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WIEN / Volkstheater: ZU EBENER ERDE UND ERSTER STOCK

22.11.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto:© www.lupispuma.com / Volkstheater

WIEN / Volkstheater:
ZU EBENER ERDE UND ERSTER STOCK von Johann Nestroy
Premiere: 21. November 2015

Wer in seinem Leben schon öfter einmal im Theater war, also nicht als völliger Neuling herumtapst, der wird ganz tief Luft holen müssen angesichts dessen, was die preisgekrönte Regisseurin Susanne Lietzow im Volkstheater als „Nestroy“ serviert, ganz ohne eine Bearbeitung einzugestehen.

„Zu ebener Erde und erster Stock“ verpackt ganz exakt geschilderte, sozial bedingte Verhaltensweise in eine obligate Possenhandlung, aber hier kann mit der diesem Dichter eigenen Schärfe einiges erzählt werden über „die da oben, die da unten“, wobei Nestroy weder mit denen im ersten Stock, noch mit jenen zu ebener Erde sanft verfährt.

Die extrem schäbige Ausstattung von Aurel Lenfert, die zwar oben und unten bietet, aber nicht mehr, und unten rechts noch die Musiker hineinzwängt, die sich immer wieder durch – oft quasi kommentierende – Misstöne bemerkbar machen (Leitung: Gilbert Handler), bietet den Rahmen für Menschen, die keine mehr sind. Nicht nur, aber auch, weil jedem eine Nasenknolle aufgepappt ist, die ihren Gesichtern gewissermaßen etwas Schweineartiges verleiht. Ja, und so verhalten sie sich auch – wobei, man muss es beklommen sagen, beispielsweise eine große Speibe-Orgie bei einem Teil des Publikums durchaus Heiterkeit hervorruft.

Wer sind nun diese Nicht-mehr-Menschen, die sich auch kaum als solche verhalten, grotesk gekleidet, teils ausgestopft (Marie-Luise Lichtenthal), ganz, ganz selten mit der Psychologisierung ihrer bei Nestroy doch so klaren Figuren befasst? Die Handlung wankt gänzlich schwammig, nicht zu greifen daher, die verhaltensspezifische Abgrenzung Arm und Reich funktioniert nicht, und wenn besonders die Armen als abstoßende Kretins dargestellt werden, fühlt man sich unbehaglich. Wozu sind wir denn so verdammt „politisch korrekt“, wenn hier eine wirklich diskriminierende Diffamierung abläuft, die von Nestroy weder so geschrieben noch so gedacht wurde?

Mit Nestroy hat man überhaupt nicht viel am Hut. Wenn die arme Familie Schlucker hier nur noch zwei kleine Kinder hat, dann rollt Haymon Maria Buttinger als quasi debiler 13jähriger herum, aber die fünfjährige Resi im Kinderwagen (Sylvia Bra) schlägt mit kräftigem „Arschloch!“-Geschreie gleich den Ton an, den sich die Regisseurin anstelle des Originals ausgesucht hat. („Tourette-Syndrom!“ wird als Erklärung geliefert.)

Ordinärheit, wo immer möglich, und primitive Kalauer kennzeichnen den Abend, der manchmal ein wenig zeitsatirisch ist (wenn das reiche Mädchen meint, die Armen sollten doch am Balkon Gemüse pflanzen – man kennt die reiche Dame, die solches vorschlug), in den Couplets völlig einbricht (nicht zuletzt, weil eine Phalanx schlechter Sprecher auf der Bühne steht, die man kaum versteht) – und wo man sich von Hans Rauscher (dem Hans Rauscher? Vermutlich) ein großes „politisches“ Couplet schreiben ließ, das dem Miesling des Abends, dem Kammerdiener Johann, in den Mund gelegt wird.

Da muss man allerdings aufpassen, denn er singt vom Zorn eines Teils der Bevölkerung, seine „unerwünschte Meinung“ nicht sagen zu dürfen, vom Ärger gegen die manipulierenden Medien, von den Ängsten über die aktuellen Ereignisse, also von absolut existierenden Dingen. Das bewirkte bei der Premiere natürlich nichts – aber was, wenn wirklich jeder dritte Wiener FPÖ gewählt hat, sich von diesen doch ein paar ins Volkstheater verirren und „Bravo“ rufen? Rauft man dann mit den anderen? Nun sollten Nestroys Couplets immer verstören, und dieses will es auch, aber dieser Schuß kann in die gänzlich falsche Richtung losgehen…

Die vielen Veränderungen des Stücks (wobei nicht von den legitimen Kürzungen die Rede ist), mögen angehen, selbst, dann man eine Figur namens „Fortuna“ erfindet (das ist kein Zauberstück!), als welche Kaspar Locher im goldenen Frack mit goldenem Zylinder schräg durchs Geschehen wankt. Aber die Regisseurin hat auch das Ende ganz gewaltig verändert, wo ja Nestroy metaphorisch zeigt, dass man sich auf das „Glück“ im Leben nicht verlassen kann… Dass die Armen reich werden, ist ja weniger wahrscheinlich, aber man hat schon zugesehen, dass Reiche arm wurden.

Hier allerdings müssen sie das nicht voll erleiden. Kaum sind der Herr von Goldfuchs und seine Tochter ins Elendsparterre übergesiedelt (mit Schutzmasken um den Mund), tun ihnen alle die Armen den Gefallen, an irgendeiner Seuche (oder auch am TBC des Proletariats) zu sterben – Massentod auf der Bühne. Da es auch den Millionenerben dahingerafft hat, dieser aber der (nun nicht mehr reichen) Tochter die Ehe versprochen hat – dann kann man doch das Geld erben? Wahrlich, diese Idee könnte von Nestroy gewesen sein. Sonst war an dem ganzen Abend nichts von ihm zu finden.

Günter Franzmeier, Rest eines „Schotti“-Ensembles (der frühere Direktor saß im Zuschauerraum), ist als armer „Schlucker“ einer von den Prolo-Kretins, unter denen die Salerl (Claudia Kottal) zur Polin wurde: Multi-Kulti, der Herr Zins – so muss man bei Nestroy heißen, wenn man ein Zinshaus besitzt – , treibt sich mit dem ungarischen Zungenschlag herum (Lukas Holzhausen). Die anderen halten es mit der Unverständlichkeit, teilweise sogar bewusst „inszeniert“, wie der Herr von Goldfuchs (Stefan Suske).

Die zentrale Nestroy-Rolle des abgründig betrügerischen Johann wäre bei Sebastian Pass durchaus in richtigen Händen, wenn man halt mehr von ihm verstünde als bestensfalls jedes dritte Wort. Ähnliches muss auch vom Rest des Ensembles vermerkt werden.

Das Publikum freilich pfiff am Ende Zustimmung und klatschte heftig, und erst das Erscheinen der Regisseurin evozierte ein paar Buh-Rufe. Dieses Haus war einst eine Nestroy-Hochburg. Mit dieser Aufführung, die so zielbewusst ins Nichts marschiert, ist es diesbezüglich tief gefallen.

Renate Wagner

 

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