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WIEN / Volx: ANDERTHALB STUNDEN ZU SPÄT

Anderthalb-Stunden- Tidvh
© Helmut Pokornig

WIEN / Volkstheater im Volx/Margareten / Aufführung für die Bezirke:
ANDERTHALB STUNDEN ZU SPÄT von Gérald Sibleyras
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 2.Februar 2018

Es gibt Situationen, bei denen kann man tatsächlich depressiv werden. Wenn der jüngste Sohn jetzt auch ausgezogen ist; wenn einen die ungeliebte Schwiegertochter erstmals zur Großmutter gemacht hat; wenn man zu einer Einladung gehen soll, die Frau dort nicht leiden kann und absolut keine Lust auf Smalltalk hat. Kurz, Laurence protestiert. Sie will nicht ausgehen, sondern daheim bleiben. Und vor allem will sie reden.

Und ihr Mann Pierre sagt nicht, wie neun von zehn Ehemännern es tun würden, sie solle sich nicht so anstellen und sich endlich in Bewegung setzen, sondern er ist ein „neuer Mann“, der auf die Probleme seiner Frau eingeht. Und wenn ihr danach ist, das ganze gemeinsame Leben vorwurfsvoll aufzuarbeiten – na, dann hat man ein knapp eineinhalbstündiges, nicht sehr griffiges Zwei-Personen-Stück vor sich, das Boulevard-Zuschnitt anstrebt.

„Anderthalb Stunden zu spät“ von Gérald Sibleyras wird nun als Außenbezirksvorstellung des Volkstheaters herumreisen und erlebte als Premiere im Volx seine Österreichische Erstaufführung. Die Ehefrau fühlt das Alter kommen und dreht durch, der Ehemann – obzwar auch am Rande der Pensionierung – sieht weniger Probleme, die Diskussion gerät vom Hundertsten ins Tausendste und hat nur einen elementaren Fehler: wirklich interessant wird sie nie.

Anderthalb-Stunden-zu-spät die zwei

Man könnte das leichtfüßiger und pointierter spielen, als es hier unter der Regie von Aurelina Bücher geschieht (die französische Namen belässt, das Ganze aber angeblich in Wien spielen lässt) – als die Kammerspiele noch die klassischen Kammerspiele mit den klassischen Josefstädter Schauspielern waren, wäre dergleichen bestes „Futter“ gewesen. Hier liefern sich Bettina Ernst und Rainer Galke einen freundlichen Schlagabtausch, weder hohe Schule des Boulevards noch Strindberg’sche Schlacht. Nur irgendetwas Undefinierbares dazwischen. Vielleicht steckt auch nicht mehr in dem Stück – die Trivialität der Situation, der Vorwürfe, der scheinbaren Probleme gewinnen nie wirkliches, ehrliches, starkes Bühnenleben.

Renate Wagner