einem Theaterstück zum nächsten. Hier sind die Flüchtlinge da– in Gestalt einer rabiaten jungen Frau, die sich gelegentlich Isabelle Huppert nennt und die Opfer-Rolle verweigert (auf die Gefahr, gleich zur Terroristin gestempelt zu werden). Und da ist ein junger, aus Afghanistan heimgekehrter Soldat mit Helfersyndrom, der sich ihrer annimmt, was zu einer irren Bonnie and Clyde-Situation führt. Und schließlich sind da die „anderen“, die Ärzte und Einsatzkräfte, die nicht wissen, wie sie mit dem Problem umgehen sollen…

Da kreist Köck die Flüchtlings- und die Rückkehrer-Frage nicht nur intelligent, sondern auch absolut unkonventionell und immer wieder irre komisch ein. Mit vielen Wiederholungen, die dann möglicherweise unökonomisch wirken, und sehr „verspielt“ – schon zu Beginn des Abends erlebt man den Autor selbst per Video, Theater- und Publikums-beschimpfend.

Und die arme Isabelle Huppert missbrauchend. Immer wieder wird sie (in ihrem peinlich schlechten Englisch) als Interviewte in die Geschichte „hinein geschnitten“, obwohl man sie eigentlich wirklich nicht braucht: Von den vielen Ebenen, zwischen denen Köck ununterbrochen changiert, ist die Huppert-Ebene jene, die am wenigsten für die Geschichte hergibt. Eigentlich ist das ein ärgerliches Element: „Isabelle H.“ – Köck ist bewandert, er weiß schon, dass diese Huppert einmal einen Film gedreht hat, der „Adele H.“ hieß (damals ging es um die Tochter von Victor Hugo), aber was soll dieser Bezug? Und warum muss er die arme Frau schlechtweg lächerlich machen, indem er ihre Aussagen (über die vielen Ebenen zwischen Akteur und Schauspiel) eigentlich wie Blödsinn klingen lässt? Nein, das funktioniert nicht so, wie er es sich vorstellt.

Auch die Flüchtlingsfrau wird nicht wirklich klar, bietet mehr Aggression als Nachvollziehbares. Es ist der Soldat, der den Daheimgebliebenen seine Erfahrungen und die Leiden, die sie von ihm erwarten, so gar nicht vorspielen will, der zur stärksten Figur der schwankenden Geschichte wird.

Aber eine über weite Strecken starke Geschichte ist es immer noch, und im Gegensatz zu dem schrecklich „ver-inszenierten“ Abend in der Drachengasse hat Thomas Köck im Volkstheater einen Regisseur gefunden, der erfolgreich Klarheit in das manchmal wüste Hin und Her des Autors bringt: Felix Hafner fordert dabei vier junge Schauspieler (die Aufführung entstand als Koproduktion mit dem Max Reinhardt Seminar) aufs äußerste.

Und sie erbringen exzeptionelle Leistungen im Dienst des Autors: Katharina Klar, die Wütende, Christoph Rothenbuchner, der über das ihm aufgedrückte Soldatenklischee Verärgerte, dazu Okan Cömert und Max Gindorff als mal bemühte, mal bösartige, selten erfolgreiche Mitwelt, die das Problem an den Kopf geworfen erhält wie der Theaterbesucher auch. Probleme, die wir doch alle – und das macht Köck uns so klar – gar nicht wollen… und das sagt er uns deutlich. Dieser Autor versteht, sich Gehör zu verschaffen.

Renate Wagner

 

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