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WIEN / Volx: HEIMWÄRTS

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© Alexi Pelekanos / Volkstheater

WIEN / Volkstheater im Volx/Margareten:
HEIMWÄRTS von Ibrahim Amir
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 5. Jänner 2018

Worüber darf man lachen? Nun, wie wir wissen: Über alles, es geht schließlich um die Freiheit der Kunst. (Natürlich in den Grenzen der Politischen Korrektheit – man versuche einmal, über „#metoo“ zu lachen…) Migranten der ersten Stunde, die in ihren Heimatländern begraben werden wollen, als „tote Onkel“ quietschlebendig über die Bühne gezerrt – das geht? Natürlich, wenn es ein Betroffener und nicht ein Außenstehender so sieht. Ibrahim Amir hat schon Ehrenmorde verjuxt und sich mit wenigen Stücken  bereits sein ganz eigenes, provokantes Image aufgebaut. Und das ist bekanntlich wichtig in der Theaterlandschaft…

Amir, Jahrgang 1984, geboren in Aleppo, Kurde aus Syrien, lebt seit 2002 in Wien, promovierte hier zum Doktor der Medizin und übte den Beruf auch aus, will sich aber künftig vor allem dem Schreiben widmen, da er auf deutschen Bühnen fraglos sehr erfolgreich ist. Allerdings wurde er am bekanntesten durch den Wirbel, den das Volkstheater mit dem Entschluss erzeugte, sein Stück „Homohalal“ nicht zu spielen, um keine falsche Signale zu setzen. Nun, im Moment ist ja alles mehr als gut – das Volkstheater zeigt im Nebenraum Volx die österreichische Erstaufführung von „Heimwärts“ (vor einem Monat mit gemischten Kritiken in Köln uraufgeführt), und „Homohalal“ kommt (nach der Uraufführung in Dresden) in kurzer Zeit, am 18. Jänner, im WERK X heraus.

Ein älterer Herr im bunten Schlafrock sitzt auf einer Bank, im Radio wird von der Aufarbeitung der Ermordung der Armenier berichtet (wenn es die Türken nicht tun, müssen es die Deutschen sein, weil das Deutsche Kaiserreich ja im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet war), dann erklingt schmalzig-schmelzend „Edelweiß“… und der alte Herr beginnt zu deklamieren. Man versteht natürlich kein Wort, er ist Kurde, wer kann schon kurdisch?

Dann steigt man ins Geschehen ein – dieser Hussein, Onkel des jugendlichen Helden Khaled (Amir erzählt eine Geschichte, wie sie in ihren Grundzügen in seiner eigenen Familie vorgekommen ist), ist zwar seit Jahrzehnten  in Wien verwurzelt und begnügt sich im allgemeinen damit, unaufhörlich dieselben Geschichten aus seinem früheren Leben in Syrien zu erzählen, spürt aber doch sein Ende nahen und möchte in die Heimat zurückkehren: Wieder einmal eine sehr schöne Rolle für Günter Franzmeier, der in der Wiener Fassung auch als „toter Onkel“ noch sehr lebendig ist, desgleichen für Kaspar Locher als Khaled, der sich allerdings nur zu Beginn kabarettistisch in allerlei Dialekten austoben kann, dann aber gänzlich ins Hintertreffen gerät.

Den schnell beginnt das totale Chaos, wobei man nicht genau weiß, ob man dies in erster Linie  dem Stück zuschreiben muss oder Regisseurin Pınar Karabulut, die es liebt, ihre Protagonisten brüllen zu lassen und herum zu hetzen und jede Klarheit restlos zu beseitigen – oder der Tatsache, dass über weite Passagen nur Türkisch besprochen wird und man dies ja nicht unbedingt bei jedem Zuschauer voraussetzen kann.

Auch gibt es – außer für Hussein und Khaled – keinerlei psychologischen Hintergrund für irgendeine Figur: Was soll die „Transe“ im gelben Kleid (Isabella Knöll), sie ist so funktionslos wie der türkisch-österreichische Arzt (Günther Wiederschwinger), die als sinnlose Begleiter durch den Balkan fungieren, damit unsere beiden Helden an der Grenze dann auf zwei Türken auffahren: erst spielt ein Beamter (Oktay Güneş) Psychoterror, dann ein gewisser Bekir (aufschäumend: Sebastian Pass), der als Erdogan-Anhänger seine satirische Polit-Funktion ausstellt, dessen seltsames Ende aber nur behauptet, weder motiviert noch gespielt wird…

Am Ende hält man sich an Erkenntnisbrocken über das Leben der Migranten anderswo, aber diese sind dürftig. Ein Theaterstück ist es nicht geworden. Und die Direktion, die sich so viel Mühe macht, im Haupthaus Übertitel für polnische oder arabische Zuschauer beizustellen, auch wenn möglicherweise nur eine Handvoll davon im Zuschauerraum sitzt, könnte im Volx vielleicht an ihr ganz normales, heimisches, Deutsch sprechendes Publikum denken und die endlosen, unverständlichen türkischen Passagen hilfreich übersetzen? Vielleicht käme man dann auch dem „Stück“ näher? Vielleicht aber auch nicht…

Renate Wagner